"Shtisel" Fünf Gründe diese Serie über eine ultraorthodoxe Famile zu streamen

Kein Tauchbad und kein Sex: Statt Außensicht und Klischees liefert die Serie Sthisel heilsame Einblicke ins ultraorthodoxe Leben von vier Generationen in Jerusalem. Und macht süchtig nach mehr.

Von: Iris Buchheim

Stand: 09.06.2021

Szene aus Shtisel: Shulem (Dov Glickman)  mit Akiva (Michael Aloni), seinem Jüngsten und dessen erster großen Liebe Elisheva (Ayelet Zurer)
| Bild: Netflix / Yes Studios / Ohad

Extreme Fremdheit führt leicht zu diskriminierendem Verhalten, generiert Klischees, wenn nicht gar Feindseligkeit. Von allen Juden, die in den vergangenen Wochen nicht nur in Deutschland wieder den grassierenden Antisemitismus fürchten lernen mussten, sind wohl die Ultraorthodoxen am meisten verhasst. Gelten sie doch als extreme Frömmler und Fundamentalisten, die inhuman ihre Gottesfurcht über alles stellen. Abhilfe von derartigen Vorurteilen und Generalisierungen schafft aufs Witzigste die Netflix-Serie "Shtisel" von Yehonatan Indursky und Ori Elon. Beide stammen aus strenggläubigen israelischen Elternhäusern. Sie wissen also, wovon sie erzählen, auch wenn sie längst ihre ultraorthodoxen Viertel als Drehbuchschreiber und Filmemacher hinter sich gelassen haben.

Eintauchen ins Leben statt Draufstarren

Und damit wären wir auch schon beim ersten Grund, weswegen Shtisel unbedingt sehenswert ist: Indursky und Elon lassen uns in "Shtisel" komplett eintauchen in die fremde Welt der Familienmitglieder zwischen Thora und Tod, Geburt, Verlobung, Jobverlust, Hochzeit, Liebe, Eifersucht und allerlei Alltagsdramen. Komplett heißt: ohne das Geschehen von außen zu be- oder zu verurteilen, ohne Klischees und ohne Zurschaustellung der extrem fremdartigen religiösen Gesetze, die z.B. den Geschlechtsverkehr von Ehepartnern regeln. Ausführlich werden die hingegen in Deborah Feldmanns Büchern thematisiert und plakativ in der Serie "Unorthodox" vorgeführt.

Ohne kritische Außenperspektive und Einordnung aber auch keine Orientierung: Statt als Voyeure alles bequem zu betrachten, werden wir ins Wirrwarr der Gefühle, Leidenschaften, Verrücktheiten, Glaubensgewissheiten und Bestrebungen der Familienmitglieder hineingezogen und permanent von neuen Wendungen überrascht. So müssen wir uns immer alles wieder neu zurechtlegen – wie im echten Leben eben. Bei aller Fremdartigkeit des ultraorthodoxen Lebens kommt einem so diese Welt in ihrer Lebendigkeit ungeheuer nahe, und das ist ein kleines Wunder.

Die Mishpoke

Der zweite Grund fürs Anschauenmüssen sind die Charaktere der fiktiven Familie Shtisel selbst – allen voran Shulem Shtisel: ein frommer Rabbiner mit langem Rauschebart, weißem Hemd und schwarzem Hut, der ständig qualmt oder isst. Zu Beginn der Serie ist das Trauerjahr um seine geliebte Frau gerade vorbei. Shulem erfährt, dass seine Thora-Schule ihn in Rente schicken will. Seine Frau hatte das durch (ihm verheimlichte) Zuzahlungen verhindert. So konnte er sich noch jahrelang als gefragter Lehrer fühlen. Sie hatte gewusst, wie sehr er seine Jeshiwa (Thora-Schule) brauchte.

Akiva Shtisel (Michael Aloni) auf dem Friedhof in Jerusalem

Und da ist Akiva, Shulems Jüngster, der lieber zeichnet und malt als lernt. Und – ein Skandal! – mit seinen 24 Jahren noch keine Frau hat – in der Regel wird zwischen dem 18. und dem 21. Lebensjahr geheiratet. Und als Akiva, genannt Kive, sich dann auch noch eine weit ältere, doppelt verwitwete Frau mit Sohn aussucht, schäumt Shulem vor Wut, bis....

