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Offiziell genesen, aber nicht wirklich gesund

Von: Veronika Bräse

Stand: 01.12.2020

Eine Frau mit Maske denkt über Corona nach. | Bild: picture alliance/Vaclav Pancer

Die meisten Covid-19-Erkrankten überstehen die Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 problemlos. Laut WHO sind das rund 80 Prozent der Patienten. Aber: Wer auf der Intensivstation war, leidet meist unter langwierigen Folgen. Das ist normal bei schweren Verläufen von Krankheiten. Doch manchmal leiden auch Menschen unter Spätfolgen, deren Covid-19-Erkrankung mild verlaufen ist.

Covid-19 kann Organe langfristig belasten

Die Covid-19 Erkrankten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden oder nach überstandener Infektion wieder zur Arbeit gehen, gelten in der Statistik als genesen. Aber sind sie das wirklich? Das Bundesgesundheitsministerium geht davon aus, dass "bei dem relativ hohen Anteil von intensivpflichtigen und beatmungsbedürftigen Patienten auch mit Spätfolgen im Sinne von langen Rehabilitationszeiten und möglicherweise bleibenden Beeinträchtigungen zu rechnen ist". 

"Covid-19 ist eine Systemerkrankung, die jede Zelle des Menschen und damit auch jedes Organ betreffen kann. Von einer Langzeitfolge sprechen wir dann, wenn die Beeinträchtigung auch bei vollständiger Abheilung der Akutphase der Erkrankung bestehen bleibt."

Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Offiziell genesene Covid-19 Patienten berichten von Spätfolgen

Es häufen sich Berichte ehemaliger Covid-19 Erkrankten, die immer noch mit den Folgen zu kämpfen haben und nicht wissen, ob sie jemals wieder ganz gesund werden. Lunge, Niere, Herz, Gehirn oder Nervenzellen könnten nach einer Sars-CoV-2- Infektion für längere Zeit geschädigt sein.

Eine Patientin berichtet von ihrer Covid-19-Erkrankung

Watte im Kopf

In der Akutphase meiner Covid-19-Erkrankung hatte ich weder Husten noch Fieber noch Atem-oder Lungenprobleme, dafür starke Gliederschmerzen, Kopfschmerzen und heftigen, bis jetzt anhaltenden Schwindel. Es ist so als hätte man Watte im Kopf, als sei man leicht betrunken - in Kombination mit einer enormen Abgeschlagenheit.

Drei Coronafälle in der Familie

Bei uns gibt es drei Covid-19-Erkrankte. Angesteckt haben wir uns mutmaßlich gleichzeitig im gemeinsamen Hotelurlaub Mitte März auf den Kanarischen Inseln, aber unsere Verläufe könnten unterschiedlicher nicht sein. Meine Mutter (75) und ich (53) würden uns als zuvor gesund und nicht vorerkrankt bezeichnen. Mein Vater (83) ist mit Demenz und Parkinson schwer vorerkrankt - doch er hat Covid-19 körperlich am allerbesten von uns dreien weggesteckt. 

Symptome halten über Monate an

Ich habe sieben Monate nach der akuten Corona-Infektion immer noch Konzentrations- und Gedächtnisprobleme - ich nenne es das "Gaga-Gefühl". Außerdem leide ich an andauernder, bleierner Erschöpfung. Ich bin stehend k.o., schlafe nicht unter 10 Stunden täglich, wache aber morgens auf und bin so erschlagen, dass ich mich sofort wieder hinlegen könnte. Alles ist zu viel, selbst Kleinigkeiten und Freizeitaktivitäten oder Sport sind enorm anstrengend. Ich habe versucht, arbeiten zu gehen, aber es funktioniert nicht, weil es zu viel Kraft kosten würde. 

Müde nach Ärztemarathon

Neurologisch habe ich mittlerweile alles durch: MRT, EEG, Nervenmessung, Lumbalpunktion. Alles ohne signifikante Erkenntnisse. Niemand kann mir sagen, was für den Schwindel, die tauben Gliedmaße und den Brainfog verantwortlich sein könnte. Wie andere Betroffene fühle ich mich schon als Hypochonder und werde von Ärzten teilweise auch so behandelt.

Geschmacks- und Geruchssinn sind beeinträchtigt

Von März bis Mitte Mai 2020 habe ich weder irgendetwas geschmeckt noch gerochen. Es war, wie hinter einer Glaswand zu sitzen. Später kamen starke Eindrücke wie Knoblauch oder Zigarettenrauch wieder durch, aber bis jetzt sind solche Wahrnehmungen wechselnd und schwankend in der Intensität, manchmal verschwinden sie ganz.

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