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Gletscherschmelze weltweit Das Eis schmilzt im Rekordtempo

Die Gletscher schrumpfen immer schneller: In den vergangenen Jahren schwand das Eis bis zu drei Mal schneller als im 20. Jahrhundert. Forscher prophezeihen: Das Schmelzen lässt sich nicht mehr aufhalten.

Stand: 06.11.2020

Seit mehr als 120 Jahren sammelt der World Glacier Monitoring Service (WGMS, Welt-Gletscher-Überwachungsdienst) Daten über die Veränderung der Gletscher weltweit. Referenzgletscher aus fast zwanzig verschiedenen Bergregionen der Welt werden beobachtet, um ein globales Bild zu erhalten, was mit den Gletschern im Klimawandel passiert. Das Fazit lautet: Die Geschwindigkeit der aktuellen globalen Gletscherschmelze ist ohne Beispiel in der Geschichte.

"Die Eisdicke der beobachteten Gletscher nimmt derzeit jedes Jahr zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab. Das ist zwei- bis dreimal mehr als der entsprechende Durchschnitt im 20. Jahrhundert."

Michael Zemp, Direktor des World Glacier Monitoring Service

Traurige Bilanz auch in den Alpen

Im Juni 2020 wurde eine Studie von Geografen der Universität Erlangen-Nürnberg im Fachmagazin Nature Communications veröffentlicht, die erstmals versuchte, das gesamte alpine Gletschervorkommen zu berücksichtigen. Demnach haben die alpinen Gletscher in Frankreich, der Schweiz, Österreich und Italien von 2000 bis 2014 etwa ein Sechstel, also rund 17 Prozent, ihres Eisvolumens verloren. Der größte Gletscher der Alpen, der Große Aletschgletscher im Schweizer Wallis, schmolz um mehr als fünf Meter pro Jahr in den unteren Lagen. Es sind vor allem die Randlagen der Alpengletscher, die in Mitleidenschaft gezogen sind. Sie könnten in Zukunft völlig eisfrei sein, fürchten die Autoren der Studie.

Gletscherschmelze - ein globales Phänomen

Die Gletscherzunge Nigardsbreen in Norwegen hat sich von 2009 bis 2015 deutlich zurückgezogen.

Das langfristige Zurückschmelzen der Gletscherzungen ist ein globales Phänomen, das zeigen die kontinuierlichen Beobachtungen des WGMS. Einzelne Gletscher sind zwar wieder gewachsen, diese Vorstöße sind aber regional und zeitlich beschränkt. Sie reichen bei Weitem nicht an die Hochstände der kleinen Eiszeit (16. bis 19. Jahrhundert) heran. Die norwegischen Gletscherzungen etwa haben sich seit ihrem letzten Hochstand im 19. Jahrhundert um einige Kilometer zurückgezogen. Nur in der Küstenregion stießen die Gletscher in den 1990er-Jahren wenige hundert Meter vor. Seitdem sind sie aber bereits wieder deutlich geschrumpft.

Himalaja-Gletscher werden ein Drittel des Eises verlieren

Auch große Höhe schützt die Gletscher nicht: Selbst die Gletscher im asiatischen Himalaja-Gebirge schmelzen. Mitverantwortlich dafür sind auch Staub und Ruß, die sich gerade in höheren Lagen auf dem Gletschereis ablagern, es dunkel färben und dadurch mehr Sonnenenergie als Wärme speichern. Zu dem Schluss kommt eine Anfang November 2020 im Fachmagazin nature erschienene Studie zu den Himalaja-Gletschern. Die Autoren dieser Studie fürchten, dass selbst bei Erreichen der internationalen Klimaziele die Himalaja-Gletscher bis zum Jahr 2100 ein Drittel ihres Eises verlieren könnten. Falls die Klimaziele nicht erreicht werden, könnten die Temperaturen in der Gebirgsgegend bis zu fünf Grad steigen und damit bis zu zwei Drittel des Gletschereises verloren sein.

Der Kumbhu-Gletscher in Nepal

Denn jährlich verlieren die Gletscher im Himalaja inzwischen etwa doppelt so viel an Eisdicke wie noch vor dem Jahr 2000: etwa einen halben Meter pro Jahr. Das zeigte eine Studie der US-amerikanischen Columbia-Universität in New York im Juni 2019: Die Forscher verglichen Satellitenbilder von mehr als 650 Himalaja-Gletschern aus den vergangenen Jahrzehnten und glichen sie mit Klimadaten ab.

Allerdings geht laut dieser Studie die Schmelze weit oben im höchsten Gebirge der Welt langsamer vonstatten als in tieferen Lagen. Dafür verlieren manche Gletscher in tiefen Lagen sogar bis zu fünf Meter an Eisdicke im Jahr. Hauptursache nach Ansicht der Forscher ist die globale Erwärmung durch den Klimawandel.

