Weltbummeltag Warum es sich lohnt, kein Ziel zu haben

Wer hinausgeht, hat meistens ein Ziel, etwa in Form von Einkauf, Arbeitsweg, Sport. Aber Bummeln will etwas ganz anders: Die Ziellosigkeit, das Schlendern, die zufällige Begegnung. Eine kleine Kulturgeschichte des Bummels.

Von: Agnes Popp

Stand: 18.06.2021 | Archiv

Ein Spaziergang im Regen mit Schirm - derzeit gang und gäbe. Gesehen im Bayerischen Odenwald bei Eichenbühl im Landkreis Miltenberg. | Bild: Roland Schönmüller, Eichenbühl-Heppdiel, 08.06.2021

"Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn": Goethe wusste es bereits zu schätzen – das Gehen um seiner selbst willen, ohne Ziel. Vielen Künstlern und Denkern, von Montaigne über Beethoven bis Kierkegaard, kamen die besten Gedanken beim ziellosen Schlendern. In unserer Zeit ist für das Schlendern eigentlich kein Platz mehr: Das meiste, was wir tun, ist zweckgerichtet und zeitlichen Bestimmungen unterworfen.

Seit Corona ein Volkssport: das Spazierengehen

Aber seit Corona ist alles anders. Zum Beispiel wird wieder mehr geschlendert. Was bisher etwas für Senioren, Mütter mit Kinderwägen oder verliebte Pärchen war, haben einer Studie zufolge seit Beginn der Pandemie vor allem junge Menschen für sich entdeckt. Statt "Lass uns mal einen Kaffee trinken“ heiße es jetzt: "Lass uns mal spazieren gehen“, stellt die Kulturwissenschaftlerin Gudrun M. König fest. Der Spaziergang hat in Coronazeiten eine neue soziale Bedeutung bekommen. Und noch etwas ist bemerkenswert: Spaziergehen gehört zu den Dingen, die man selbst dann noch tun durfte, als kurzzeitig sogar das Verweilen auf einer Parkbank verboten war.

Zwischen Spazieren und Schlendern gibt es allerdings einen feinen Unterschied: Ist das Spazierengehen doch immer noch mit einer gewissen Absicht verbunden – und sei es nur die, sich zu erholen oder sich Bewegung zu verschaffen–; hat sich das Schlendern dagegen von Sinn und Zweck befreit. Das Wort stammt aus dem Niederdeutschen: "Slendern“. Das wiederum leitet sich von „Schlingen“ ab, was ursprünglich "gleiten, winden“ bedeutete. Im 17. Jahrhundert wird es in die hochdeutsche Studentensprache übernommen und zum "Schlendern“, zum gemächlichen Gehen also. Wer schlendert, bewegt sich ungezwungen, mit einer gewissen Lässigkeit – und einer Portion Selbstsicherheit.

Muße muss man sich leisten können

Im Schlendern steckt immer schon ein Privileg: Bis zum 17. Jahrhundert war es dem Adel vorbehalten, der in seinen Barockgärten lustwandelte. Zur Zeit der Aufklärung kam es dann im gehobenen Bürgertum so richtig in Mode. Wer schlendert, kann es sich leisten: Schlendern ist zur Schau gestelltes Nichtstun. Und taugt damit auch als Statussymbol.

Die französische Literatur setzt schließlich mit der Figur des "Flaneurs" dem Schlendern ein Denkmal. Das Terrain des Flaneurs ist die Großstadt – allen voran Paris. Der berühmteste unter ihnen ist wohl Frédéric Moreau, die Hauptfigur von Gustave Flauberts Roman "L’Education sentimentale". Er streift ziellos durch Straßen und über Plätze, sein schweifender Blick bestimmt dabei auch die literarische Erzählweise. Der Flaneur sammelt unzählige Eindrücke, die allesamt flüchtig sind und kein nachvollziehbares Gesamtbild ergeben. Die Großstädte wachsen, die Industrialisierung treibt den technischen Fortschritt voran und alles scheint immer schneller zu werden. Die Wahrnehmung des Flaneurs ist fließend und bruchstückhaft – und entspricht dabei der allgemeinen Wahrnehmung am Beginn der Moderne. Der deutsche Philosoph und Kulturtheoretiker Walter Benjamin füllt den Begriff des Flaneurs dann in seinem Passagen-Werk, an dem er 1927 zu arbeiten beginnt, aber es nie vollenden wird: Bei seinen Streifzügen durch Pariser Passagen, Straßen und Warenhäuser (und bei seinen geistigen Streifzügen in der Bibliothèque nationale de France) entwickelt er seine Geschichtsphilosophie.

Mit dem „Schlendrian“ verliert das Schlendern endgültig seine bürgerliche Reputation: Man verbindet es nicht mehr mit gepflegter Lässigkeit, sondern mit Nachlässigkeit. „Schlendrian“ bezeichnet eigentlich eine Arbeitsweise, die träge, ineffizient und fehlerhaft ist. Der Schlendrian als Person hat sich dieser Arbeitsweise hingegeben – und seine Gleichgültigkeit hat so gar nichts Erhabenes mehr.

Der Norddeutsche schlendert, der Bayer strawanzt

Aber dann gibt es da noch das Strawanzen, das in all seiner Liederlichkeit doch auch etwas Rebellisches, Extravagantes und Liebenswertes hat. Das Strawanzen, das auch im Österreichischen üblich ist, ist tief in der bayerischen Mentalität verankert. Die Gebrüder Grimm führen es in ihrem legendären Wörterbuch auf das italienische stravagante zurück, was soviel wie „sonderbar, seltsam“ heißt. Der "Strawanzer" treibt sich herum, allerdings nicht ganz so ziellos, wie es zunächst scheint: Der bayerische Vagabund ist immer auf der Suche nach etwas Neuem und stets auf Achse. Er vereint das Abwegige mit dem Hintersinnigen – und ist damit auch ein typisch bayerischer Querdenker.

Selbst Goethe, der sich aufmacht, "nichts zu suchen", findet am Ende natürlich doch etwas: ein Blümchen, "wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön“. Entsprechend lautet der kurze Titel seines Gedichts auch: "Gefunden". Vielleicht ist dies das Besondere am Schlendern: Es ist offen für das Unerwartete, die Begegnung, den Zufall, die Entdeckung. Etwas finden, ohne gesucht zu haben, ist doch das Beste, was einem passieren kann.