Odyssee im Kulturweltraum #1 Eine Reise in die Theaterzukunft 2021

Aktuell sind die Theater geschlossen, aber wie wird es sein, wenn sie wieder öffnen? Welche Bühnen gibt es dann noch? Und was wird auf dem Spielplan stehen? Christoph Leibold hat sich in die nahe Zukunft begeben.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.12.2020 | Archiv

Der Theaterraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben den Sommer 2021. Schwarze Löcher in den Kassen der Theater haben die meisten Bühnen der freien Szene verschluckt. Dauerte der erste Lockdown im Frühjahr 2020 drei Monate, zog sich der zweite ab November sogar fünf Monate hin – bis weit ins aktuelle Jahr hinein, bis Ende März 2021. Und bis zum heutigen Tag, den 30. Juni 2021, müssen zur Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregeln zwei Drittel der Plätze in den Zuschauerräumen frei bleiben.

Freie Theater als Corona-Kollateralschaden

Die damit verbundenen Einnahmeverluste haben die meisten Häuser der freien Szene, die den Löwenanteil ihrer Gelder selbst erwirtschaften müssen, nicht kompensieren können. Ihre Kassen: leer. Und in den wenigen freien Theatern, die überlebt haben, ist die Mannschaft von Bord gegangen. Weil finanzielle Hilfen für die sogenannten Soloselbständigen – für Schauspielerinnen und Schauspieler ohne Festengagement zum Beispiel – zu spät oder gar nicht bei den Betroffenen angekommen sind, haben sie der Kunst, die während der Lockdowns brotloser war denn je, den Rücken gekehrt und sich andere Jobs gesucht. Das Corona-Virus ist zwar inzwischen, wenn auch nicht besiegt, so doch zurückgedrängt – Mission weitgehend erfüll –, doch die freie Theaterszene ist als Kollateralschaden der episch langen Sars Wars-Saga auf der Strecke geblieben.

Bleiben als Fixsterne nur die subventionierten Stadt-, Staats- und Landestheater, die in den unendliche einsam gewordenen Weiten des Kulturweltraums die Stellung halten. Dort wurden pünktlich zum Tag der Wiederaufnahme des Spielbetriebs am 1. April 2021 – kein Aprilscherz – allein in Bayern 19 Premieren gezeigt. Der Grund: die Theater durften während des zweiten Lockdowns zwar nicht vor Publikum spielen, aber proben (oder "probieren", wie Theaterleute gerne sagen). So wurden hinter verschlossenen Türen unzählige neue Inszenierungen einstudiert, wie beispielsweise Wolfgang Maria Bauer, der Schauspiel-Commander des Landestheater Niederbayern, in einem Funkspruch aus diesem kuriosen Kosmos im Dezember 2020 berichtete: "Ja, wir haben tatsächlich probiert wie die Wahnsinnigen. Und ich denke, jedes Theater hat diverse Premieren auf Halde. Und das führt ja zu völlig absurden Zuständen. Die Menschen probieren da vor sich hin. Und Du sagst Ihnen, den VW, den Du da gerade baust auf dem Fließband, den werden wir nie auf die Straße lassen. Aber mach mal weiter!"

Die Supernova der Premieren

Im April 2021 durfte sich die aufgestaute Energie dann doch in einem Premieren-Urknall entladen. Die vorrübergehende Fülle freilich erwies sich schon bald als Supernova, also als, wie Wikipedia das definiert, "kurzzeitiges, helles Aufleuchten eines massereichen Sterns am Ende seiner Lebenszeit durch eine Explosion, bei der der ursprüngliche Stern selbst vernichtet wird." Die schwarzen Löcher, in denen schon die freien Theater verschwunden waren, weiteten sich auf die städtischen Kulturetats aus.

Die Stadt-, Staats- und Landesbühnen haben auf die massiven Einsparungen, die ihnen in der kommenden Saison ins Haus stehen, bereits reagiert, wie kürzlich, bei den Spielplan-Pressekonferenzen im Mai 2021, ersichtlich wurde. Unabhängig voneinander kündigten gleich acht bayerische Theater an, die Spielzeit 2021/22 mit Samuel Becketts Endzeitklassiker "Warten auf Godot". Nicht nur, weil das Stück die trostlose Stimmung der Zeit trifft, sondern weil die dafür vorgesehene karge Kulisse mit nur einem einsamen, laublosen Baum auf der Bühne die Theater sehr billig kommt. Viele Produktionen sollen aus Sparzwang sogar komplett ohne Bühnenbild realisiert werden. Das Standardwerk "Der leere Raum" des britischen Regie-Gurus Peter Brook ist wieder Pflichtlektüre für Dramaturginnen und Dramaturgen, um die Armut argumentativ verbrämen zu können.

Schreie aus dem Theaterzelt

Immerhin: Die von der öffentlichen Hand subventionierten Theater spielen noch in diesem Sommer 2021. Zumindest fast alle. Nur das Landetheater Niederbayern, das seine Basisstation in der Landshuter Innenstadt schon vor Jahren aufgeben musste und satellitengleich in einem Theaterzelt in der Peripherie untergekommen ist, wurde dort vergessen und noch nicht wieder aufgesperrt. "Da in dem Theaterzelt in Landshut wird man in fünf, sechs Jahren davon sprechen, dass da drin immer noch welche sind, die proben", vermutet Wolfgang Maria Bauer. "Man hört auch manchmal Schreie. Manchmal sieht man auch rauchende Menschen vor der Probebühne mit langen Bärten. Und die machen da ganz wilde Dinge."

Die kulturWelt, das aktuelle Feuilleton auf Bayern 2, begibt sich in einer kleinen Serie auf eine "Odyssee im Kulturweltraum", übt sich im Futur II - und malt sich jetzt schon mal aus, wie 2021 für die Kultur so gewesen sein wird.