Augsburg: "14 Vorhänge" Vom goldenen Theater – In schwarzweiß und virtuell

Das Staatstheater Augsburg sorgt gerade doppelt für Schlagzeilen. Negativ: die Kosten der Theatersanierung explodieren. Positiv: Das Theater glänzt in Sachen digitale Innovation. Ein neues VR-Stück bringt beides nun zusammen.

Von: Christoph Leibold

Stand: 25.02.2021 | Archiv

Schauspieler Klaus Müller im leeren Staatstheater Augsburg | Bild: Jan Pieter Fuhr

Die Zahl der "Vorhänge" bezeichnet unter Theaterleuten die Häufigkeit, mit der sie beim Schlussapplaus auf die Bühne gerufen werden, um sich zu Verbeugen. 14 Vorhängen sprechen für einen beträchtlichen Erfolg. "14 Vorhänge" – so heißt ein Text, den der 2001 verstorbene Regisseur Einar Schleef einst für den Schauspieler Bernhard Minetti schrieb. Es ist der Selbstvergewisserungs-Monolog eines großen alten Mimen, in dem sich Schleefs eigene, mitunter gekränkte Eitelkeit spiegelt und der 1998 im Berliner Ensemble auf der Trauerfeier für Bernhard Minetti vorgelesen wurde.

André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg, hat "14 Vorhänge" nun erstmals richtig in Szene gesetzt. Das ist ein doppelter Coup: zum einen hat sie dem Theater eine posthume Schleef-Uraufführung beschert; zum anderen bespielt Bücker dabei ein Medium, das den Text auf grandiose Weise zur Geltung verhilft. Denn "14 Vorhänge" ist als Produktion für Virtual Reality-Brille konzipiert. Der Autor hat sich so eine VR-Brille nach Hause schicken lassen und das Stück angesehen:

Mitten auf der Baustelle

Ein Mann durchstreift einen großen leeren Saal, arbeitet sich von dort in den Keller des Gebäudes vor. Überall Staub, Absperrbänder, bröckelnder Putz. Lose Leitungs-Enden, die aus den Wänden ragen. Der Mann trägt einen breitkrempigen Hut, Mantel, Lederhandschuhe und wirkt wie aus einer anderen Zeit.

Dass wir ihn und die Umgebung nur in Schwarzweiß erleben, verstärkt diesen Eindruck. Man kann sich an Orson Welles Filmklassiker "Der dritte Mann" erinnert fühlen, nur dass wir diesen Theaterfilm nicht auf der Leinwand erleben, sondern dank VR-Brillen-Technik als 360-Grad-Ereignis. Wir stehen als Zuschauer mitten drin in dieser Kulisse. Allein das ist sensationell, denn wann hätte man das je schon erlebt: selbst Teil eines Schwarzweißfilms zu sein?

Orson Welles trifft Virtual Reality

Der Mann stolpert allerdings nicht wie Orson Welles‘ Harry Lime durch das zerstörte Nachkriegs-Wien und die Kanalisation der Donau-Metropole, sondern durch das Große Haus des Augsburger Theaters. Das wird gerade saniert, ist daher entkernt, erinnert im Film-Noir-Look von André Bückers VR-Brillen-Inszenierung aber tatsächlich an eine Kriegsruine.

Rückkehr des Königs: Klaus Müller

Klaus Müller, langjähriger Protagonist am Augsburger Theater, ist dieser Mann. Ein Schauspieler, der einen Schauspieler spielt. Ein Theaterkönig, der aus dem Exil zurückkehrt an die Stätte seiner Triumphe, die nun in Trümmern liegt. Ein Prospero, der um die Flüchtigkeit des Theaterzaubers weiß, und doch in dessen Bann steht.

Lange sagt Müller wenig, nur ein paar im Gehen hingeschnaufte Worte. Erst als er nach etwa einer Viertelstunde auf der großen leeren Bühne angekommen ist, setzt er zu Schleefs Monolog an, der kaum länger dauert als der stille Rundgang durchs Haus davor.

Die Kränkung des Theaters

Ein kleiner Text mit großer Wirkung. Auf der Bühne ist der Theaterkönig in seinem alten Reich angekommen. Mit Krone auf dem Kopf durchmisst Klaus Müller die Spielfläche wie ein abgedankter König Lear sein verlorenes Reich, die Arme in majestätischer Geste weit von sich gestreckt. Später stützt er sich mit den Händen gegen den verschlossenen eisernen Vorhang, als lehnte er an der Klagemauer.

Hier hadert einer mit seinem Schicksal. Dabei geht es in André Bückers Inszenierung aber nicht primär um den gekränkten Stolz eines einzelnen Schauspielers. Unausgesprochen und doch unüberhörbar verhandelt wird hier: die Kränkung des Theaters. Des Augsburger Theaters im Speziellen, das gerade saniert wird – für teures Geld, weshalb sich Widerstand in der Stadt formiert hat, der das Bauvorhaben stoppen will. Und des Theaters im Allgemeinen, dessen Apelle in der politischen Diskussion um Lockdown und Lockerungen weitgehend ungehört verhallen. Schmerzhafter kann einem die eigene Systemirrelevanz in den Augen der Entscheidungsträger kaum vorgeführt werden.

Sensationelle Gegenwarts-Reflexion

Das alles denkt man mit, wenn man in die virtuelle Welt dieser sehr besonderen Schleef-Uraufführung eintaucht, ohne dass je von der Pandemie oder der Augsburger Theatersanierungsdebatte die Rede sein muss. Schönes Paradox bei alldem: ausgerechnet die schichte Schwarzweiß-Ästhetik erzählt hier von einer golden strahlenden, versunkenen Theaterära, in die sich der Protagonist von Schleefs Text zurück träumt.

Dem regieführenden Intendanten André Bücker, Schauspieler Klaus Müller und dem ganzen Inszenierungsteam gebühren für dieses kluge Stück Gegenwarts-Reflexion im historischen Gewand mindestens "14 Vorhänge".