Theater und Corona Wie Stückl und Langhoff Kreativität vor dem Rotstift retten

Geld spielt auch auf der Bühne eine Rolle. Und das fehlt jetzt. Wir haben die Theaterleute Christian Stückl, Shermin Langhoff und Katja Bürkle gefragt, wie sie damit umgehen: Kommt jetzt Kostenkontrolle vor Kreativität?

Von: Benedikt Mahler

Stand: 01.10.2020 | Archiv

Theater mit weniger Stühlen pro Sitzreihe im Zuschauerraum | Bild: dpa-Bildfunk/Britta Pedersen

Kultur ist alles, was der Mensch tut, ohne dass er es unmittelbar nötig hätte, dies zu tun. Das war die Idee von Hellmuth Karasek. Und man möchte dem vor fünf Jahren verstorbenen Großkritiker entgegenhalten, er habe gut reden gehabt. Damals. Das Literarische Quartett hatte noch nennenswerte Einschaltquoten, Museen und Konzerte waren mit dem Etikett Hochkultur geadelt. Und an den Theatern, zum Beispiel am Staatstheater Stuttgart, wo Karasek Ende der 60er-Jahre als Chefdramaturg engagiert war, da gab es genügend Geld, um Dinge zu tun, die kein Mensch unmittelbar nötig hatte. Kaum einer stellte die Frage nach der Systemrelevanz. Und doch war das Theater freilich damals bereits in der Krise, weil Theater, wie es schon der elegante Schwarzseher Heiner Müller wusste, schlichtweg Krise ist. Zumindest im Sinne seiner kathartischen Auseinandersetzungen mit der Welt. Jetzt ist die Krise in der Krise – und die Konsequenzen sind nicht absehbar.

Keine Kurzarbeit am Münchner Volkstheater

Christian Stückl hat es doppelt hart getroffen. Schon Mitte März musste er als Oberammergauer Festspielleiter die Passionsspiele absagen, kurz darauf als Intendant des Münchner Volkstheaters den Betrieb einstellen. Im Mai entließ er sein gesamtes Personal in den Zwangsurlaub, um kurz darauf das zu machen, was Stückl immer macht, wenn man ihn machen lässt: Theater. Kaltstart ab dem 10. Juni. Fünf Produktionen gleichzeitig für einen eigenen Sommerspielplan – auf Herz und Corona geprüft. Wenn Stückl davon erzählt, glühen seine Augen mit der unentwegt brennenden Zigarette in seiner Hand um die Wette. Im Vorhof seines Theaters blickt er stolz auf eine kleine Open-Air-Bühne, die ihn durch den Sommer gebracht hat und im Moment immer noch bespielt wird: "Viele Leute kommen gern, weil sie sagen, wir versauern daheim, wir brauchen euch. Manche sind aber auch noch ängstlich und trauen sich nur zu Aufführungen, die draußen stattfinden. Aber die Karten die wir anbieten dürfen, gehen weg - jeden Abend."

Ein Fünftel der Plätze darf Stückl im großen Haus besetzen. Das wurmt ihn. Immerhin hat er es geschafft, mit dem Münchner Volkstheater eine zeitweilig 90-prozentige Sitzplatzauslastung zu erreichen. Daraus resultierte bisher eine besonders hohe Eigendeckung. 20 Prozent der Gesamtkosten seines Theaterbetriebs kann er selbst erwirtschaften. Der größte Kostenpunkt ist das Personal. "Bei mir sind das 90 Prozent. Mit dem, was ich durch weniger Einnahmen verliere, zahle ich normalerweise das Künstlerische. Damit mache ich Bühnenbilder, kaufe Material – und das muss ich selber decken. Wenn ich jetzt durch die Stadt noch weiter gekürzt werde, bleibt mir nur eins: Dann muss ich Leute entlassen."

Theatersitzplätze oder Intensivbetten?

600 Kilometer nordöstlich von München kommt Shermin Langhoff gerade aus einer anstrengenden Senatskonferenz. Die Intendantin des Staatstheaters Maxim Gorki hatte vor einem halben Jahr schlimmste Befürchtungen, es könnten in Berlin große Rechnungen aufgemacht und Theateretats gegen die Kosten von Intensivbetten gestellt werden. So schlimm kam es nicht. An ihrem Haus werden sich die Auswirkungen der Pandemie ohnehin erst im Haushalt 2022/23 niederschlagen, da diese in Berlin immer für zwei Jahre beschlossen sind. "Glücklicherweise haben wir hier einen sehr kämpferischen Kultursenator und einen Kulturstaatssekretär, die viel kompensieren können für die laufende Spielzeit", sagt Langhoff. "Wir sind aber angehalten, den Einnahmeverlust zu kompensieren." Der betrug am Gorki bereits zu Beginn der Spielzeit eine halbe Millionen Euro und wird wohl bis Jahresende auf ungefähr 1,3 Millionen Euro anwachsen. Das liegt neben Ticketverkäufen auch an Gastspielen, die ausgefallen sind und nicht nachgeholt werden können. "Wir hoffen, dass wir über den Nachtragshaushalt, in dem in Berlin auch die Kultur bedacht wird, den größten Happen werden ausgleichen können."

