"Shiva Baby" Ganz normale Neurosen einer bisexuellen jüdischen Tochter

Eine Schiwa, eine jüdische Trauerfeier in Manhatten: Verwandte sitzen zusammen und machen sich mit ihren Sorgen und Übergriffigkeiten gegenseitig das Leben schwer. Das klingt nach Woody Allen, ist auch ein bisschen so – aber deutlich feministischer. Regisseurin Emma Seligman hat mit "Shiva Baby" ein famoses Kammerspiel inszeniert.

Von: Marie Schoeß

Stand: 09.06.2021 | Archiv

Braucht nen Schluck:  Rachel Sennott als "Shiva Baby" | Bild: picture alliance / Everett Collection

Danielle ist Studentin, Jüdin, bisexuell und zu Beginn des Films bei Max. Die beiden verbindet keine romantische Beziehung. Zu einer Umarmung, überhaupt: zu wahrer Zärtlichkeit lässt sich Danielle nicht hinreißen, aber sehr gern nimmt sie das Geld an, das Max ihr zusteckt, was er wiederum herrlich ungelenk als feministischen Akt deutet. Er unterstütze ja gerade junge Frauen so gern, murmelt er, als er ihr nach dem Sex die Scheine reicht. Sie ist da in Gedanken schon anderswo. Bei ihrer Mutter wahrscheinlich, die während der kurzen Sexszene Danielles Anrufbeantworter mit Fragen und Flüchen befüllt hat: Kommst du zur Beerdigung? Dein Vater ist sowas von nutzlos. Ruf mich an!

Rachel Sennott und Danny Deferrar in "Shiva Baby"

Danielle macht sich auf den Weg, für die Beerdigung ist es zu spät, nicht aber für die Schiwa, die jüdische Trauerfeier im Anschluss. Der Zuschauer läuft mit Danielle die Straße eines wohlhabenden New Yorker Viertels entlang, entdeckt mit ihr Vater und Mutter am Straßenrand und folgt ihnen ins Haus – ahnungslos, dass er dort die feinen Verstrickungen von Horror und Humor kennenlernen wird.

Ein famoses Kammerspiel

Denn jetzt, nur wenige Minuten nach Beginn des Films, entpuppt sich "Shiva Baby" als famoses Kammerspiel: Danielle trägt die eigenen Unsicherheiten, die eigene Angst, dass sie ihr Leben am Ende doch schon mit Anfang 20 verschenken könnte, mit ins Haus hinein. Und sie stößt dort auf eine Trauergemeinschaft, die in höchstem Maße an Körper und Seele der jungen Frau interessiert ist: Ist sie nicht dünn geworden? Hast du sie schon etwas essen sehen? Hat sie einen Freund? Und hat ihre Exfreundin, die auch unter den Trauernden ist, auch keinen? Und wenn ja – was hieße das eigentlich?

Regisseurin Emma Seligman komponiert diese Verhörsituationen mit großem Gespür für musikalisches Timing und visuelle Spielfreude: Die Kamera fährt immer wieder ganz nah an die Gesichter heran, die besorgten Fragenden werden in ihrer Übergriffigkeit inszeniert, aber eben nicht didaktisch-drückend, sondern grotesk-gebrochen. Dazu trägt auch die Filmmusik bei, die Arielle Marx beisteuert. Streichinstrumente, mal gezupft, mal gestrichen, grätschen in den Small Talk hinein, sie betonen die peinlichen Momente des Schweigens und vor allem lassen sie die Stimmung der Protagonistin, das Gefühl der Bedrängung, auf uns Zuschauer überspringen.

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Shiva Baby Trailer #1 (2021) | Movieclips Indie | Bild: Movieclips Indie (via YouTube)

Shiva Baby Trailer #1 (2021) | Movieclips Indie

Hält Danielle der Beklemmung stand?

Bei all dem bleiben die Figuren als suchende Gestalten sichtbar, diese Menschen berühren einen gerade in dem Versuch, nicht zu verzweifeln. Nicht zu verzweifeln, wenn die Mutter sich für das eigene Leben und Lieben schämt. Und auch dann nicht zu verzweifeln, wenn die Tochter erst in ihren Zwanzigern Rebellion und Provokation für sich entdeckt. Die Mutter zitiert Danielle in die Küche, um ihr – ungestört von den anderen Trauernden –, den Sex mit dem verheirateten Mann zu untersagen.

Der verheiratete Mann, von dem die Rede ist, ist Max, der Mann aus der ersten Szene. Und vielleicht lässt sich Danielles Erschütterung – die Nachfrage, ob er wirklich verheiratet sei – nicht damit erklären, dass sie eben doch heimlich verliebt ist. Vielleicht liegt die Erschütterung viel eher darin begründet, dass Danielle spürt, dass alle um sie herum tun, was sie selbst routiniert erledigt: die eigene Lebenserzählung immer neu zu erfinden und den Erwartungen des Gegenübers anzupassen. Mit dieser Frage zumindest entlässt der Film seine Zuschauer: Wie viel Beklemmung, wie viel Horror ist nötig, bis der Mensch zusammenbricht und mit ihm die immer neu erdichteten Varianten des eigenen Lebens?

Der Streamingdienst MUBI bietet "Shiva Baby" an.

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