Landestheater Schwaben Der Kampf um Wackersdorf – jetzt auch auf der Bühne

Die Proteste gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf schrieben Geschichte – die zunächst ins Kino kam und nun für die Bühne adaptiert wurde. Eine Geschichte über zivilen Ungehorsam, staatliche Willkür und einen Politiker, der vom Befürworter zum vehementen Gegner wurde.

Von: Doris Bimmer

Stand: 29.09.2021 | Archiv

Wackersdorf | Bild: Forster

Die Oberpfalz, um 1980: Die Grenze zu Tschechien - nicht weit weg, die Gegend - strukturschwach, alte Gewerbe, der Bergbau geben auf. Arbeitsplätze sind zunehmend Mangelware. Jede noch so kleine Hoffnung auf Verbesserung, jeder Strohhalm wird dankbar aufgenommen. In dieser Zeit erhält SPD-Landrat Hans Schuirer die Nachricht, dass die CSU-Staatsregierung ein Großprojekt – die neue Wiederaufarbeitungsanlage – in seinem Landkreis Schwandorf ansiedeln möchte. Schuirer ist für Regisseurin Krystyn Tuschhoff der Dreh- und Angelpunkt im Stück - denn: "Er hat gesagt, 'da kommt eine große Chance auf uns zu - und die ergreife ich. 3.000 Arbeitsplätze, die lass ich nicht an mir vorbeiziehen.' Und dann aber, sukzessive, je mehr er sich damit auseinandergesetzt hat, und je mehr Leute ihm gesagt haben ... hmm, WAA, das ist schon etwas, was uns über Generationen verfolgen könnte, hat er es dann quasi geschafft, seine Haltung zu ändern!"

Der Umgang mit Atommüll ist bis heute nicht geklärt

Tuschhoff hat keine Sekunde gezögert, als sie die Anfrage des Landestheaters auf den Tisch bekam, ob sie das Stück inszenieren möchte. Ihre Bühnenfassung, die jetzt in Memmingen Uraufführung feiert, basiert auf der Filmvorlage von Oliver Haffner. "Manchmal muss man ja überlegen, was mach ich mit dem Stoff, dass das Relevanz hat. Aber da hab ich vom ersten Moment an gedacht, das macht total Sinn, das gerade in heutigen Zeiten zu erzählen." – so Tuschhoff.

Denn auch wenn im nächsten Jahr der letzte Atommeiler in Deutschland vom Netz gehen soll – die Frage, wie mit dem Atommüll umzugehen ist, sei immer noch nicht geklärt, so Tuschhoff. In ihrem Stück erzählt Tuschhoff chronologisch, was von der ersten Nachricht bis zum Ende der WAA Wackersdorf passiert ist. Eine knappe Dekade, reduziert auf rund 90 Minuten. Damit die Zuschauer bei den notwendigen Zeitsprüngen nicht verloren gehen, übernimmt das Ensemble die Regieanweisungen.

Es dauert, bis man sich in die Geschichte einfindet. Mit der Zeit wird aber die Person des Hans Schuirer, verkörpert von Jens Schnarre, nahbar und menschlich – aus der Figur wird ein Charakter, der Zuschauer kann immer mehr die Freude, die Hoffnung, das beginnende Zweifeln, die Enttäuschung mitempfinden. Schnarre hatte die Ereignisse Anfang der 80er als kleiner Junge via Fernsehen miterlebt: "Ich hatte immer das Gefühl, das sind irgendwelche Chaoten, die da gegen den Staat kämpfen. Ich finde das sehr interessant, weil ich jetzt nochmal eine Dokumentation vom ZDF gesehen habe, die komplett tendenziös war, wo die Atomlobby total positiv gezeigt wurde. Und dem Hans Schuirer wurde Kalkül unterstellt, was im Stück ja auch passiert, wo gesagt wird: 'du machst das doch bloß, um Stimmen zu kriegen.' Dabei war der wirklich überzeugt, dass er hier für seine Leute kämpfen muss."

Beamtin im Widerstand

Die Staatsregierung hatte den Landrat tatsächlich mit der sogenannten "Lex Schuirer" damals entmachtet, seine Befugnisse ausgehebelt. Das Gesetz gilt bis heute. Schuirer macht zwar die größte Wandlung durch, ist aber nicht die einzige spannende Figur, findet Regisseurin Krystyn Tuschhoff: "Das sind einfach total spannende Konstellationen, wo es um Freundschaft geht, wo es um Korruption geht, oder es gibt eine Beamtin, Frau Bössenecker, die total an den Rechtsstaat glaubt und als Beamtin wirklich picobello arbeitet. Und gleichzeitig aber für den Widerstand aktiv ist. Und diese Diskrepanz der Figur ist ebenfalls spannend, wie sie das so aufblättert."

Der Weg des Hans Schuirer vom zögerlichen Befürworter zum strikten Widersacher der Atom-Lobby ist eine Geschichte, die so nur das Leben schreiben kann. Hätte sich jemand diese Handlung ausgedacht, sie wäre vermutlich nie so sehenswert auf die Bühne gehoben worden.