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Klimawandel in Bayern Längst bei uns angekommen

Der Klimawandel betrifft nicht nur die Eisbären in der Arktis. Er findet auch vor unserer eigenen Haustür statt. Bayerns Gletscher, Tiere und Pflanzen bekommen die Folgen der Erwärmung zu spüren. Wir selbst auch.

Stand: 14.10.2020

Schon klar: Ein Supersommer wie der Sommer 2019 oder 2018 macht noch keinen Klimawandel. Aber wenn Jahr für Jahr die Sommer wärmer sind als früher, kommt man nicht nur ins Schwitzen, sondern auch ins Grübeln. Und es sind nicht nur die Sommer, sondern vor allem die anderen drei Jahreszeiten, die inzwischen jährlich Temperaturrekorde brechen, wie der Winter 2019/20, der bayernweit drei Grad über dem langjährigen Mittel lag.

"Wir erleben die letzten Jahre eine Häufung klimatologischer Rekorde, die sich in der Summe nur mit dem Klimawandel erklären lassen. Mit diesen Rekorden nehmen aber auch Extremereignisse zu, welche direkt oder indirekt uns alle betreffen. Für die Zukunft erwarten wir eine weitere Zunahme solcher Extremereignisse."

Dr. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes im Mai 2018

In Bayern steigen die Temperaturen

Im gesamten Jahresdurchschnitt sind die Temperaturen in Bayern bereits um anderthalb Grad gestiegen - verglichen mit den langjährigen Durchschnittstemperaturen vor Beginn dieses Jahrtausends: Über das gesamte 20. Jahrhundert gerechnet lag Bayerns Durchschnittstemperatur bei 7,5 Grad Celsius, im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts schon bei 9 Grad. Und das Jahr 2018 legte sogar noch ein ganzes Grad obendrauf: Mit 9,9 Grad im Jahresdurchschnitt war es das heißeste, das je bei uns gemessen wurde. Die Durchschnittstemperatur lag aber nur wenig über denen der Jahre 2014, 2015 und 2019. Die globale Erwärmung ist längst in Bayern angekommen. Und sie fällt nicht immer so aus, wie es sich manch Sonnenhungriger erträumt hat.

Anderthalb Grad mit vielen Folgen

Anderthalb Grad, das klingt zunächst nicht viel, bringt aber schon jetzt deutlich messbare Veränderungen mit sich. Skifahrer bekommen das in einigen Regionen bereits zu spüren, denn es ist vor allem in den Wintermonaten wärmer geworden. Bayerns Gletscher sind seit Jahren im Schwinden begriffen und die Jahreszeiten haben sich schon deutlich verschoben. Das Wetter variiert im ganzen Jahr stärker als früher und Extremwetter-Ereignisse wie Stürme, Starkregen, aber auch Dürreperioden haben merklich zugenommen.

Temperaturrekorde weltweit

2020 zweitwärmstes Jahr der Welt

Das Jahr 2020 war laut der Weltorganisation für Meteorologie (World Meteorological Organization, WMO) das zweitwärmste Jahr überhaupt - ganz knapp nach 2016. Die globale Durchschnittstemperatur betrug mit 14,9 Grad Celsius 1,2 Grad Celsius mehr gegenüber dem vorindustriellen Niveau (1850 bis 1900). Damit setzt auch das Jahr 2020 einen Trend fort: Das Jahrzehnt von 2011 bis 2020 ist das heißeste überhaupt gewesen. Seit den 1980er-Jahren war jedes Jahrzehnt wärmer als das vorherige. Die sechs wärmsten Jahre fanden alle seit 2015 statt - 2016, 2019 und 2020 waren die wärmsten.

"Die Bestätigung der WMO, dass 2020 eines der wärmsten Jahre überhaupt war, ist eine weitere deutliche Erinnerung an das unerbittliche Tempo des Klimawandels, der Leben und Lebensgrundlagen auf unserem Planeten zerstört. Heute sind wir bei 1,2 Grad Celsius Erwärmung und erleben bereits beispiellose Wetterextreme in jeder Region und auf jedem Kontinent. Wir stehen vor einem katastrophalen Temperaturanstieg von 3 bis 5 Grad Celsius in diesem Jahrhundert. Frieden mit der Natur zu schließen, ist die bestimmende Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Es muss für alle überall oberste Priorität haben." UN-Generalsekretär António Guterres

Außergewöhnliche Temperaturen - trotz La Niña

"Die außergewöhnliche Hitze des Jahres 2020 trat trotz La Niña auf, dabei wirkt das Phänomen vorübergehend kühlend", sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. "Es ist bemerkenswert, dass die Temperaturen im Jahr 2020 praktisch auf dem Niveau von 2016 lagen, als wir eines der stärksten Erwärmungsereignisse - El Niño - verzeichneten."