Direkt oder indirekt betrifft diese gewaltige Eisschmelze etwa ein Zehntel der Weltbevölkerung, denn rund 800 Millionen Menschen profitieren in irgendeiner Form vom jährlichen Schmelzwasser aus dem Himalaja - ob für Bewässerung oder durch die Nutzung von Wasserkraft.

Eisverluste sind nicht reversibel

Eisverlust von 37 Referenzgletschern weltweit seit 1960

Die großen Eisverluste der letzten beiden Jahrzehnte haben dazu geführt, dass viele Gletscher rund um den Globus aus dem Gleichgewicht geraten sind. Diese werden weiterhin Eis verlieren, selbst wenn der Klimawandel nicht weiter fortschreitet: Gletscher reagieren mit Verzögerung auf den Temperaturanstieg. Der Schrumpfprozess, den der WGMS seit Jahren an Gletschern in zehn Gebirgsregionen weltweit beobachet, wird also anhalten.

Meeresspiegel steigt durch die Gletscherschmelze

Das Schmelzen der Gletscher hat schwerwiegende Konsequenzen für die Natur. Das Gletscherwasser fließt ins Meer und trägt dazu bei, dass der Meeresspiegel steigt. Das bedroht viele Menschen in Ländern wie Bangladesch, Pakistan, Thailand, Indonesien und Ägypten. Millionen leben dort in Gebieten, die unter Wasser stehen, wenn der Meeresspiegel nur um einen halben bis ganzen Meter steigt. Sie müssten umgesiedelt werden, wenn ihr Lebensraum im Meer versänke.

Forscher der ETH Zürich haben im April 2019 eine Studie veröffentlicht, die gezeigt hat, dass der Meeresspiegel in den letzten Jahren im Schnitt um einen Millimeter gestiegen ist, weil die Gletscher weltweit schmelzen. Dazu trugen besonders die Gletscher in Alaska bei, in Patagonien und in den arktischen Regionen rund um den Nordpol. Jährlich verlieren die 19.000 untersuchten Gletscher 335 Milliarden Tonnen Eis. Mit Satellitendaten und Beobachtungen vor Ort schätzten sie den Eisverlust seit 1961 bis 2016, nämlich auf mehr als 9.000 Milliarden Tonnen.

"Weltweit verlieren wir derzeit rund drei Mal das verbleibende Gletschervolumen der europäischen Alpen. Und das jedes Jahr."

Michael Zemp, ETH Zürich

Überschwemmungen durch Gletscherschmelze

Der Gletschersee Cachet in Patagonien hat bereits mehrere Fluten ausgelöst.

Schrumpfende Gletscher sind auch für ihre Umgebung eine Gefahr. Wenn ihr Eis schneller schmilzt als früher, sammelt sich immer mehr Wasser in tiefer liegenden Gletscherseen an. Irgendwann baut sich dort ein so hoher Druck auf, dass die Wände aus Geröll einstürzen und sich das Wasser ins Tal ergießt. Das kann katastrophale Überschwemmungen auslösen. Kritisch ist auch, wenn im Gebiet des Gletschers der Permafrostboden auftaut. Lockeres Gestein kann sich lösen und ins Tal stürzen.

Gletscherschmelze führt langfristig zu Trockenheit

Wenn die Gletscher schmelzen, verlieren sie mehr Wasser. Das tun sie aber nur vorübergehend. Langfristig fließt immer weniger Wasser von ihnen ab. Das wird besonders die Bewohner der Anden und des Himalaja sowie angrenzender Regionen in Schwierigkeiten bringen. In manchen Gegenden sind die Gletscher zeitweise die wichtigste Quelle für Trinkwasser. Auch Landwirtschaft und Industriebetrieben droht Wasserknappheit, wenn die Gletscher verschwinden. Für das Schmelzen der Gletscher gilt also das Gleiche wie für viele andere Folgen der Erderwärmung: Besonders hart trifft sie Menschen in ärmeren Regionen der Welt.

  • Rückzug des Forno-Gletschers im Bergell. Bayern 2-Rucksackradio, 10.10.2020 um 06:05 Uhr, Bayern 2
  • Der Aletschgletscher schmilzt. nano, 18.09.2020 um 17:45 Uhr, ARD-alpha
  • Sterbende Gletscher in Österreich. Gut zu wissen, 08.08.2020  um 19:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Dramatischer Schwund der Himalajagletscher. IQ - Wissenschaft und Forschung, 21.06.2019 um 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Opfer des Klimawandels. Notizen aus dem Glacier National Park, 22.04.2019 um 12:15 Uhr, B5 aktuell
  • Glacier Nationalpark in Montana bald ohne Gletscher. Notizbuch, 28.08.2018 um 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Gletscherschmelze - Klimawandel im Hochgebirge. Faszination Wissen, 18.10.2016 um 22:00 Uhr, BR Fernsehen

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