Precht und Flaßpöhler übers Impfen Philosoph oder TV-Pfau?

Es ist eine große philosophische Tradition: Gewissheiten in Frage zu stellen. Im Moment tun dies Svenja Flaßpöhler und Richard David Precht, weil sie wissenschaftliche Erkenntnisse übers Impfen in Frage stellen. Die Philosophen ernten dafür heftige Kritik. Zu Recht?

Von: Martin Zeyn

Stand: 17.11.2021

Ein Mann mitlleren Alters mit grauen, langen Haaren | Bild: dpa-Bildfunk/Rolf Vennenbernd

"Die totale Sicherheit ist immer nur um den Preis der Einschränkung der Freiheit zu haben," sagt Richard David Precht. Klingt einleuchtend, fast schon nach einem Gemeinplatz. Aber er sagt das im Zusammenhang mit der Impfdebatte und staatlichen Maßnahmen zum Infektionsschutz. Eine rhetorische Spitzfindigkeit? Nein, denn dadurch bekommt diese Aussage einen ganz anderen Duktus. Klingt hier etwas wie "Impfdiktatur" an – eine Übergriffigkeit des Staats gegen seine Bürger?  
Schauen wir genau hin. Der Philosoph baut ein Gegensatzpaar auf. Hier die Freiheit, dort die Sicherheit. Bei der Verbrechensbekämpfung funktioniert diese Gegenüberstellung – nur Diktaturen können die Menschen so überwachen, dass sie ihnen Sicherheit versprechen können. Aber selbst da ist das Versprechen meist Propaganda. Und bei der Impfdebatte? Will Precht wirklich, wie er beteuert, niemandem Angst machen?  

"Ich würde Kinder sowieso niemals impfen, weil ein im Aufbau begriffenes Immunsystem mit diesem Impfstoff zu bearbeiten, also das würde ich niemals tun."

Richard David Precht im Podcast Lanz & Precht vom 29. Oktober

Unscharfe Rhetorik 

Werden die Befürworter des Impfens hier zu kleinen Diktatoren erklärt? Zumindest zu Leuten, die den Kindern schaden wollen? Tatsächlich spricht niemand bei der Impfdebatte von "totaler Sicherheit". Was von zentraler Bedeutung ist. Kein Corona-Impfstoff verspricht totalen Schutz, sondern nur einen weit besseren als ohne Impfung. Auch behauptet niemand totale Sicherheit des Impfstoffs, sondern nur ein weit geringeres Gesundheitsrisiko als im Falle einer Erkrankung. Beides weiß jeder, der sich informiert. Aber solche Differenzierungen nimmt Precht nicht vor (so wie übrigens auch Flaßpöhler nicht). Der Philosoph hantiert also mit etwas, das niemand so behauptet hat. Warum? Weil nur dann die Gegenüberstellung mit Bedeutung aufgeladen wird. Dort die, die einem fatalen Wunschtraum anhängen: nämlich totale Sicherheit zu wollen, auch um den Preis von Unfreiheit. Hier die anderen, die das als Illusion durchschauen. Also Precht selbst. Es fällt auf, dass Precht in seiner Reaktion auf die heftige Kritik stets die Position des Warners vor einem zu unüberlegt agierenden und deswegen über das Ziel hinausschießenden Staates einnimmt. Ein wichtiger Punkt. Nur unterschlägt er die Gegenargumente. Denn die Gründe, warum Regierungen über härtere Maßnahmen nachdenken, lässt er aus. Methode oder Zufall? 

Ich weiß, dass ich es besser weiß

Tatsächlich ist es eine ehrwürdige Tradition in der Philosophie, allgemeine Wahrheiten in Frage zu stellen. Aber schon im antiken Griechenland gab es Menschen, die sich darin gefielen, einfach alles in Frage zu stellen: die Sophisten. Seit Platon wird deren Geisteshaltung von den Philosophen bekämpft. Dennoch hat sie die Zeiten überdauert. Gespalten in zwei Fraktionen: In jene, die alles in Frage stellen, solange es nur dazu führt, dass sie sich gegen jegliche Beeinflussung durch Fakten wappnen – eine Haltung, die wir nur allzugut von den Corona-Leugnern kennen.  

Und dann die kleine Gattung der fernsehtauglichen Philosophen. Die beginnen nicht mit dem klassischen Satz von Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Ihr Satz lautet: Ich weiß es besser als die Heerscharen von Wissenschaftlern. Deren Problem sei nämlich: Sie sagen uns die Wahrheit, nämlich kein absolutes Wissen zu haben. Sondern nur Studien, nur Statistiken, nur einen Impfschutz von maximal 90 Prozent. (Und die Journalisten würden sowieso nur lammfromm agieren).  

Hart, aber Drama 

Richtig, das ist Wissenschaft – die darauf beruht, die Grenzen der Erkenntnis klar zu benennen. Was uns Flaßpöhler und Precht liefern, ist hingegen die große Geste. Die Verteidigung der Freiheit. Das Infragestellen von allgemeinen Annahmen. Aber es genügt eben nicht zu sagen, wie Flaßpöhler, dass auch Geimpfte jemanden anstecken. Denn die Wahrheit ist: Sie tun es seltener als Ungeimpfte. Viel seltener. Und weil sie auch viel seltener schwer erkranken, sorgen sie dafür, dass die Intensivstationen nicht überlastet werden. Philosophie bedeutet wörtlich Liebe zur Weisheit. Halbwahrheiten sollten deswegen nicht zum Werkzeug gehören, um damit möglichst schillernd in Erscheinung zu treten. Klar, Talkshows sind auch Unterhaltung. Eingeladen werden gerne die, an denen sich die anderen reiben können. Nur sollte sich jemand, der sich dem Denken verpflichtet sieht, die Leistungen anderer anerkennen. Und nicht seinen Zweifel als wirksamstes Hilfsmittel zur Bewältigung einer Pandemie verkaufen. Eine schillernde Selbstinszenierung als Denker reicht dazu nicht. Der Pfau ist schön, nicht klug.   

Beide müssen jetzt zurückrudern. Precht immerhin tat das öffentlich in der "Zeit". Natürlich haben sich schon immer Philosophen öffentlich geäußert. Aber wenn sie sich auf den Schauplatz von Impffragen begeben und sich damit auf ein Gebiet wagen, in dem sie sich nicht auskennen, dann müssen sie sich nicht wundern, dass sie dafür hart kritisiert werden. "Ich weiß, dass ich nicht weiß", darf nie zu einem "Ich weiß deswegen alles besser" verkommen. Weniger Drama – mehr Weisheit. Dann wäre allen gedient.