Tempolimit Weniger Tempo ist mehr Straße für alle!

Beim Tempolimit werden vor allem Verkehrssicherheit und Ökologie angeführt. Aber es gibt auch eine soziale und gesellschaftliche Komponente. Und zwei Parteien treten gerade für Tempo 130 ein. Grund zur Hoffnung? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 11.10.2021

Tempo 130 Schild in Herz Form | Bild: BR

Nordkorea, Afghanistan, Somalia und Deutschland sind Länder ohne Tempolimit. Damit gehören sie einer sehr kleinen Zahl von Ländern an, die fest an die Dreieinigkeit von Hubraum, Drehzahl und Bleifuß glauben (oder daran, dass wer auf Schotterpisten Rennen fährt, sowieso bald das Zeitliche segnet). Jetzt könnte allerdings das zentrale Bollwerk aller Tempophilen, vulgo Raser fallen – SPD und Grüne sind für ein Tempolimit von 130. Ihr Argument: Die Klimaziele ließen sich sonst nicht erreichen. Aber brauchen wir die Beschränkung nicht auch für etwas anderes –  für mehr Gleichheit auf den Straßen? 

Spaltung der Gesellschaft auf der Überholspur 

Schauen wir uns doch mal an, wer die linke Spur auf den Autobahnen gepachtet hat? Sportwagenfahrer, SUVs mit 5 Liter Hubraum, Vertreter und Möchtegern-Rennfahrer, die sich bisher zwar nur einen Kleinwagen leisten können, den aber dafür mit maximaler PS-Zahl. Von letzteren abgesehen, sind das entweder Leute, die wohlhabend bis reich sind oder sich nicht darum scheren, was der Wagen verbraucht, da es sich um einen Firmenwagen handelt. Rasen ist teuer – sowohl in der Anschaffung als auch im Betrieb. Jeder Pendler weiß, dass sein Fahrstil entscheidend ist für den Verbrauch – kontinuierlich 130 zu fahren wird an der Tankstelle belohnt. Hingegen ständig abzubremsen und zu beschleunigen ist teuer. Also: Es ist gar nicht der Otto-Normal-Pendler, den ein Tempolimit trifft – sondern Menschen, denen die Umwelt, ihr eigener Blutdruck und manchmal auch die Verkehrssicherheit egal ist (ja, ich meine Euch, die ihr zu dicht auffahrt). In den Niederlanden oder Italien kann jeder überholen, ohne zum Verkehrshindernis zu werden (bzw. so behandelt zu werden). Statistisch ist bewiesen, dass bei gleicher Geschwindigkeit alle im Durchschnitt schneller vorankommen. Staus, die aus dem abrupten Abbremsen entstehen, würden weniger werden. Wir alle hätten mehr Autobahn! Mehr freie Fahrt für freie Bürger! Und nicht nur für ein paar Raser. 

Und natürlich hat ein Tempolimit auch einen Steuerungseffekt: Mehr Menschen werden auf die Bahn umsteigen. Weil das Navi dann ehrlicher wird: 200 als Durchschnittsgeschwindigkeit ist irreal in Europa – außer im ICE. Staus und Baustellen sind die Regel – wissen alle. Und deswegen sind wir fast immer schneller, wenn wir einen Lokführer fahren lassen. Selbst der Formel 1 Fahrer Sebastian Vettel kann zwischen Rennstrecke und Autobahn unterscheiden – wäre schön, wenn ihm viele bei der Forderung nach Tempo 130 nachfolgen würden.  

 Kein Recht des Schnelleren mehr 

Nein, ein Tempolimit ist kein Ausdruck von Bürgerfreiheit, so wenig wie sich nicht anzuschnallen. Denn Freiheit gibt es nie absolut. Freiheit ist wesentlich für eine Demokratie, das ist richtig. Aber in einer Demokratie muss über sie verhandelt werden: Deine Freiheit darf meine nicht konterkarieren. Wenn Dein Bleifuß meine Umwelt zerstört – und das eine Mehrheit auch so sieht –, dann braucht es ein Tempolimit.  

Deutschland wird auch nach dem Tempolimit ein freies Land bleiben – und ein gerechteres werden. Mehr freie Fahrt für alle. Kein Recht des Schnelleren. Und ich hätte nichts dagegen, wenn meine Kinder eines Tages 180 auf der Autobahn für so absurd halten wie Rauchen in einem Restaurant. Und für die, die ohne Vergaserlärm und roten Drehzahlbereich nicht leben können, gibt es noch die Wochenenden auf dem Nürburgring. Oder die Gebirgspässe von Afghanistan. Oder die Schotterpisten von Somalia.