Jochen Distelmeyer über sein neues Album "Dieses innere Orchester abbilden'"

Eigentlich sollte es eine Art Country-Mixtape werden. Dann kam Lil Nas X mit "Oldtown Road". Jochen Distelmeyer über das ewige Thema des Songwritings, die Theoretisierung der Musik als Abwehrreflex und das neue Album "Gefühlte Wahrheiten".

Von: Judith Heitkamp

Stand: 30.06.2022 | Archiv

Der Musiker Jochen Distelmeyer am Rande eines Interviews. Das neue Album "Gefühlte Wahrheiten" des Musikers erscheint am 01.07.2022.  | Bild: dpa-Bildfunk/Britta Pedersen

"Ich sing für dich", singt Jochen Distelmeyer auf seinem neuen Album "Gefühlte Wahrheiten". Er war 20 Jahre der Kopf von Blumfeld, der Band, die als Speerspitze des sogenannten Diskurs-Pop galt. Danach war und ist er solo unterwegs – und hat den Roman "Otis" geschrieben.

Judith Heitkamp: Als ihr Roman vor Jahren erschienen war, hat ein Kollege von Bayern 2 ein Interview mit Ihnen mit der Frage begonnen, was schöner sei: schreiben oder Musik machen? Wie antworten Sie denn heute?

Jochen Distelmeyer: Ich glaube, genauso wie damals: Musik machen natürlich.

Damals haben Sie gesagt, man könnte das nicht so richtig trennen.

Das Schreiben und das Musikmachen? Das ist natürlich richtig, wenn es um Lieder schreiben, also Musikmachen in dem Zusammenhang geht. Ich kann auch einfach Musik machen, ohne dass ich Texte singe. Darin fühle ich mich grundsätzlich aufgehoben. Das ist mein Biotop.

Aufgehoben fühlen, gutes Stichwort. Der Titel "Ich sing für dich", "… für die Alten und die Kinder, für jede Frau und jeden Mann" – ist ja eine richtig große Umarmung für alle, die zuhören. Das klingt warm,  empathisch … nicht so diskursiv. Wie sehen Sie Ihre Rolle?

Genauso sollte es bei dem Stück sein. Eine warme, zärtliche, zugewandte Umarmung. Aber ich habe eigentlich mit all meinen Stücken, die ich geschrieben habe und singe, diese Absicht gehabt.

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Jochen Distelmeyer - Ich sing für dich (Official Video) | Bild: Jochen Distelmeyer (via YouTube)

Jochen Distelmeyer - Ich sing für dich (Official Video)

Gehört das zu der Rolle dazu von jemand, der so lange für seine Fans und natürlich auch Leute darüber hinaus singt und Musik macht, zur Rolle als Popstar?

Zunächst sehe ich mich nicht als Popstar. Zweitens weiß ich nicht, ob es eine Rolle ist. Der Vorgang des Musikmachens und für Leute, mit Leuten gemeinsam spielen, ist mir so in Fleisch und Blut übergegangen und schon so lange Teil meines Lebens, dass es ein ganz natürlicher Vorgang geworden ist, ein Ausdruck eines Gefühls genereller Verbundenheit mit den Menschen, mit der Welt, in der ich lebe.

Ist Gefühl wichtiger als Theorie?

Ja, natürlich.

Denn Diskurs-Pop, das klang ja nach sehr viel Theorie. Ich habe hier den Titel einer Arbeit, "Säkularität, Intertextualität, Diskurs-Pop"…

Ja, wo haben Sie das her?

Internet. Aber vielleicht ist das jetzt auch nicht mehr so wie damals?

Ich glaube, dass anfangs, als diese Begriffe im Zusammenhang mit unserer Arbeit bei Blumfeld geprägt worden sind, vielleicht noch eine gewisse Scheu bestand, sich dem, was wir musikalisch und inhaltlich gemacht haben, ganz frei und offen anzunähern. Ich glaube, es war relativ selten für die damalige Zeit, was wir versucht haben: Auf eine sehr direkte Art und Weise von uns und unserem Leben und unserer Sicht auf die Dinge zu erzählen. Und um vielleicht diese Zugänge zu schaffen von außen, wurden dann derartige Begriffe in Stellung gebracht, vielleicht auch in einer Art Abwehr: sich der Sache annähern, ohne sich wirklich darauf einzulassen.

Jetzt, wo ich darüber spreche, habe ich gleichzeitig das Gefühl, als wären wir Leuten schon recht früh zu nahe gekommen, zu nahe gerückt. Einer der Gründe, warum wir uns als Band zusammengetan haben, war ja, dass die Art von Musik, wie sie uns vorschwebte, zu dem Zeitpunkt eigentlich nirgends gespielt wurde.

Die Theoretisierung der Musik als Abwehrreflex.

Abwehr vor der wirklichen Kraft der Musik? Ja, natürlich. Vor dem Zauber und dem, was sie für uns bereithält. Ich kann das ja gut verstehen, weil es so schwierig ist, über Musik zu sprechen. Deswegen nähern sich viele Leute dann über den textlichen Gehalt der Sachen unseren Stücken an oder meinen Stücken an.

Das werde ich jetzt wahrscheinlich auch tun.

Kein Problem. Gerne.

Sie reden dann über den musikalischen Gehalt, ok?

Ja, genauso machen wir das. Sehr gut.

Ging es Ihnen beim Titel dieses Albums "Gefühlte Wahrheiten" um Politik, von Corona bis Krieg, die emotionalen Wahrheiten, die Filterblasen, die Sachargumente eher weglassen?

