Salzburger Festspiele 2021 Mehr Event als Festival?

Die Salzburger Festspiele sind ebenso berühmt für ihre Inszenierungen wie für ihr Sponsoren-Management. Wie kaum eine andere Veranstaltung schaffen es die Macher, für die Fans das herzustellen, was sie dort suchen: das Event.

Von: Peter Jungblut

Stand: 20.07.2021

Jedermann-Inszenierung im Boxring | Bild: dpa-Bildfunk/Barbara Gindl

Jetzt ist Risikobereitschaft gefragt: "Über allem hängt eine Gefahr", sagte die scheidende Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler in einem Interview mit den "Oberösterreichischen Nachrichten". Ein Schatten habe sich über alles gelegt – und niemand wisse, "wann es vorbei sein wird“. Gemeint war natürlich die Pandemie, aber im Grunde war die Aussage in Österreich schon immer gültig und wird es wohl auch immer bleiben. Von Untergängen und Katastrophen verstehen sie dort besonders viel, und wenn nicht alles täuscht, mögen sie sich zwischen Salzach und Donau eine Welt ohne Abgrund gar nicht vorstellen, diese Mischung aus Verzweiflung und Gleichmut ist ja gerade der werbewirksamste Teil der österreichischen Kulturbranche. Wer mag, kann das auch einen gewissen Hang zur Morbidität nennen.

Jedes Jahr ein Event herstellen

Helga Rabl-Stadler nimmt also Abschied von den Festspielen, nach 27 Sommern. Sie hat sechs Intendanten überstanden, manche durchlitten, und sich als unerreichte "Sponsoren-Flüsterin" weltweit einen Namen gemacht. Klar ist sie umstritten, was sonst, wie alle Leute, die sich um die Finanzierung kümmern müssen und darum, dass die Karten verkauft werden. Salzburg musste sich da immer sehr viel mehr anstrengen als Bayreuth und geht entsprechend deutlich professioneller ans Werk. Zwischen einem Wallfahrtsort und einer Sommerfrische ist eben ein riesengroßer Unterschied. Auf dem Grünen Hügel lieben sie den Opfergang und legen Richard Wagner Zeit und Geduld zu Füßen, nicht selten im Schweiße ihres Angesichts. In Salzburg dagegen suchen die Fans das Event, und das gilt es Jahr für Jahr neu herzustellen.

Da muss eine Diva wie Anna Netrebko her, ein "Jedermann"-Star wie Lars Eidinger, ein intellektueller Überflieger wie Regisseur Romeo Castellucci, ein Abenteurer wie Christian Thielemann, der ein Symphonie-Gebirge von Anton Bruckner besteigt, kurz und gut, es muss gedealt werden mit jeder Menge Gesprächsstoff. In Bayreuth wird zwar auch gern getratscht, doch wenn es dort Events gibt, dann sind das fast immer lästige – ein Sänger sagt ab, ein Tattoo sorgt für Aufruhr, die Bühnenmaschinerie streikt, das Dach des Festspielhauses ist undicht, die Bratwürste sind aus oder das Kneipp-Becken gesperrt. Nichts davon würde in Salzburg jemanden aufregen. Dort ist vielmehr zu klären, ob die Amerikaner mit ihren Privatmaschinen anreisen können, ob die Russen wieder mal in der Pause gehen und ob die Japaner das Regiekonzept verstehen werden. Wer den internationalen Gästen unauffällig bei ihren Pausen-Plaudereien zuhört, der wird bestätigen können: Sie reden über das Flugwetter leidenschaftlicher als über die atmosphärischen Störungen einer Inszenierung, sie ereifern sich über Finanzberater mehr als über Bühnenbildner und ab einem Kartenpreis von rund 300 Euro kennt praktisch niemand mehr den Komponisten des aktuell aufgeführten Werks. Manche erkundigen sich allerdings höflich beim Sitznachbarn, wie ich selbst bestätigen kann.

