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Weltklimarat berät über neuen Sonderbericht zum Klimawandel | BR24

© picture alliance/Ulf Mauder/dpa

Noch liegt der Eisbär auf einem Eisberg. Wie schnell das Eis schmilzt und welche Folgen das für die Umwelt hat, zeigt der IPCC-Sonderbericht.

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Weltklimarat berät über neuen Sonderbericht zum Klimawandel

Rund hundert Forscher haben die Auswirkungen der Erderwärmung auf Meere, Eismassen, Tiere und auch auf uns Menschen für den Weltklimarat IPCC analysiert. Vom 20. bis 23. September diskutieren die Forscher über die Formulierungen im Sonderbericht.

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An der Küste wird es den Menschen zu gefährlich, im Meer den Lebewesen zu warm. Bereits jetzt wandern Mensch und Tier ab - die einen in höhere, die anderen in kältere Regionen. Um darzustellen, was passiert, wenn sich die Erde weiter erwärmt, das Eis schmilzt und die Meeresspiegel steigen, haben Wissenschaftler weltweit den aktuellen Stand der Klimaforschung für den Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) zusammengetragen.

Am aktuellen "Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate (SROCC)", dem Sonderbericht über den Ozean und die Kryosphäre in einem sich wandelnden Klima, sind dieses Mal rund 100 Experten aus mehr als 30 Ländern beteiligt. Von heute an diskutieren sie in Monaco mehrere Tage über die genauen Formulierungen; am kommenden Mittwoch wollen sie dann den Bericht präsentieren.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf Wasser und Eis aus?

Mit Kryosphäre (griechisch für kalt oder Eis) werden in der Wissenschaft die gefrorenen Bestandteile der Erde bezeichnet, dazu gehören zum Beispiel Meereis, Gletscher und Schnee. Für den Sonderbericht haben die Forscher die neuesten Erkenntnisse darüber, wie sich der Klimawandel in den Meeres-, Küsten-, Polar- und Bergregionen bemerkbar macht, aus anerkannten Publikationen gesammelt und bewertet. Im Zentrum steht der Einfluss der Erderwärmung auf Wasser in seiner flüssigen und gefrorenen Form.

Wie verändert die Erderwärmung unser Leben?

Die Wissenschaftler haben auch zusammengefasst, wie sich Veränderungen in den jeweiligen Ökosystemen auf den Menschen auswirken: Wovon sind wir besonders betroffen - und inwieweit können wir uns an die veränderten Umweltbedingungen anpassen? Im Bericht wird es zum Beispiel um die Wasserversorgung von Menschen in Hochgebirgsregionen wie dem Himalaja gehen, ebenso um einen steigenden Meeresspiegel und seine Auswirkungen für Küstenbewohner.

IPCC-Bericht soll am 25. September veröffentlicht werden

Vom 20. bis 23. September werden die Forscher mit Delegierten der IPCC-Mitgliedstaaten über die exakten Formulierungen des Reports in Monaco beraten. Am 25. September soll der Report dann verabschiedet und veröffentlicht werden. Die ersten Vorarbeiten dazu begannen bereits im Oktober 2016. Generell enthalten die IPCC-Berichte keine Vorschriften. Sie sind jedoch relevant für politische Entscheidungen, weil sie die wissenschaftliche Basis für künftige Beschlüsse liefern können.

"Dieser Bericht wird verlässliche Informationen dazu liefern, wie der Klimawandel die Ökosysteme der Ozeane, Küsten, Polarregionen und Berge betrifft. Darin wird außerdem diskutiert, wie Natur und Gesellschaft den daraus resultierenden Risiken begegnen können und wie wir eine klimaresistente Entwicklung erreichen." Hans-Otto Pörtner, Meeresbiologe vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II

Gletscher verlieren jährlich etwa 335 Milliarden Tonnen Eis

Wissenschaftler haben bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass mit der Erderwärmung die Eismassen schmelzen und der Meeresspiegel steigt. Weltweit verlieren die Gletscher laut einer Studie vom April 2019 jährlich rund 335 Milliarden Tonnen Eis. Das lässt nicht nur den Meeresspiegel steigen - damit verschwinden auch wichtige Wasserspeicher für Mensch und Natur.

Wegen Klimawandels mit Gummistiefeln auf Gletscher in Grönland

Im Sommer seien auf einigen Gletschern Grönlands Gummistiefel nötig, weil es dort mittlerweile oft Schneematsch gebe, verdeutlicht Angelika Humbert, Glaziologin vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. 2012 sei sogar - erstmals seit Beginn der Satellitenbeobachtung Anfang der 1990er-Jahre - die gesamte Oberfläche von Grönland aufgetaut. Das Wasser dringe dann in dem Eisschild ein und bilde Wasserschichten, die die Eisschmelze wiederum beschleunigen könnten. "Die Eisschilde verlieren an Masse und der Verlust beschleunigt sich. Das ist das Beunruhigende an der Sache", sagt Angelika Humbert.