Auch. Ich glaube grundsätzlich, dass wir zu jeder Zeit mit gefühlten Wahrheiten zu tun haben. Gegen Gefühle können wir nichts machen, die stellen sich ein. Was vordergründig kritisch mit gefühlten Wahrheiten verbunden worden ist, also ein gewisses Maß an Irrationalität, hat nicht mit einem Zuviel an Gefühl und Emotion zu tun, sondern mit einem falschen, angstvollen Umgang mit Gefühlen, mit denen man sich nicht auseinandersetzen mag und dadurch nicht zu etwas wie einem Bewusstsein darüber kommt.

Der Großteil der Lieder auf dem Album sind Liebeslieder oder Liebeskummer-Lieder.

Mir geht es um eine emotionale Mündigkeit von mir selber und den Leuten, die vielleicht meine Musik hören. Und nichts ist naheliegender für jemanden, der Songs schreibt, als das, was seit Jahrhunderten Kernthema von Liedkultur ist – ob jetzt Troubadour-Lyrik, Minnegesang, die Beatles, Chuck Berry bis zu Rihanna: über Liebe und Sexualität zu singen.

Wie ist es denn mit den Sprachen? Es sind drei englischsprachige Songs auf diesem Album – das ist was Neues. Warum? Was kann Englisch, was Deutsch nicht kann?

Das kann ich nicht beantworten. Mir sind diese englischsprachigen Country-Songs auf eine Art zugeflogen und ich hatte eine Zeit lang die Absicht, eine Art Country-Mixtape zu veröffentlichen. Dann kam Lil Nas X mit "Oldtown Road", also einem Stück, das Trap und Country miteinander vermählt. Da dachte ich mir, dass ich mich da nicht weiter drum kümmern muss und mich wieder meinen deutschsprachigen Songs widme. Als wir dann die Platte aufgenommen haben, war es mir aber auch ein Bedürfnis, diese Stücke mit aufzunehmen. Ich konnte im Englischen vielleicht aus einer anderen Perspektive auf ähnliche Themen oder dieselben Dinge blicken und davon erzählen, weswegen das ganz leichtgängig war, die Songs zu schreiben.

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Lil Nas X - Old Town Road (Official Video) ft. Billy Ray Cyrus | Bild: LilNasXVEVO (via YouTube)

Lil Nas X - Old Town Road (Official Video) ft. Billy Ray Cyrus

Dieser Song "The Reason" zum Beispiel – klassischer Country. Die Musik auf der Ranch oder des Siedlers, der gen Westen zieht. Amerikanische Helden, Cowboys, Colts, Kojoten. Was ist denn Ihr Verhältnis zu Country?

Danke für die Frage. Ich hatte lange Zeit kein anderes Verhältnis zu Country, als dass es Interpreten gab, die ich schätzte, oder Lieder, die ich mochte. Erst in der Beschäftigung mit meinem Roman "Otis" und dann dem Coverversionen-Album "Songs From The Bottom" hatte ich den Eindruck, dass ich als jemand, der großer Fan von Blues und Blues-Musikern da ist, einen Unterschied ausmachen konnte. Beide Genres behandeln dieselben großen alten Themen – Herz gebrochen, die Frau ist weg, das Geld ist alle –, aber aus unterschiedlichen Positionen. Der Blues-Sänger, die Blues-Sängerin treten aus dem Gospelchor heraus und verlassen die Gemeinde, während der Country-Musiker, die Country-Musikerin in der Regel der Gemeinde treu bleiben und dann in der Scheune oder sonstwo zum Tanz aufspielen … und diese Art der Treue und des Dableibens, das fand ich schön bei Country.

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The Reason | Bild: Jochen Distelmeyer - Topic (via YouTube)

The Reason

Sie haben das Album mit Coverversionen angesprochen, das Sie 2016 gemacht haben. Das waren Songs von Britney Spears, Lana Del Rey, Nick Lowe, Radiohead. Hat diese Arbeit auch den Sound von "Gefühlte Wahrheiten" beeinflusst?

Ich denke ja. Beim Aufnehmen von "Songs From The Bottom", diesem Coverversionen-Album, hat mir gut gefallen, dass es mit kleinem Besteck aufgenommen wurde - , also meistens ich mit Akustikgitarre und ein Freund mit Keyboard oder zweiter Gitarre. Vom Sound her kleiner. Und das habe ich mit in den Aufnahmen von "Gefühlte Wahrheiten" übernommen. Die Absicht, vom Sound nicht zu großspurig daher zu kommen, sondern verbindlich.

Und da wir ja abgemacht haben, dass Sie für die musikalische Annäherung zuständig sind, sind Sie jetzt noch mal dran. Bonustrack.

Da gäbe es so viel zu sagen. Was fällt mir aus dem Stand ein? Ich hoffe, mit dem Album den inneren Erfindungsreichtum, der uns ausmacht, durch die verschiedenen Genres und Sichtweisen und Geschichten, also dieses innere Orchester abbilden zu können. Und ich freue mich, wenn die Leute sich darin wiedererkennen.

"Gefühlte Wahrheiten" von Jochen Distelmeyer ist bei Four Music erschienen. Am 26. Oktober stellt er sein neues Album live im Münchner Ampere-Club vor.

Das Gespräch wurde für die kulturWelt auf Bayern 2 am 30. Juni 2022 aufgenommen. Sie können es auch hier nachhören. Den Podcast können Sie hier abonnieren.