Kulturbetrieb so wichtig wie die Autoindustrie

Stückl zündet seine fünfte Zigarette an und denkt laut nach: "Ich glaube, die Kultur beschäftigt mehr Leute in ganz Deutschland als die Autoindustrie. Insofern sind wir auch wichtige Arbeitgeber." Das stimmt: Es gibt in Deutschland mehr als 2.000 Stadt- und Staatstheater. Dort sind Techniker, Schreinerinnen, Schneider und Garderobieren genauso beschäftigt wie Souffleure, Regisseurinnen und Musiker. Daneben eine Armada an Verwaltungspersonal. Dennoch führt ein Vergleich mit der Autoindustrie in die Irre, denn die schafft das volkswirtschaftliche Vermögen, von dem die Kultur lebt. Aber Stückl nimmt eben seine Verantwortung als Arbeitgeber sehr ernst. "Ich war einer der ganz wenigen Intendanten, die niemanden in Kurzarbeit geschickt haben. Ich will auf gar keinen Fall einen in die Arbeitslosigkeit schicken. Der muss dann trotzdem vom Staat gezahlt werden und bei uns wird scheinbar ein bisschen was eingespart. Das ist doch von der einen Hosentasche in die andere."

Der asozialste Job der Welt

Je tiefer man sich in die deutsche Subventionskultur hineinwagt, desto stärker gewinnt man den Eindruck: Gerade das Theater ist ein Betrieb, in dem man sich das Rechnen so gut es geht vom Leibe halten sollte. Denn ein künstlerischer Betrieb ist kein Betrieb im herkömmlichen Sinne. "Man begibt sich auf einen Holzweg, wenn man glaubt, man könnte das rechnerisch irgendwie gut dastehen lassen", sagt die freie Schauspielerin Katja Bürkle. Sie verfügt über das, was man Renommee nennt, war festes Ensemblemitglied an großen Häusern in Stuttgart und München, macht Fernsehen und Hörfunk, unterrichtet an der Otto-Falckenberg-Schule. Und Bürkle ist erfrischend direkt: "Es liegt in der Natur meiner Arbeit, dass sie zwei Wochen vor der Theaterpremiere der asozialste Job der Welt ist. Da spielt alles andere keine Rolle mehr, du musst dich total drauf konzentrieren, wenn du es gut machen willst." Zugleich kann sie aus ihrer Erfahrung sagen: "Je demokratischer es wird, desto schlimmer für die künstlerische Arbeit."

Stechuhr oder Kreativität

Vor gut zehn Jahren wurden an vielen Theatern der Republik Stechuhren eingeführt. Zwar nicht für die Schauspielerinnen und Schauspieler, aber für die Gewerke, also für die Technik, die Schreinerei und Schneiderei. "Das hatte kuriose Folgen. Etwa, dass ein Techniker, der unsere Produktion begleitete, an einem Abend ausfiel, weil er in einer anderen Produktion Überstunden angesammelt hatte und nicht mehr für uns arbeiten durfte", sagt Katja Bürkle. "Es ist mir persönlich lieber, wenn wir eine Szene noch zehn Minuten über der Probenzeit zu Ende machen, als dass ich wegen der Arbeitsruhezeiten abbrechen muss." Ein anderes, oft bemühtes Beispiel ist die sukzessive Rückkehr von Theaterschaffenden aus der Elternzeit. Halbtagsjobs sind in dieser Brache rar und in sechswöchigen Probenprozessen undenkbar. Dort, wo unabhängig und kreativ gearbeitet wird, können auch gut gemeinte strukturelle Veränderungen die künstlerischen Prozesse massiv beeinträchtigen. Das müssen Entscheidungsträger und Kulturpolitiker bedenken, wenn sie erwägen, das Theater vom Geldhahn aus zu reformieren.

Relevanz kostet

Die Kulturschaffenden hatten bereits vor der Pandemie keine gute Lobby und die Kulturpolitik war schon früher nicht das stärkste Ressort, wenn es um Haushaltsverhandlungen und ums Verteilen ging. "Selbst in einem Land, in dem wir uns nicht erst seit heute 'Kulturnation' nennen, werden Kunst und Kultur gerne mal als Sahnehäubchen gesehen", sagt Shermin Langhoff in Berlin. "Man sollte sich aber dieser Verwertungslogik nicht anheimstellen, sonst landen wir im blanken Zynismus. Es kann nicht Ansatz eines Kunstverständnisses sein, dass es sich rechnet."

Etwas spitzbübisch verrät Christian Stückl: "Ich habe tatsächlich eine Produktion, den 'Brandner Kasper' mit Maxi Brückner, die läuft seit zehn Jahren und man kann sagen, sie trägt sich mittlerweile selbst." Die Lösung also? Mehr "Brandner Kasper" und fertig? Stückl schmunzelt, riskiert noch einen tiefen Lungenzug, bevor er der Zigarette den Garaus macht und sagt: "Wenn wir so Theater kalkulieren, dann gibt es fünf Produktionen für die nächsten zehn Jahren und fertig. Wenn wir ernsthaft Relevanz wollen, dann dürfen wir dieses System nicht gefährden."