Das Jahr 2016 hält laut WMO bislang den globalen Temperaturrekord. In diesem Jahr lag die weltweite Durchschnittstemperatur wie im Jahr 2020 um 1,2 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Der Unterschied zwischen 2020 und 2016 sei "marginal" und unter Berücksichtigung der Fehlermarge seien die Jahre 2016, 2019 und 2020 praktisch nicht zu unterscheiden, teilte die WMO mit.

"2020 war leider ein weiteres außergewöhnliches Jahr für unser Klima. Wir haben neue extreme Temperaturen an Land, im Meer und besonders in der Arktis gesehen. Waldbrände vernichteten weite Gebiete in Australien, Sibirien, an der Westküste der USA und in Südamerika, die Rauchwolken umrundeten die ganze Erde. Wir haben eine Rekordzahl an Hurrikanen im Atlantik gesehen, einschließlich beispielloser Hurrikane der Kategorie 4 in Mittelamerika im November. Überschwemmungen in Teilen Afrikas und Südostasiens führten zu massiven Umsiedlungen der Bevölkerung und gefährdeten die Ernährungssicherheit von Millionen Menschen." So fasste WMO-Generalsekretär Petteri Taalas das Jahr 2020 zusammen.

Beispiele von weltweiten Extremereignissen 2020 - I

Die Zusammenfassung der WMO, die die Daten von Januar bis Oktober 2020 berücksichtigt, nennt viele Beispiele für Wetterextreme, darunter:

  • Die erstaunlichste Erwärmung wurde in Nordasien beobachtet, insbesondere in der sibirischen Arktis. Dort lagen die Temperaturen 2020 rund 5 Grad Celsius über dem Durchschnitt.
  • In einem Ort in Sibirien wurden am 20. Juni 2020 38 Grad Celsius erreicht, die bislang höchste bekannte Temperatur nördlich des Polarkreises.
  • Seit Mitte der 1980er-Jahre hat sich die Arktis mindestens doppelt so schnell erwärmt wie der weltweite Durchschnitt. Dies verstärkt den langen Abwärtstrend der Meereis-Ausdehnung in der Arktis.
  • Das arktische Meereis hatte im Juli und Oktober 2020 die geringste Ausdehnung seit Beginn der Messungen.
  • Grönland verlor 2020 rund 152 Gigatonnen Eis.
  • Seit Anfang 1993 steigt der Meeresspiegel weltweit um rund drei Millimeter pro Jahr.
  • Die Versauerung der Ozeane nimmt weiter zu. Der durchschnittliche pH-Wert sinkt kontinuierlich.
  • Ein Großteil der Meere erlebte im Jahr 2020 mindestens eine starke Erwärmung.

Beispiele von weltweiten Extremereignissen 2020 - II

  • Millionen Menschen waren 2020 von Überschwemmungen betroffen, zum Beispiel in Ostafrika und in der Sahelzone, in Südasien, China und Vietnam. Allein in Afrika forderten die Überflutungen Hunderte von Todesopfern.
  • Indien erlebte eine der zwei feuchtesten Monsun-Zeiten seit 1994.
  • Der August 2020 war der feuchteste Monat überhaupt in Pakistan.
  • Schwere Dürren traten 2020 in Südamerika auf. Am stärksten betroffen waren Argentinien, Paraguay und Brasilien. Allein in Brasilien lagen die geschätzten Verluste in der Landwirtschaft bei drei Milliarden US-Dollar.
  • In den USA ereigneten sich im Spätsommer und Herbst die größten jemals verzeichneten Waldbrände.
  • Im kalifornischen Death Valley wurden am 16. August 2020 54,4 Grad Celsius erreicht. Die höchste bekannte Temperatur der letzten 80 Jahre.
  • Hitzewellen traten unter anderem auch in der Karibik, in Australien und in Europa auf. In Jerusalem wurde eine Rekordtemperatur von 42,7 Grad, in Kuwait von 52,1 Grad erreicht.

