Wie #transracial gegen #transgender ausgespielt wird Influencer Oli London identifiziert sich als #transracial

Social Media Star Oli London – geboren in Großbritannien – identifiziert sich als koreanisch. Angleichende OPs haben bereits stattgefunden. Die Nachricht geht um die Welt. Unterstützung kommt auch aus einer überraschenden Ecke.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 05.07.2021 15:56 Uhr | Archiv

Oli London macht ein Selfie vor seiner Umwandlung zum Koreaner im Dezember 2020 in LA | Bild: dpa/picture-alliance

"I have the look now", sagt Oli London in einem Video – übersetzt in etwa "Jetzt sehe ich auch so aus", – und meint damit unter anderem seine "koreanischen Augen". 

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Oli London 안녕하세요. 나는 한국인이다. 어떻게 지내세요? hello to the new me- KOR/EAN 🇰🇷🙏🏻⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️🏳️‍⚧️🏳️‍🌈 #olilondon #korean https://t.co/TU8tGX17Zt

안녕하세요. 나는 한국인이다. 어떻게 지내세요? hello to the new me- KOR/EAN 🇰🇷🙏🏻⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️🏳️‍⚧️🏳️‍🌈 #olilondon #korean https://t.co/TU8tGX17Zt | Bild: OliLondonTV (via Twitter)

18 Operationen habe er in den letzten Jahren über sich ergehen lassen, wohl um einem Mitglied der K-Pop-Band BTS optisch näher zu kommen. Das hat London mittlerweile leicht entkräftet. Oli London trägt nun auch einen koreanischen Namen, Jimin, genau wie besagter Popstar. London identifiziert sich als nonbinär – also im binären System weder als Mann noch als Frau – und als koreanisch und schlägt dafür auch eigene Pronomen vor: 

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Oli London This is my new official flag for being a non-binary person who identifies as Korean. Thank you for the overwhelming support it was so hard for me to come out as Them/they/kor/ean 🏳️‍🌈⚧ #olilondon #nonbinary https://t.co/5uJp2dBQU5

This is my new official flag for being a non-binary person who identifies as Korean.  Thank you for the overwhelming support it was so hard for me to come out as Them/they/kor/ean 🏳️‍🌈⚧ #olilondon #nonbinary https://t.co/5uJp2dBQU5 | Bild: OliLondonTV (via Twitter)

In einem seiner Videos erklärt er: "Ich weiß, das ist verwirrend für einige Leute, dass ich Jimin und koreanisch bin. Aber wer in den letzten acht Jahren meine Reise verfolgt hat, der weiß, dass ich mit meiner Identitätsfindung Probleme hatte." 

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Oli London My TRANSition story & how I became KOREAN🇰🇷 https://t.co/8QSPTDOVgY 💙💜💛💚🖤🧡 #olilondon https://t.co/KwBrUO2GcS

My TRANSition story & how I became KOREAN🇰🇷 https://t.co/8QSPTDOVgY 💙💜💛💚🖤🧡 #olilondon https://t.co/KwBrUO2GcS | Bild: OliLondonTV (via Twitter)

"Race", ein heikles Thema

Nie wäre er so glücklich gewesen wie jetzt. Koreanische Vorfahren habe er seines Wissens keine, aber er hat in Südkorea gelebt, spricht die Landessprache und die Koreanerinnen und Koreaner würden Oli London lieben. Das alles sorgte in den letzten Tagen für einige Aufregung, natürlich auf Twitter, aber auch in anderen Medien. 

In einem Interview gibt Oli London zu, er würde verstehen, dass "race" ein heikles Thema sei, da viele Menschen Rassismus erfahren. Aber es sei 2021 und man könne sich doch auf verschiedene Arten ausdrücken:

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GB News ‘I’ve been transitioning, and now I’ve officially come out Korean.’ Influencer Oli London, born in Britain, says they identify as Korean after getting eye surgery. Watch GB News on Freeview 236, Sky 515, Virgin Media 626, YouView 236 and Freesat 216. https://t.co/QL6XSgybZW