Wie viel Moderne verträgt Salzburg

Verena Altenberger bei der Vorstellung Ihres Polizeiruf-Films "Bis Mitternacht" im Juli 2021 in München | Bild: Tobias Hase/dpa zum Artikel Salzburger Festspiele TV-Star Verena Altenberger: Buhlschaft mit Buzz Cut

Im Netz geht's den meisten vor allem um ihre kühne Frisur. Uns interessiert allerdings mehr, was Verena Altenberger über die Rolle der "Buhlschaft" im "Jedermann" zu sagen hat, die sie erstmals spielt. [mehr]

Festspielchefs wie Gerard Mortier und Jürgen Flimm gerieten darüber in Selbstzweifel oder wurden melancholisch, andere wie Alexander Pereira spielten einfach ausgelassen mit und der aktuelle Intendant, Markus Hinterhäuser, ist wie Moses im Roten Meer unterwegs: Er teilt die Publikumswogen nach Traditionalisten und Neugierigen, schreitet tapfer voran und versucht, beiden Seiten einigermaßen gerecht zu werden. Der Stab in seiner Hand deutet freilich auf die Moderne, und wenn er aus seinen eigenen zehn Geboten predigt, so Helga Rabl-Stadler, könnten die "Sünder" glatt ihre Karten für das Brahms-Konzert wieder abstoßen, um sich welche für ein Werk des revolutionären Erneuerers Luigi Nono zu kaufen. Dass die "Tosca" mit Netrebko dabei sehr viel schneller ausverkauft ist als Nonos szenische Aktion "Intolleranza“, versteht sich von selbst und lässt sich auf der Homepage der Festspiele leicht überprüfen. Wenn der Schatten, der sich nach Auffassung von Helga Rabl-Stadler über die Welt gelegt hat, wirklich so düster ist, wie sie sagt, darf es nicht verwundern, dass sich das Publikum nach etwas Erleuchtung sehnt – in Salzburg kommt die eben mehr von Swarovski-Steinen als von überzeugten Kommunisten, wie Nono lebenslang einer war.

Der Glamourfaktor in der Hofstallgasse ist dermaßen hoch, dass sich die Schönen und Reichen trotz zahlreicher Blitzlichter aus Versehen selbst fotografieren – nicht selten bis in den zweiten Akt hinein, weil sie nicht immer genau unterscheiden können, wann der Sponsoren-Empfang endet und die Aufführung beginnt. Zugegeben, manche Regisseure machen es einem auch nicht gerade leicht. Nun ist es wohlfeil, über die sagenhafte Geldmaschine Salzburg herzuziehen – wie viele andere Städte würden gern, können aber nicht, weil sie eben keinen Untersberg haben, keine Felsenreitschule, kein Hellbrunn und kein Schloss Leopoldskron, das sich natürlich als "Eventlocation“ vermarktet, von den vielen Zweitwohnsitzen mal abgesehen. Ohne die Festspiele würde in der Region ganz viel Geld fehlen, klar, aber was noch? Die Künstler, selbst die teuren, sind ja das ganze Jahr über auch anderswo zu erleben, und Edel-Besetzungen allein machen ja noch kein Festival aus.

Viel hilft viel

Salzburg startete vor 100 Jahren mal als Friedensfest, aber selbst damals wurde eigentlich was anderes zelebriert: Die unbedingte Entschlossenheit zur Üppigkeit in einer kargen Welt, oder, kunstbeflissener ausgedrückt, die barocke Lebensfreude, der Salzburg sein heutiges Stadtbild verdankt. Nie waren sich die Menschen ihres stets drohenden Untergangs bewusster als im Barock – im Renaissance-Zeitalter davor rebellierten sie gegen ihr unvermeidliches Ende, im Rokoko wurde es überschminkt. Beides wurde an der Salzach nie so recht Mode. Lieber ließen sie es richtig krachen, zur Not auch auf dem Petersfriedhof, wo sich Hofsteinmetz Sebastian Stumpfegger mit gleich sieben Kreuzen verewigte. 'Viel hilft viel' ist denn auch das unausgesprochene Dauer-Motto der Salzburger Festspiele. Dass es in dieser Saison pandemiebedingt nur zwei echte Opernpremieren gibt, ist da schon bemerkenswert. Wenn da mal kein Gewitter aufzieht!