Beispiele von weltweiten Extremereignissen 2020 - III

  • Die Anzahl der Wirbelstürme war 2020 weltweit hoch. Besonders in der Nordatlantikregion traten mit 30 Wirbelstürmen mehr als doppelt so viele wie im langjährigen Durchschnitt (1981-2010) auf.
  • Im November, wenn die Hurrikan-Saison normalerweise schon nachlässt, trafen noch einmal zwei Stürme der Kategorie 4 Zentralamerika, was zu verheerenden Überschwemmungen führte.
  • Der Zyklon Amphan, der im Mai 2020 im Nordindischen Ozean auftrat und die Küstengebiete in Indien und Bangladesch traf, war der teuerste je gemeldete tropische Wirbelsturm: Die wirtschaftlichen Verluste beliefen sich auf rund 14 Milliarden US-Dollar.
  • In Europa war 2020 das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Durchschnittlich war es 1,6 Grad Celsius wärmer als im Referenzzeitraum 1981 bis 2010 und 0,4 Grad Celsius wärmer als im bisherigen Rekordjahr 2019.
  • In Deutschland war das Jahr 2020 das zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen.

Klimawandel heizt der Welt ein

Weltweit sind die Temperaturen merklich gestiegen, seit 1880 mit den Wetteraufzeichnungen begonnen wurde. Diese Animation zeigt die Entwicklung von 1880 bis 2015, dargestellt immer als globale Abweichung der 5-Jahres-Mittel vom Mittelwert der Jahre 1951 bis 1980. Blaue Farben zeigen, hier war es im fünfjährigen Durchschnitt kühler als im Referenzzeitraum, rote Farben zeigen höhere Temperaturen als in der Vergleichsperiode.

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Earth's Long-Term Warming Trend, 1880-2015 | Bild: NASA Video (via YouTube)

Earth's Long-Term Warming Trend, 1880-2015

Mehr Wärme, mehr Regen - auch in Bayern

Höhere Temperaturen bedeuten aber nicht schöneres Wetter, im Gegenteil: Durch erhöhte Lufttemperaturen verdunstet mehr Wasser. Mancherorts häufen sich dadurch Dürreperioden, wie sie der Norden Bayerns immer häufiger erlebt. Zugleich kann eine wärmere Atmosphäre auch immer mehr Wasserdampf aufnehmen: Mit jedem Grad Erwärmung kann die Atmosphäre sieben Prozent mehr Wasser speichern - und als Niederschlag wieder abgeben. Zugleich vergrößern höhere Lufttemperaturen auch das Gewitterrisiko. Extreme Wetterereignisse nehmen dadurch zu.

Klimawandel macht Tieren und Pflanzen zu schaffen

Bayerns Tier- und Pflanzenwelt reagiert längst auf das veränderte Klima. Flora und Fauna in den Alpen sind besonders vom Klimawandel betroffen. Auch am Verhalten mancher Vögel lassen sich die Folgen des Klimawandels beobachten: Viele Zugvögel brechen im Herbst nicht mehr gen Süden auf. An Land- und Forstwirten gehen die Veränderungen ebenfalls nicht vorbei: Während wärmeliebende Pflanzen wie Mais und Zuckerrüben besser wachsen und sich die Bauern über höhere Erträge freuen, nehmen auf der anderen Seite Schädlinge wie der Borkenkäfer zu. Bei warmen Temperaturen vermehrt er sich explosionsartig.

Drastische Veränderungen stehen Bayern bevor

Studien zum Klimawandel







Neben zahlreichen Klimaforschungsprojekten von Universitäten und anderen Instituten lässt auch die bayerische Regierung in Studien prüfen, wie stark der Klimawandel Bayern betrifft und welche Klimaveränderungen auf uns noch zukommen könnten: Seit 1999 nimmt beispielsweise das Projekt KLIWA alle verfügbaren Wetterdaten seit 1931 genau unter die Lupe und veröffentlicht alle fünf Jahre einen aktualisierten Monitoringbericht über den Ist-Zustands des Klimawandels in Bayern, zuletzt 2016.

