Trap House Münchens Geisterhaus der Kunst verschwindet

In der Steinheilstraße14 spukt es, sagt man. Grob verputzt, etwas vergilbt, die Fenster verblichen. Von außen scheint es ein ganz normales Haus zu sein. Doch hinter diesen Mauern haben Farbexplosionen stattgefunden. Ein leerstehendes Gebäude ist zur Leinwand geworden: zum Trap House. 

Von: Flora Roenneberg

Stand: 10.05.2021 | Archiv

Trap House: Wolkenzimmer | Bild: Flora Roenneberg

30 Künstler haben sich diese Räume seit April 2021 zu eigen gemacht und das demnächst entkernte Haus in einen Ort der Kunst verwandelt. Sie meinen, dass der Spuk sie nicht weiter stört. "Strom geht manchmal, geht manchmal nicht. Je nachdem, wie die Geister das so wollen", sagt Dino Maat, der Initiator des Projekts. Er erzählt von vorgeschobenen Riegeln, verschlossenen Türen, die sich ab und zu öffnen, und von Lichtern, die an und aus gehen.

broke.today: Plattform für Künstler

Das mit den Geistern fing aber erst so richtig an, als die Künstler sich an die Wohnung im zweiten Stock machten. Hier fanden sie nikotinbraune Tapeten, eine schimmelige Plastikdusche in der Küche und das Buch "Mein Kampf" in der Schublade. Das seit 2019 aktive Künstlerkollektiv broke.today tapezierte die Wohnung mit den auf dem Dachboden entdeckten Pornoheften. Seitdem ist man nicht mehr allein in der Wohnung, wie Fillin Guas, der Gründer von broke.today, erzählt. Stolz zeigt er auf das Pornozimmer. Fast alles ist geblieben, wie es vor langer Zeit verlassen wurde, nur von den Wänden lächeln einem nun nackte, vergilbte Frauen entgegen. Im Nebenraum deutet Guas auf eine Zeichnung der heiligen Maria, die ihr Bit-Coin-Baby im Arm wiegt. 

Das Porträt ist umgeben von einem Geldkranz, der sich aus 500 Milliarden Reichsmark – ebenfalls auf dem Dachboden entdeckt – zusammensetzt. "Das ist die Religion von heute", meint der Künstler. Für ihn und sein Kollektiv geht es um mehr. Es geht um Zusammenhalt – und die gemeinsame Kreation. broke.today ist eine Plattform – und ein Mindset, das Künstler zusammenbringt. Fillin Guas, der sich ironisch "Dollarhorty" nennt, erklärt: "broke.today heißt eigentlich, Sachen zu machen, ohne reiche Eltern zu haben, und es trotzdem zu tun. Wir haben nie Geld, also der Name ist Programm. Und es ist auch wichtig, dass es trotzdem getan wird. Obwohl wir kein Geld dafür haben. Irgendwie gibt es immer einen Weg."  

Kunst zieht ein und wieder aus 

Das Kulturreferat hat das Trap House unterstützt. Es ist jedoch – wie so oft – nur eine Zwischennutzung für die Kunst. Wenige Wochen lang durften sich die Künstler hier austoben und dieses Haus verwandeln. Doch nun muss die Kunst schon wieder ausziehen und das Traphouse muss Platz für neue Wohnungen machen. Münchens Kulturreferent Anton Biebl verteidigt das Konzept der Zwischennutzung: "Ich bin ein richtiger Fan von Zwischennutzungen, weil wir dadurch Räume, die Mangelware sind, zur Verfügung stellen können. Und ich finde die Verbindlichkeit wichtig, dass man Auszugstermine entsprechend einhält. Wichtig ist mir auch, dass sich diese Zwischennutzungen über einzelne Formate, also Kunstsparten, verteilen, und dass es auch die Möglichkeit gibt, ein Einkommen zu erzielen. Es werden Arbeitsmöglichkeiten, Auftrittsmöglichkeiten, geschaffen – und manchmal wird aus verschiedenen Akteuren etwas Dauerhaftes."  

Die Zwischennutzung des Traphouse endet diese Woche. Die nur vorübergehende Nutzung wirft die Frage auf, was uns Kunst heute wert ist. Fillin Guas glaubt daran, dass eines Tages genau solche Orte nicht mehr Platz machen müssen, sondern bleiben dürfen und zu Institutionen werden. Orte, an denen Kunst und Begegnung stattfinden kann. Der Künstler wünscht sich ein München, wie es in den 70er-Jahren war.  

Unsichtbare Kunst 

Wegen der Corona-Beschränkungen entstand das bunte Farbspektakel im Verborgenen, bis auf ein paar Click&Meet-Ausstellungs-Termine fand kein Austausch mit dem Publikum statt. Trotzdem wird einem der Wert der Kunst im Traphouse drastisch vor Augen geführt. Über mehrere Stockwerke hinweg erstreckt sich hier eine Explosion der Kreativität. Es riecht nach Farbe, Staub und alten Pantoffeln. Zwischen Typografie, Installationen aus Skulpturen, Tape-Art und Graffiti gibt es kaum einen leeren Fleck zu entdecken. In jeder Nische lauert ein Detail. In einem Zimmer begegnet einem Markus Söder auf einem Vorhang, mit seinem Double im Fenster, blau-weiße Rauten schmücken den Boden, ein Kruzifix und Schweine füllen den Raum. Im gegenüberliegenden Zimmer klebt Angela Merkel auf dem Kühlschrank und blickt kritisch hinüber zu Söder ins Bayernzimmer. 