‘I’ve been transitioning, and now I’ve officially come out Korean.’
Influencer Oli London, born in Britain, says they identify as Korean after getting eye surgery.
Watch GB News on Freeview 236, Sky 515, Virgin Media 626, YouView 236 and Freesat 216. https://t.co/QL6XSgybZW | Bild: GBNEWS (via Twitter)

Das erinnert an Rachel Dolezal. Die US-Amerikanerin lebte jahrzehntelang als schwarze Frau, war als Bürgerrechtlerin aktiv, bis sie von ihrer Familie als weiß geoutet worden ist. 2015 hat das gewaltige Diskussionen ausgelöst. Denn was bedeutet "race", wenn einige sie einfach wechseln können, andere aber nicht? Die Frage hat auch etwas mit sozialer Mobilität – oder besser Immobilität –zu tun und natürlich mit der langen Geschichte von Kolonialismus, sozialer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus. "Blackfacing" als Verkleidung von Weißen als Schwarze hat eine lange Geschichte. Genauso wie zu "passen", "durchzugehen", und sich mehr gesellschaftliche Teilhabe aneignen zu können, wie es die Literatin Nella Larsen etwa in "Passing" beschrieben hat. Rachel Dolezal begründet ihr Auftreten als schwarze Frau in der Öffentlichkeit damit, "transracial" zu sein. 

Rachel Dolezal inspirierte Mithu Sanyal

2021 unterstützt nun Rachel Dolezal tatsächlich Oli London und lieferte auch in den letzten Jahren immer wieder neuen Anstoß für Debatten. Von dieser realen Figur ist der aktuelle Roman "Identitti" von Mithu Sanyal  inspiriert. In diesem Roman lebt eine Professorin als Person of Colour und unterrichtet Postcolonial Studies, ist tatsächlich aber weiß und hat nicht nur sich in der Gegenwart, sondern auch ihre Vergangenheit völlig neu erfunden. In diesem Roman spielt die Autorin den komplexen Sachverhalt von Identitäten und Zugehörigkeiten durch. Sanyal fragt nach, wer wodurch verletzt wird und wieviel der Einsatz für eine richtige Sache noch wert sein kann, wenn die Person ihre Umgebung getäuscht hat. Mithu Sanyal schreibt uns glücklicherweise keine Antwort vor. In "Identitti" beginnt auf twitter der Sturm der Entrüstung, begleitet vom #transracial. 

Den Hashtag #transracial verwenden aktuell auch Oli London selbst sowie Londons Fürsprecher und Kritiker. Das Wort transracial hat keine deutsche Entsprechung. Das liegt zum einen daran, dass schon das Wort "race" aus dem US-amerikanischen Diskurs nicht dem deutschen Begriff "Rasse" gleichzusetzen ist.  Zum anderen wird das englische Wort "transracial" eigentlich im Akademischen verwendet, zur Beschreibung von Adoptionen, bei denen Kinder bei Eltern einer anderen ethnischen Zugehörigkeit aufwachsen. Transracial zu sein ist in diesem Sinne also keine Wahl und kein aktiver Vorgang. Ganz im Gegensatz zu der Wahl, die Oli London getroffen hat. Und die London nun scheinbar mit seinen/ihren OPs für abgeschlossen hält. 

Morddrohungen vom "woke mob"

Nie wäre Oli London so glücklich gewesen, sagt London , allerdings kämen auch Morddrohungen. Und am heftigsten würde der "woke mob" reagieren. Die Linken, die doch sonst für Toleranz und Mental Health seien, gingen sehr streng mit London um. Wahrscheinlich im Rahmen von Anfeindungen hatte Oli London getweetet: "Transgender zu sein ist das gleiche wie transracial zu sein, denn man ist im falschen Körper geboren." Ein Vergleich, der auch 2015 gezogen und viel diskutiert worden ist, als Caitlyn Jenner als Transfrau und später Rachel Dolezal große mediale Präsenz erfahren haben. 

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Oli London Being Transexual is the same as being TRANSRACIAL because you are born in the wrong body.

Viele widersprechen Oli Londons Statement über #transgender und #transracial. Das sei eine Verwässerung des Kampfes von Transmenschen. Man könne auch nicht damit argumentieren, dass "race" und "gender" gleichermaßen konstruiert seien. Immerhin hat "race" auch eine soziale Komponente – und nicht nur eine optische. Vor allem aber werden "race" sowie die Erfahrungen und Traumata über Generationen vererbt. Die des Geschlechts hingegen nicht. 