Bayerns Klima-Zukunft: Heiß statt Eis

Ganze Ökosysteme in Bayern durch die Erderwärmung bedroht

Die stetig steigenden Temperaturen in Bayern betreffen aber nicht nur einzelne Tier- und Pflanzenarten, sondern ganze Ökosysteme - etwa Wälder, Seen oder Graslandschaften. Um den Anforderungen des Klimawandels begegnen zu können, erforschen Wissenschaftler nicht nur, welche Auswirkungen die Klimaerwärmung in Bayern schon hat und zukünftig haben wird, sondern auch, wie bayerische Ökosysteme und die heimische Artenvielfalt geschützt werden können. 2013 erschien dazu ein Maßnahmenkatalog des Projekts FORKAST im Auftrag der Landesregierung:

Maßnahmen gegen den Klimawandel in Bayern

Wälder

Dürren beeinträchtigen das Wachstum der Bäume. Daher werden Fichten an gefährdeten Standorten durch Laubbäume wie Buchen und Eichen ersetzt. Doch statt auf Monokultur mit der relativ robusten Rotbuche zu setzen, raten Forscher dazu, die genetische Vielfalt zu erhalten und Eichen-Mischwälder mit Hainbuche, Linde, Elsbeere oder Esskastanie zu fördern.

Grünland

Graslandschaften erholen sich in Dürre-Zeiten schneller, wenn auf Artenvielfalt gesetzt wird. Pflanzen aus Tieflagen können bei Klimaerwärmung durchaus in höheren Lagen leben. Bestimmte alpine Arten benötigen allerdings Kälteperioden. Forscher raten in den Alpen zu einer extensiven Beweidung der Grünflächen, um die Vielfalt zu erhalten und seltene Arten zu schützen.

Seen

Eine Erhöhung der Wassertemperatur kann die Invasion nicht-heimischer Wasserpflanzen nach sich ziehen. Besonders Wasserpest und Nixenkraut fühlen sich in bayerischen Gewässern wohl. Matten aus Jutegewebe sollen die fremden Pflanzen unterdrücken, während heimische wie das Zwerg-Laichkraut und das Ährige Tausendblatt ungehindert wachsen können.

Böden

Die Qualität von Böden wird maßgeblich durch die Aktivität von Bakterien und Pilzen bestimmt. Sie zersetzen organisches Material und reichern den Boden dadurch mit Nährstoffen an. Starkregen hat kaum Auswirkungen auf die Qualität der Böden, Dürrezeiten jedoch schon. Allerdings regeneriert sich die Bodenqualität sehr schnell wieder, sobald es regnet.

Moore

Moore binden Kohlenstoffdioxid und wirken damit dem Treibhauseffekt, der Ursache für die globale Erwärmung, entgegen. Daher sollten extensiv genutzte Wiesen in Mittelgebirgslagen besonders geschützt werden. Allgemein gilt: Um möglichst viel CO2 zu binden, sollte bei Mooren der Wasserstand erhöht, die Artenvielfalt gefördert und die Nutzungsintensität verringert werden.

FORKAST

Das Forschungsprojekt FORKAST, das vom bayerischen Wissenschaftsministerium bis Ende 2012 gefördert wurde, hat die Auswirkungen des Klimawandels auf bayerische Ökosysteme untersucht und einen Maßnahmenkatalog erstellt.

Sendungen zum Thema:

  • Hitze und Dürre – So wird sich Deutschland verändern. Planet Wissen, 07.06.2021 um 18:15 Uhr, ARD-alpha
  • Klimawandel in Deutschland. SMS - Schwanke meets Science, 17.11.2020 um 19:15 Uhr, ARD-alpha
  • Der Klimawandel vor unserer Haustür. Zeit für Bayern, 18.01.2020 um 21:05 Uhr, Bayern 2
  • Klimawandel 2019 - Rückblick auf ein bewegtes Jahr. Notizbuch, 19.12.2019 um 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Extreme – das neue Normal? Klimawandel in Bayern. 28.10.2019 um 20:15 Uhr, ARD-alpha
  • Klimawandel in Bayern. DokThema, 27.03.2019 um 22:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Wenn die Zugspitz' schwitzt: 26.08.2018, 14.30 Uhr, natur exclusiv, BR Fernsehen.
  • Klimawandel - Diskussion um Dürreversicherung: 26.08.2018, 7.05 Uhr, Aus Landwirtschaft und Umwelt, B5 aktuell.
  • Wie der Klimawandel unser tägliches Leben verändert: 22.08.2018, 18 Uhr, Abendschau, BR Fernsehen.
  • Alpen in Gefahr - Die Folgen des Klimawandels: 20.08.2018, 14 Uhr, ARD-alpha.

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