Ein goldenes, mit Wärmedecken verkleidetes Klo befindet sich einen Stock tiefer im Treppenhaus. Ein paar Wände weiter sieht man die Hand eines Ertrinkenden im Wasser, darunter den Spruch: "Leave no one behind". In einem anderen Zimmer sind verschiedene Nasen-Charaktere zu sehen – hier hat sich ein Künstler in den Zeiten der Maske seiner Nasensehnsucht gewidmet. An derselben Wand treffen sich diese Nasen mit lachenden Space-Palmen. Ein Gemeinschaftswerk. Im Stock darunter fliegen einem stolze Hühner und flatternde Hähne entgegen. 

Dazwischen erhascht man den Blick in ein Wolkenzimmer, in dem die Himmelsfarben sich in einem Spiegel abwechseln, und den Besucher für kurze Zeit den Regen vor der Tür vergessen lassen. Mit jeder Stufe der knarzenden Holztreppe springen einem neue Farben, Figuren und Grimassen entgegen. Eine Wand voller Schlüssel, eine Wand voller Tabakpäckchen, Wände voller Schriften und Symbole. Alle Künstler sind ausgewählte, engagierte Undergroundartists. Das war den Initiatoren sehr wichtig. Ihnen geht es bei dem Projekt vor allem darum, Raum für Kunst zu ermöglichen, Nachwuchskünstler zu fördern und einen Ort der Kultur und Begegnung zu schaffen.  

Künstlergenerationen wachsen zusammen

Die Graffiti-Art im Trap House ist auch eine Hommage an die Münchner Subkultur der ersten Stunde. Der Künstler Ralf Spitzer aka Shamey, der das Trap House mitgestaltet hat, ist seit den 90ern Teil der szenebekannten ABC-Crew und warb für das Projekt frühe Graffiti-Künstler an.

Er erzählt von seinem Vorbild, dem er schon als junger Künstler beim Sprayen zusah, und der nun hier den Dachboden gestaltet hat. Das Trap House zeigt, wie Generationen durch ihre Kunst zusammenwachsen. "Bei diesem Projekt hat es geklappt, dass jung und alt zusammenkommen und Techniken teilen. Künstler*Innen zwischen 20 und 55 haben hier zusammengearbeitet. Und das ist sehr selten im Graffiti. Das war super zu sehen, dass es klappen kann“, sagt Fillin Guas.  

Kunst verschwindet   

Die Wohnungen der Steinheilstraße 14 wurden zu Ateliers, dann zu Ausstellungsräumen, schließlich das Haus zu einem Gemeinschaftskunstwerk. Nun muss die Kunst wieder gehen. An sein Kunstwerk – eine Wand im Treppenhaus mit einem Goldfisch-Penis-Spray-Painting – gelehnt, erklärt der Künstler Ralf Spitzer tapfer: "Man muss als Sprayer loslassen können." Mit geradezu buddhistischer Gelassenheit betrachten die Künstler ihre Kunst und das erschaffene mehrstöckige Werk. "Alles ist vergänglich", betonen Guas und Maat, "es geht immer um Raum und Zeit". Als Graffiti-Artists sehen sie sich stets mit dem Wandel konfrontiert. Ihnen geht es dabei um den Moment, den man kreiert – und dann kommt wieder etwas Neues. "Wir verlassen dieses Haus mit einem lachenden und einem weinenden Auge", ergänzt Fillin Guas. 

Der Künstler Dino Maat blickt auf seinen selbstgestalteten Raum: Ein mit Streifen versehener gelb gestrichener Boden, ein zerschnittener Entenvorhang aus einer alten Dusche des Hauses, Wände voller Tape-Art. "Für mich ist Tape-Art Ruhe und Entspannung". Maat ist inspiriert von Keith Haring und Otl Aicher. Die klaren Linien führen den Raum entlang, brechen Strukturen und begegnen sich wieder. Auf dem Fensterbrett liegt, fast unbemerkt, das Buch: "Der Kleine Prinz".  

Kunst entsteht 

Neben einer Galerie von knalligen Feuerlöschern begegnen einem ein Stockwerk weiter zwei Figuren, die Fillin Guas lächelnd seine "Alter-Egos" nennt. Sie begleiten ihn stets. In diesem bunten Zimmer hat der Künstler 120 Dosen leer gesprayt. Diese Farbexplosion wird nun in wenigen Tagen nur noch als Erinnerung zurückbleiben. Guas meint dazu: "Dass es bald schon wieder vorbei ist, ist ok, das ist Teil der Kunst, wir kommen alle aus dem Graffiti, und dann ist es auch in Ordnung, dass es überstrichen wird, verschwindet, abgerissen wird – wir machen natürlich weiter und versuchen weiterhin, solche Orte für alle Münchner*innen zu schaffen". Das Kollektiv hat das Traphouse gemeinsam erschaffen, und trotz Wehmut, dass dies alles in wenigen Tagen verschwinden wird, ist schon die Vorfreude auf das nächste Abenteuer zu spüren. Es wird im Maschinenhaus des alten Schwabinger Krankenhauses stattfinden. Die Spraydosen werden dann wieder eingepackt, so wie bei den letzten Projekten in der 089-Bar oder in der Kaufinger-Tor-Passage. Jetzt heißt es weiterziehen und nach vorne blicken. Denn für Dino Maat und Fillin Guas geht es vor allem um Freiheit: "Unsere Botschaft mit diesem Haus ist: frei zu sein, frei sein zu dürfen, sich zu bewegen, zu erschaffen und zu gestalten."