Mobile Disco Mit Soundsystemen aus der Pandemie

Clubbetreiber Benjamin Röder hat eine mobile Disko gebaut, um die Stadt und das Publikum zurückzugewinnen: Warum Soundsysteme die Perspektive für den Sommer sind – und weit mehr als aufeinander gestapelte Boxen.

Von: Max Büch, Katrin Focke

Stand: 22.04.2021 | Archiv

Das Charlie Scout Soundsystem | Bild: Julian Baumann

"Es ist wie ein Orchester: Jede einzelne Box muss mit der anderen einen Dialog eingehen – und nur alle zusammen schaffen es, den richtigen Sound darzustellen", beschreibt Benjamin Röder den Aufbau seines Soundsystems. Der Künstler, DJ und Clubbetreiber der "Bar Charlie" in München hat sich während Corona eine mobile Anlage gebaut: das "Charlie Scout Soundsystem".

Soundsysteme als Perspektive

Denn das Charlie, der legendäre Kellerclub im Stadtteil Untergiesing, liegt wie alle anderen Kulturorte, brach. Seit über einem Jahr herrscht Stillstand, wo neun Jahre lang dicht an dicht zu Disco, House, Techno getanzt wurde. "Let the memories begin" war der Slogan dieses Orts und nur das ist derzeit davon geblieben: Erinnerungen.

Um sich selbst wieder eine Perspektive zu schaffen, hat Röder nun mit seinen Kollegen einen Neuanfang gewagt: raus aus dem Keller und an die frische Luft. Im Gasteig haben sie zusammen mit dem lokalen Magazin Mucbook die alte Gastronomie als Zwischennutzung übernommen: Mucbook nutzt die Räume als Co-Working Space und das "Charlie Scout" wird vor allem die Terrasse bewirtschaften und bespielen, sobald das wieder möglich ist und sich rentiert.

Die Stadt zurückgewinnen

"Wir haben beschlossen, diese Stadt und das Publikum wieder für uns zurückzugewinnen", beschreibt Röder seine Motivation, die sich natürlich auch durch einen gewissen Pragmatismus speist: "Was soll man als DJ, als Partyveranstalter, als Clubbetreiber machen ohne Publikum?"

Wo ist das Publikum? Denn das Soundsystem steht schon einmal parat. Und die mobile Anlage schafft zumindest schon einmal Perspektiven für den Sommer. "Man kann urbanen Lebensraum neu definieren, andere Bühnen, andere Plattformen schaffen", so Röder, "innerhalb von Minuten." Zwei Boxentürme und in der Mitte Verstärker, Mischpullt und die Turntables: ein Club in drei mobile Metallboxen verpackt. Ein Kabel für den Strom, zwei für die Boxen und schon kann es losgehen mit dem Charlie Scout Soundsystem.

Sound Systems: mehr als gestapelte Boxen

Ein Soundsystem, das war schon immer mehr, als nur ein paar aufeinander gestapelte Lautsprecher-Boxen: Auf Jamaika entstanden in den 1950er Jahren die ersten dieser miteinander gekoppelten Klangbauten als Treffpunkt für die ärmeren Leute. Viele konnten sich die Tanzveranstaltungen in den teuren Clubs und Hotels nicht leisten – und wollten trotzdem tanzen und ihren Spaß haben. Die Sound Systems entwickelten sich bald von einer lokalen Musikkultur zu einem weltweiten Phänomen, das sich heutzutage – je nach Region – in den unterschiedlichsten Ausprägungen darstellt: von Straßenfesten wie dem Londoner Notting Hill Carnival, über die Baile Funk Szene in Brasilien, bis zu den Festivals und Raves in Europa und den USA. Eines aber haben sie alle gemeinsam: Sie sind Soziale Treffpunkte, Sound-Skulpturen und ein elementarer Bestandteil jeweiligen Musikkultur.

In Mexiko wiederum gibt es die "Sonideros": Das Münchner DJ- und Produzentenduos Schlachthofbronx war einmal zu einem solchen Event in Mexiko City eingeladen. "150 Meter Boxenreihen auf der einen und 150 Meter Boxenreihen auf der anderen Seite" erinnert sich Bene von der Schlachthofbronx an diese eindrucksvolle Erfahrung, die sie in ihrem Musikvideo "Up" verewigt haben. "Und dann kommt das erste Mal die Konga und dann fliegt der komplette Müll von der einen Straßenseite zur anderen."  Aber nicht nur die Lautstärke sei überwältigend. "Der Eintritt ist super billig, alle können da hinkommen. Alle tanzen Formationen und das aber halt zu Metall, über uralten Kumbia, zu Techno."

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

SCHLACHTHOFBRONX - UP (Official Video) | Bild: Schlachthofbronx (via YouTube)

SCHLACHTHOFBRONX - UP (Official Video)

Auch das musikalische Schaffen von Bene und Jakob von der Schlachthofbronx ist eng mit den Soundsystemen verwoben. Rund die Hälfte ihrer Musik ist mittlerweile speziell für das Soundsystem von Elemental Wave produziert, mit dem sie normalerweise auftreten: Drei lange Sprinter voll mit Boxen.

"Ein Ganzkörpererlebnis"

"Es ist auf jeden Fall nicht nur ein Hören von Musik, sondern ein Ganzkörpererlebnis", betont Jakob von der Schlachthofbronx den Stellenwert der Anlage. Entscheidend sei auch, dass sie nicht von einer Bühne aus auflegen, sondern mitten in der Crowd stehen. "Du musst das hören, was die Leute hören", meint Bene von der Schlachthofbronx. "Nur so kannst du auch wirklich dann gewährleisten, dass es wirklich alles so rauskommt, wie es rauskommen soll."

Wann die nächste "Blurred Vision" Party von der Schlachthofbronx vor Publikum wieder stattfinden kann, steht noch in den Sternen. Das Charlie Scout Sound System durften sie aber neulich schon einmal einweihen – wie hier im Stream zu sehen ist:

Soundsysteme statt Schäfflertanz

Das Soundsystem ist für Benjamin Röder auch eine Art Totem für die Clubkultur. Ein Zeichen der Hoffnung für den Neuanfang? "Ich glaube prinzipiell wird sich diesen Sommer viel dann auch draußen abspielen", vermutet Jakob. "Sobald das geht, ist es natürlich super, wenn möglichst viele Soundsysteme in der ganzen Stadt stehen und die Leute möglichst tolerant damit umgehen, dass es auch mal lauter ist. Die Leute haben ein starkes Bedürfnis, tanzen zu gehen."

Das Symbol für das Ende der letzten großen Pandemie in München, der Pest, war der Legende nach einst der Schäfflertanz. Vielleicht sind es diesmal ja DJs und ihre Soundsysteme, die den Neuanfang machen.