Erderwärmung lässt Meeresspiegel drei Millimeter pro Jahr steigen

Laut Weltwetterorganisation WMO steigt der Meeresspiegel immer schneller - derzeit im Schnitt mehr als drei Millimeter pro Jahr. Insgesamt sei der Meeresspiegel seit dem Jahr 1900 im weltweiten Durchschnitt schon mehr als zwanzig Zentimeter gestiegen, weiß Ozeanograf Mojib Latif vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten es ein Meter oder mehr werden. Latif befürchtet, dass sich die Eisschmelze auf Grönland oder der Antarktis sehr beschleunigt, verselbstständigt und dann nicht mehr zu stoppen ist.

"Wir wissen nicht, ob solche Kipp-Punkte schon überschritten sind." Mojib Latif, Ozeanograf, Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel

Menschen bekommen steigenden Meeresspiegel zu spüren

"Der Meeresspiegel wird etwa 1.000 Jahre weiter ansteigen, auch wenn wir heute die Temperaturerhöhung stoppen würden", meint Detlef Stammer, Ozeanograf von der Universität Hamburg. Zum Schutz vor Überflutungen plant zum Beispiel New York bereits riesige Schutzbauten für Manhattan und Staten Island. Auf den Fidschi-Inseln sind die Bewohner mehrerer Dörfer bereits in höhere Regionen gezogen.

Klimawandel befeuert "tödliches Trio" in unseren Meeren

Die Ozeane werden wärmer, versauern und enthalten weniger Sauerstoff. "Wir sprechen hier von einem tödlichen Trio", sagt Hans-Otto Pörtner, Meeresbiologe vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. "Die Faktoren verstärken sich gegenseitig." Wärmeres Wasser nehme weniger Sauerstoff auf, und wenn sich der obere Wasserbereich erwärme, werde die Schichtung des Wassers stabiler, so dass den Fischen in den unteren Lagen nicht mehr so viel Sauerstoff zur Verfügung stehe, erklärt Pörtner.

Korallen, Krebse und Schnecken leiden unter Versauerung der Ozeane

Die großen Mengen an Treibhausgasen, die wir in die Atmosphäre entlassen, bringen das Leben im Wasser gehörig durcheinander: Die Ozeane erwärmen sich nicht nur, sie nehmen auch rund ein Drittel des ausgestoßenen Kohlendioxids auf. Dann reagiert es jedoch mit Wasser und wird zu Kohlensäure. Das lässt den pH-Wert des Wasser sinken, die Meere werden saurer. Diese Versauerung bekommen alle Meeresbewohner zu spüren, die eine Kalkschale bilden - unter anderem Korallen, Krebse, Seesterne, Seeigel, Muscheln und Schnecken: "Man sieht schon jetzt eine abnehmende Schalendicke zum Beispiel bei winzigen Flügelschnecken", berichtet Pörtner. Sie seien aber wichtige Nahrung für Fische wie etwa Lachse im Pazifik.

Meeresbewohner wandern wegen Erderwärmung in kühlere Regionen

Weil die Meere wärmer werden, wandern schon jetzt viele Meereslebewesen in Richtung der kühleren Polarregionen. Schon jetzt werde die hochspezifische arktische Tierwelt in einigen Regionen zurückgedrängt, mahnt Meeresbiologe Hans-Otto Pörtner, der zurzeit Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II ist.

Folgen des Klimawandels sind nicht vorhersehbar

Viele Konsequenzen des Klimawandels seien jetzt einfach noch nicht abzusehen. "Wir führen ein gigantisches Experiment auf unserem Planeten aus", fasst Ozeanograf Mojib Latif zusammen.

Der Weltklimarat IPCC

Der Weltklimarat (IPCC) ist eine Institution der Vereinten Nationen. Er wurde 1988 gegründet mit dem Ziel zu klären, welche Gefährdung von der Erderwärmung ausgeht und ob gehandelt werden muss. 195 Länder sind derzeit Mitglied des IPCC. Das Gremium veröffentlicht umfangreiche sogenannte Sachstandsberichte (auch: Weltklimaberichte) und Sonderberichte zu einem bestimmten Thema. Seit seiner Gründung hat der IPCC fünf Sachstandsberichte verfasst, die jeweils mehrere tausend Seiten umfassen. Der neueste, fünfte Weltklimareport wurde in den Jahren 2013/14 veröffentlicht, der sechste soll in den Jahren 2021/22 erscheinen. Bislang hat der IPCC auch mehr als ein Dutzend Sonderberichte herausgegeben: Am 8. August 2019 zum Beispiel hat der Weltklimarat seine Ergebnisse zur Landnutzung und den daraus resultierenden Problemen Verwüstung und Hunger publiziert.

© BR

Satellitenbilder zeigen die Eisschmelze der Arktis.