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Joschi Frank ist krank, Risikopatient - und unversichert.

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    Krank und ruiniert: Schuldenfalle Krankenversicherung

    Joschi Frank ist krank, Risikopatient. Wegen Beitragsschulden ruht seine Krankenversicherung, er kann nicht einfach zum Arzt. Einer von vielen Menschen, deren Gesundheitsversorgung eingeschränkt ist - und das mitten in der Corona-Pandemie.

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    Von
    • Ulrich Hagmann
    • Anna Feininger

    Joschi Frank ist verzweifelt. Über 5.000 Euro versucht der Gerichtsvollzieher bei ihm einzutreiben, für eine Krankenhausrechnung.

    Wegen eines Herzinfarktes wird der Direktor eines kleinen Zirkus zu Weihnachten 2019 in das Krankenhaus Mühldorf eingewiesen. Schon damals ruht seine Krankenversicherung, und Joschi Frank gibt deswegen im Krankenhaus an, er müsse die Rechnung selber zahlen. Das löst eine Kettenreaktion aus.

    Krankenhausrechnung, Gerichtsvollzieher

    Das Grundproblem von Joschi Frank, er kann als kleiner Selbstständiger schon seit über zehn Jahren die Beiträge der AOK nicht mehr bezahlen. Mit Zinsen haben sich gewaltige Beträge angehäuft. Im Dezember 2020 sind es gigantische 200.000 Euro.

    Bis diese Schulden beglichen sind, ruht die Krankenversicherung. Medizinische Versorgung ist nur im Notfall möglich.

    Menschen wie Joschi Frank schulden den gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland 9,58 Milliarden Euro – Stand November 2020. Wie viele Schicksale hinter dieser Summe stehen - dazu gibt es allerdings keine Zahlen.

    Probleme Selbstständiger mit den Krankenversicherungen

    "Man kriegt da langsam einen Tunnelblick, man guckt da nicht mehr hin, man guckt drüber weg, es bleibt einem gar nichts anderes übrig. Alles in sich reinfressen, bringt nichts, das bringt nur Stress und Stress kann ich bei meinem Herzen nicht gebrauchen", erklärt Frank

    Joschi Frank ist mit der Situation überfordert. Die Rechnungen türmen sich. Er muss den Höchstbeitrag von 850 Euro bezahlen, weil es ihm nicht gelingt, der Krankenkasse mitzuteilen, dass er kein Einkommen hat.

    "Die haben immer eine höhere Rechnung geschickt. Es ging von Monat zu Monat immer höher, zum Schluss waren es 800 oder 850 Euro, pro Monat. Wer soll die zusammen kriegen, das verdien' ich gar nicht. Und immer wenn man bei denen angerufen hat, haben die einen von Pontius zu Pilatus geschickt." Joschi Frank

    Notlösungen für medizinische Versorgung

    Als Diabetiker und Herzpatient ist Joschi Frank dennoch auf medizinische Hilfe und Medikamente angewiesen, acht verschiedene am Tag.

    Seit Dezember 2020 greift er deswegen auf das Angebot open.med in München zurück, einem Hilfsangebot der Organisation Ärzte der Welt. Hier erhalten Nichtversicherte wie Geflüchtete oder Obdachlose oder Versicherte mit ruhendem Versicherungsschutz wie Joschi Frank medizinische Versorgung und soziale Beratung.

    Die Kommunikation mit der Krankenkasse und das Gefühl der Ohnmacht überfordert vor allem kleine Selbstständige wie Joschi Frank. In der Corona-Krise spitzen sich die Probleme zu. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen verweist auf das Gesetz, auch die AOK sagt, sie sei gesetzlich gezwungen so zu handeln.

    Die Opposition fordert: Beitragsschulden erlassen

    Auf Antrag der Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen und die Linke diskutiert der Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages über die Problemlage. Die Opposition fordert die Beitragsschulden komplett zu streichen und den Zugang zur medizinischen Versorgung auch für arbeitslose EU-Ausländer, Geflüchtete und Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. In der Expertenanhörung werfen die geladenen Fachleute der deutschen Politik vor, internationale Vereinbarungen zu missachten. Der freie Zugang zur Gesundheitsversorgung sei ein Menschenrecht.

    In der Anhörung sitzt auch die SPD Gesundheitsexpertin Hilde Mattheis. Obwohl die SPD seit Jahren in Berlin mitregiert wurden die Regeln nicht angepasst.

    "Ich glaube einfach, dass es jetzt an der Zeit ist, nach diesen Jahren die Bilanz aufzumachen und zu sagen hier wir wollen, dass diese Beitragsschulden sich nicht weiter aufhäufen. Also, die Bandbreite ist ziemlich groß und zieht sich bis weit in unsere Gesellschaften hinein. Das sind Kneipiers, das sind kleine Inhaberinnen von Bastelläden. Das sind sogar Weinhändler, die auf einmal dann krank sind und überhaupt nicht versichert sind." Hilde Mattheis, SPD Gesundheitsexpertin

    Laut Mattheis hätte die SPD die Schulden längst erlassen, aber die Union sträube sich. Jens Spahn lässt mitteilen, er plane derzeit keinen umfassenden Schuldenerlass. Sein Versichertenentlastungsgesetz habe solche Möglichkeiten eröffnet. Im Übrigen bestehe für alle hier angesprochenen Personengruppen eine angemessene Akutversorgung.

    Happy End für Familie Frank?

    Die Recherchen des BR-Politikmagazins Kontrovers haben Bewegung in den Fall des Zirkus Direktors Joschi Frank gebracht. Das Krankenhaus hat das Mahnverfahren eingestellt, die AOK übernimmt die Rechnung, denn ein Herzinfarkt ist ein Notfall und die AOK überlegt sich, wie sie mit den Beitragsschulden umgehen wird.

    Doch für all die anderen Beitragsschuldner, insbesondere die kleinen Selbstständigen, die in der Corona-Krise in Schieflage kommen, ist keine Lösung in Sicht. Sie werden weiter mit enormen Beitragsschulden ohne ausreichende medizinische Versorgung auf die Politik warten müssen.

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