Und da sind vor allem die Frauen der Familie, Shulems Mutter, die zu Beginn der ersten Folge ins Altersheim und erstmals in den Genuss eines eigenen Fernsehers kommt – Radio und Fernsehen sind im ultraorthodoxen Viertel eher verpönt. Prompt schließt die resolute alte Dame ihre Serienhelden in ihre täglichen Gebete ein.

Da ist Giti, eine der zwei Schwestern Akivas, die mit 18 einen kosheren Metzger geheiratet hatte. Der ist aber jetzt mit seinen 35 Jahren nach 16 Jahren Ehe und 6 gemeinsamen Kindern (am Ende gar mit einer Schickse, also einer Nichtjüdin?) in Argentinien verschwunden, was Giti kreativ werden lässt im Geldbeschaffen. Denn von seiner Untreue darf im Viertel keiner etwas erfahren, schließlich ist sich Giti fast sicher, dass er zurückkommt. Und da sind Libbi, Akivas Cousine, und Ruchami, Gitis Tochter und Tovi, Akivas Schwägerin. Alle ticken total unterschiedlich, aber halten alle auf ihre Weise ihren strengen Glauben hoch und - in der Regel - zum Rest der Familie.

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SHTISEL 3 IS BACK   Trailer | Bild: yes Studios (via YouTube)

SHTISEL 3 IS BACK Trailer

Im Verborgenen

Was bei den Shtisels drittens so fasziniert, ist ihre Entschlossenheit zum schönen Schein und ihr Vermögen, vieles mit sich allein auszumachen. Mit Lüge oder Verlogenheit hat das nur sehr vordergründig zu tun, eher mit Menschlichkeit und einer gewissen Selbstironie. Die gelebte Intransparenz schafft allen auf individuelle Weise die Freiräume, die sie brauchen, um in der streng reglementierten Welt der Haredim – so nennen sich die ultraorthodoxen Juden selbst - zu (über)leben. Ruchami liest heimlich Anna Karenina und trägt daraus sogar ihren kleinen Geschwistern vor. Elisheva, Akivas Freundin, hört abends Popmusik im Radio, Shulem in seiner depressiven Phase ständig Comedy--Podcasts. Eine seiner Schwiegertöchter macht heimlich den Führerschein – Autofahren ist generell nicht angesagt, aber für Frauen erst recht nicht. Ihr Mann ist schließlich damit einverstanden, aber nur wenn sie den Wagen fortan in einem anderen Viertel parkt, damit sie nicht auffliegt.

Ruchami (Shira Haas) mit ihrem Großvater Shulem

Ruchami, für die eine Schwangerschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich endet, entschließt sich mit ihrem Mann zu einem Kind per Leihmutterschaft: gut gepolstert mit mitwachsenden Bauch-Einlagen, damit das niemand merkt – und natürlich mehr und weniger abgesegnet vom Rabbi.

Dieses so großherzige wie humorvolle Plädoyer fürs Verborgene, das alle Figuren ausstrahlen, lockert die strikte Absonderung von der restlichen Welt, die die Haredim selbst betreiben, auf: Diese Gesellschaft ist offener, als es scheint. Gleichzeitig kommt die Frage auf, ob in manchen Belangen etwas mehr Intransparenz auch modernen Gesellschaften gut täte.

Einblicke und Ausblicke

Zum Brüllen komisch sind – und damit wären wir beim vierten Grund fürs Anschauenmüssen von "Shtisel", die Spiegelungen modernen Lebens in ein paar Episoden. Der gläserne Mensch etwa – ein völliges no Go für Ultraorthodoxe! Stellwände, Hut, Blätter... vollkommen irritiert mobilisiert Akiva alles Mögliche, um sich vor der Überwachungskamera zu verstecken, die sein Onkel im Reisebüro installiert hat. Auch von ihrem überaus lockeren Umgang mit übergriffigen Müttern und Vätern (die natürlich besser internalisiert haben, was sich wann wie schickt), können wir uns eine Scheibe abschneiden: Kein Mensch regt sich über die Anmaßungen der Älteren groß auf, sondern macht meist einfach weiter sein/ihr Ding.