Unterstützung bekommt Oli London von utopisch Denkenden, die in #transracial eine Offenheit sehen, die Möglichkeiten sich selbst neu zu erfinden – und von der eher rechten Seite mit teils hämisch anmutenden tweets, wie etwa von Ben Shapiro. Dessen aktuelles Buch "The Authoritarian Moment" wird vom Daily Wire mit diesen Worten beworben : "Die Linke versucht unsere Kultur zu säubern und sie mit ihrem woken Autoritarismus zu ersetzen und wir müssen sie stoppen".  

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The Daily Wire The left is trying to wipe our culture clean and replace it with their brand of woke authoritarianism and we have to stop them. Pick up @BenShapiro’s new book, The Authoritarian Moment, to be prepared to fight back! Grab your copy here: https://t.co/uFnCgIZZAs https://t.co/zXVz3WMHzj

The left is trying to wipe our culture clean and replace it with their brand of woke authoritarianism and we have to stop them. Pick up @BenShapiro’s new book, The Authoritarian Moment, to be prepared to fight back! Grab your copy here: https://t.co/uFnCgIZZAs https://t.co/zXVz3WMHzj | Bild: realDailyWire (via Twitter)

Shapiro scheint sich, wie einige andere konservative Akteure und Akteurinnen auch, daran zu ergötzen, dass "die Linke" sich eben nicht geschlossen zeigt. Der Leitspruch: Wenn die Basis von Identität Gefühle statt Fakten sind, ist nichts undenkbar. Was für die einen utopisch klingt, wird hier als Bedrohung verstanden. Und die Aufregung um Oli London als Zeichen dafür gewertet, dass im Diskurs um Identitätspolitik die Bigotterie vorherrscht. 

Oli London selbst teilt über Twitter einfach alles. Interviews, in denen London selbst zu Wort kommt, aber auch die tweets von Ben Shapiro oder ein Video eines australischen Senders, in dem ein Journalist von Oli London berichtet, während im unteren Bildrand eingeblendet wird: "Anti-White Identity Politics Marches On" – hier ist von Anti-Weißer Identitätspolitik die Rede. 

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Oli London Sky News Australia 🇦🇺 https://t.co/vXU24jfmOT @SkyNews #olilondon https://t.co/aJtRbMbQFZ

Sky News Australia 🇦🇺    https://t.co/vXU24jfmOT @SkyNews #olilondon https://t.co/aJtRbMbQFZ | Bild: OliLondonTV (via Twitter)

Abgesehen von der Kritik an der linken Blase haben Oli London und Konservative – vielleicht zufällig – noch ein anderes gemeinsames Ziel. Wenn "race" als Konstrukt akzeptiert wird, das einer gewissen Willkür unterliegt, "darf" Oli London koreanisch sein. Und damit könnten einige konservative Stimmen argumentieren, Rassismus als solcher sei kein gesellschaftlich strukturelles Problem, sondern individuelle Diskriminierung. Ob Oli London daran nicht denkt, die Logik von "race" als Konstrukt für sich nutzen möchte oder froh um jede Unterstützung gegen die "woke bubble" ist, darüber lässt sich nur spekulieren. 

Mithu Sanyal übrigens hat in ihrem Roman "Identitti" nicht nur behutsam von ihren Figuren verschiedene Perspektiven vortragen lassen, sondern auch von echten Personen Statements zu diesem – im Roman fiktiven – Fall schreiben lassen. Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky schreibt über die als POC lebende Protagonistin Saraswati: "Wenn aber eine Person ihren Platz so radikal ändert, wenn sie so virtuos auf der Tastatur dieser Zeichen spielt, dann zeigt sie, dass diese Zeichen und Deutungen hochgradig konventionalisiert und immer auch zeitgebunden sind. Körper wie Saraswatis sind heute nicht denkbar, aber vielleicht sind sie das morgen oder übermorgen."  Ob wir als Gesellschaft auch in der Realität einmal so ausgewogen und bewusst nuanciert diskutieren werden? Klar ist nur, dass wir darüber noch oft diskutieren werden.