Nils Wogram: "Muse" Jazzposaunist auf musikalischem Neuland

Nils Wogram gilt seit Jahren als einer der innovativsten Jazzer der Welt und das mit der Posaune. Mit seinem neuen Projekt "Muse" geht er nun musikalisch noch einen Schritt weiter.

Von: Markus Mayer

Stand: 12.10.2021

Nils Wogram mit Musikern  | Bild: Ulla C. Binder

Hören, was es bisher noch nie zu hören gab. Vier Instrumente, die sattsam bekannt sind, aber dennoch noch nie in einem Quartett kombiniert wurden: Zwei Saiten-instrumente, die man aus dem klassischen Orchester kennt, und zwei Blasinstrumente, die von jeher mehr Volumen, sprich: Lautstärke entwickeln als einzelne Geigen- oder Harfentöne. Diese Zusammenstellung von Klangfarben hat zur Folge, dass sich die Bläser sehr konzentrieren müssen, wollen sie die anderen nicht übertönen. Die Saitenkünstler wiederum müssen auf die Sensibilität ihrer Kollegen vertrauen. "Muse" nennt Nils Wogram dieses einmalige Zusammenspiel von Instrumenten und Temperamenten − eine Übung, vor allem im "aufeinander Hören", im "sich gegenseitig den nötigen Raum gewähren".    

Ist das noch Jazz?

"Ich wollte schon sehr lange mit der Kathrin Pechloff, unserer Harfenistin, arbeiten. Ich habe ihr Schaffen über viele Jahre beobachtet und gedacht: Es wäre eigentlich cool, ein Projekt zu machen, das sehr kammermusikalisch ist und somit ein bisschen was anderes als das, was ich in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht habe", sagt Wogram. Doch trotz vieler Einflüsse hätte es sich dabei am Ende immer um Jazz gehandelt. "Bei Muse ist das nicht so ganz klar.

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Nils Wogram Muse | Bild: Nils Wogram (via YouTube)

Nils Wogram Muse

Ein Streichquartett kennt man. Aber was ist ein Ensemble mit zwei Bläsern, einer Bratsche und Harfe? Auf "Muse" spielen die Beteiligten zudem mit den Erwartungen, die man ihren Instrumenten entgegenbringt: Kann eine Harfe mehr als nur effekt-heischende Glissandi? Lässt sich auf einer Bratsche überhaupt improvisieren? Können Posaune und Saxophon auch etwas anderes als lautstark "Blue Notes" rauszuhauen? Die Beteiligten, die Wogram ausgewählt hat, sind neben der Berliner Harfenistin Kathrin Pechloff, der feinsinnige Neuseeländer Hayden Chisholm am Altsax sowie Gareth Lubbe, ein weltoffener Bratscher aus Südafrika. Doch damit ist nicht Schluss, was die Klänge anbelangt.

Denn Wogram setzt auf dem neuen Album auch Oberton-Gesang ein, den Gareth Lubbe und Hayden Chisholm beisteuern. Er selbst intoniert auf der Posaune, der großen Trompete, mikrotonale Klanggespinste und erweitert so sein Spektrum. "Als ich mit Gareth Lubbe, unserem Bratscher gesprochen habe, hat der gesagt: Hey, ich würde sehr gerne meinen Obertongesang einsetzen. Könntest Du Dir vorstellen, dass irgendwie in deine Kompositionen mit zu integrieren. Dann hab ich gesagt: Ja, cool." Als Jazzkomponist sei Wogram ja immer auf der Suche und angewiesen auf den Input seiner Mitspieler. "Die meisten modernen Komponisten arbeiten auch mit den Interpreten zusammen. Das muss man dann in Einklang bringen mit der eigenen musikalischen Sprache."

Hörgewohnheiten aufbrechen

Was es auf dem Album "Muse" zu hören gibt, liegt im Niemandsland zwischen Jazz und Kammermusik, zwischen Filmsoundtrack und Neuer Musik. Atemberaubend schön ist das stellenweise, manchmal bizarr, hin und wieder abstrus. Beim Hören muss man liebgewordene Vorurteile über Bord werfen. Wer nur reinen Jazz oder puren Streichquartett-Klang will, ist fehl am Platz. Wer sich jedoch gern einem Musik-Abenteuer hingibt und keine Auseinandersetzung mit liebgewordenen Schönheits-Idealen scheut, wird hier von einer Muse geküsst.

Aber ist das überhaupt noch Jazz? Ja, weil hier ein Jazzkünstler an der Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten arbeitet. Weil er eine eigene Vorstellung hat von seinem Instrument und einem bestimmten Ensembleklang. Im Jazz hat es immer solche Forscher gegeben: Von Klarinettist Sidney Bechet über die Saxophonheroen Charlie Parker und John Coltrane, die neue Techniken entwickelten, um auszuloten, was sich alles ausdrücken lässt auf ihrem Instrument. Ähnlich haben es auch Basslegende Jaco Pastorius und der große Albert Mangelsdorff gehalten. Es hat aber auch Jazzkünstler gegeben wie den Jimmy Giuffre oder Cool-Jazz-Arrangeur Gil Evans, die eine ganz bestimmte Klangkunst, einen spezifischen Bandsound im Ohr hatten. Wogram ist zweifellos einer von ihnen. Er traut sich mit offenen Ohren zu gestalten, will nicht immer nur das ewig Gleiche, bereits Erreichte reproduzieren. Mutig wagt er sich auf stilistisches Neuland. 

"Ich persönlich denke nicht so sehr in Stilen und damit haben wir auch viel mehr die Möglichkeit, ein Instrument wie die Harfe in ein anderes Klangbild zu packen", sagt Wogram. Eine kompositorische Exegese, also wer was wie mit welchem Instrument interpetiert hat, interessiere ihn weniger. "Es geht im besten Sinne darum, mit dem Instrument zu arbeiten, aber auch konventionelle Wege zu verlassen."

Der Beitrag von Markus Mayer zu Nils Wograms neuem Album "Muse" lief in der kulturWelt, die Sie hier nachhören und abonnieren können.