Das betrifft auch das – zugegebenermaßen extrem frühe – Heiraten. Eine eifrige Heiratsvermittlerin treibt in der Serie zwar ihr Unwesen, aber sie schafft es während der gesamten drei Staffeln nicht, auch nur einen von Shulems Kindern und Enkelkindern unter die Haube zu bringen. Die Serien-Shtisel sind natürlich Fiktion, aber eine, die zum großen Erstaunen der beiden Drehbuchschreiber, großen Anklang bei den Haredim in Jerusalems fand.

Erosionen, wenn dann von Innen heraus

"Shtisel" - und das ist der fünfte Grund, die Serie unbedingt zu sehen - macht nachdenklich, ob Integration in die Mehrheitsgesellschaft das A und O des Zusammenlebens ist. Ja der Zweifel wächst: Könnten sich die Shtisel-Kinder und Enkel in der modernen Welt wirklich besser entfalten, besser verwirklichen, wohnt jenseits ihrer Welt ihre ersehnte Freiheit? Das ist zu bezweifeln und ein gravierender Unterschied zu der von Maria Schrader verfilmten Miniserie "Unorthodox", wo in der ultraorthodoxen Williamsburger Gemeinde nur Unterdrückung und Enge herrschen und wo Esty nur jenseits dieser Welt frei leben und atmen kann. Ist die junge Frau einmal dieser engen Welt entkommen, gibt es kein Zurück. In der Realität endet der Ausbruch oft tragisch, weil die Menschen jenseits der festen Regeln ihrer alten Welt kaum wieder auf die Füße kommen, nicht wenige bringen sich um.

"This outlook that Haredim live in a kind of ghetto and are just waiting for the day they can escape—it’s an occupation fantasy for secular people"(Die Vorstellung, dass Ultraorthodoxe in einer Art Ghetto leben und nur den Tag herbeisehnen, aus dem sie fliehen können, ist eine obsessive Fantasie säkularer Menschen), sagt der Erfinder der Serie, Yehonatan Indursky, im New Yorker. Das ist vielleicht etwas übertrieben, denn es gibt Statistiken, nach denen fast 10 Prozent der jungen Haredim ihre ultraorthodoxen Viertel in Israel hinter sich lassen wollen. Aber dennoch hat Indurskys Sicht der Dinge viel für sich: Bei ihm existieren Paralelluniversen. Die Shtisel-Frauen sind meist die Hauptverdiener, sie arbeiten als Bankkauffrau in einer großen israelischen Bank, als Biologin in der Forschung in der Uni oder als Moderatorin im Rundfunk und vollziehen permanent Übergänge von der ultraorthodoxen in die säkulare Welt und wieder zurück –und zwar bei Wahrung der Integrität beider Welten. Wenn es da zu Erosionen oder zu Fluchten kommen sollte, was möglich ist, aber in den bisherigen drei Staffeln nicht passierte, dann kommt das von innen: etwa durch Akivas Leidenschaft als Maler – und von der Geringschätzung, die seine Kunst in seinem religiösen Umfeld erfährt. Aber vielleicht lässt das Umfeld ja mit sich reden? In den drei bisherigen Staffeln hat es sich schon ein bisschen gewandelt und ist vermutlich auch für weitere Überraschungen gut.

"Times are changing, Aba." Die Zeiten ändern sich, sagt Akiva zu Beginn der Serie zu seinem Aba, seinem Vater. Und der entgegnet: der Jude bleibt, was er ist, wie die Sonne.

Was ursprünglich als normale israelische TV-Serie ausgestrahlt wurde, ging bald durch die Decke. Netflix kaufte die mehrfach ausgezeichneten beiden ersten Staffeln von "Shtisel" und ließ eine dritte produzieren. Alle drei Staffeln sind bei Netflix abrufbar – auf Hebräisch und Jiddisch mit deutschen Untertiteln.