Dicht & Ergreifend "Die Musikbranche hat einfach keine Lobby"

Die Rapper von Dicht & Ergreifend haben sich mit der Pandemie auch immer wieder künstlerisch auseinandergesetzt – zuletzt mit einer "musikalischen Spendenübergabe". PULS Startrampe hat die zwei Niederbayern in der Posthalle Würzburg zur exklusiven Session getroffen.

Stand: 06.05.2021 | Archiv

Dicht & Ergreifend | Bild: BR

PULS Startrampe: Dicht & Ergreifend bei GEMEINSAM LAUTER – danke, dass ihr unsere Aktion unterstützt! Es ist ja nicht das erste Mal, dass ihr laut werdet in dieser Pandemie. Kurz vor Weihnachten 2020 habt ihr euren Track "Ohne uns" rausgebracht, auf dem ihr gemeinsam mit vielen Featuregästen wie Monaco F, Bbou und Hannes Ringlstetter auf die Misere der Live-Musik aufmerksam macht. Wie kam es denn zu dem Track?

Lef Dutti: 2020 war für uns sowohl Live-Pause als auch Mucke-Pause, aber gegen Ende des Jahres war der Durst und der Hunger nach neuen Dingen extrem groß und das Thema war allgegenwärtig präsent. Also hatten wir die Idee, einen Track zu machen und auf uns aufmerksam zu machen. Am Anfang gab es nur die kurze Version, aber uns sind so viele Künstler*innen eingefallen, die vielleicht Bock hätten, mitzumachen. Also haben wir rumgefragt und fast alle, die wir gefragt haben waren dabei.

"Ohne uns" ging dann ja auch gut durch die Decke, aber dabei habt ihr es nicht belassen. Wie sah denn euer zweiter Streich aus?

Dicht und ergreifend  | Bild: BR zum Artikel Dicht & Ergreifend "Spendenübergabe mit musikalischer Untermalung"

40.000 Euro für das Klinikum Passau. Ohne Bedingungen. Die Rapper "Dicht & Ergreifend" haben an andere Menschen gedacht – einfach so. Und mit ihrem Kartenverkauf gezeigt, wie sehr die Fans sich auf ihre Konzerte freuen. [mehr]

Lef Dutti: Resultierend aus diesem Mammut-Track war die Frage – nach langen Gesprächen in der Band – wie nutzt man den Boom um diesen Track um irgendwas damit zu machen und den Schwung auszunutzen. Und dann war die Idee, dass wir "Vollkontakt-Konzerte" verkaufen in der Gaststätte von Mikes (Urkwell Anm. d. Red.) Eltern für die Zeit wenn jeder Kontakt wieder uneingeschränkt erlaubt ist, also das, was sich jeder wünscht. Wir haben sechs Konzerte angesetzt, die jeweils innerhalb einer Minute ausverkauft waren und haben damit 120.000 Euro umgesetzt. Davon haben wir ein Drittel, also 40.000 Euro, ans Passauer Klinikum gespendet, ein Drittel an alle, die an "Ohne uns" beteiligt waren und mit dem letzten Drittel finanzieren wir die Konzerte, sobald sie stattfinden können.

Leider hat man abgesehen von euren Aktionen in letzter Zeit nicht viel mitbekommen, einzelne Spendenaktionen ausgenommen. Warum ist die Musikszene so leise geblieben und warum machen sich in der Politik so wenige für die Szene stark?

Lef Dutti: Ein entscheidender Punkt ist vielleicht, dass man geglaubt hat, dass es bald vorbei wäre. Das halten wir noch durch und nächsten Sommer geht es weiter. Jetzt sind es aber schon bald 14 Monate. Der Sommer 2020 hat uns ein bisschen Hoffnung gegeben, aber danach war es umso härter. Vielleicht braucht es einfach noch ein bisschen Zeit, bis die Künstlerinnen und Künstler sagen: Wir haben die Schnauze voll.

Urkwell: Die Musikbranche hat einfach keine Lobby. Und es gibt auch keinen kollektiven Zusammenschluss wie die Union in der amerikanischen Filmbranche oder den BVK für die Kameralaute in Deutschland. Jeder in der Musikbranche ist auf sich alleine gestellt und kocht sein Süppchen. Es ist dadurch schwierig, überhaupt Stellung zu beziehen, weil die Luft für den einzelnen dann schnell sehr dünn werden kann, wenn er keine Unterstützung von anderen bekommt.

Auch in der Gesellschaft scheinen Kunst und Kultur während der Corona-Krise eine untergeordnete Rolle zu spielen, wenn nicht gerade ein paar Schauspieler*innen mit einer kontroversen Aktion auf sich aufmerksam machen. Macht euch die mangelnde Wertschätzung Sorgen?

Urkwell: Ich glaube, dass durch den Wegfall von Kunst und Kultur in der Gesellschaft soziale Kompetenz verloren geht. Das Leben wird ja dadurch erst lebenswert, dass man neben der Arbeit immer wieder aus dem System rausgeht, um Menschen zu treffen, gemeinsam zu feiern und das Leben zu zelebrieren, so Hippie-mäßig wie sich das auch anhört. Musik ist ein Grundbedürfnis. Wir haben das gemerkt, als wir vor kurzem in Passau aufgetreten sind, wo man nach so langer Zeit einfach mal wieder etwas gespürt hat: Eine fette Anlage, Menschen vor der Bühne, Basswellen…Das war Gänsehaut pur! In dem Moment wurde einem aber auch schmerzhaft klar, dass die Erinnerung an Konzerte zwar da ist, aber wie es sich anfühlt, das hatte man vergessen. Das ist weg. Man gewöhnt sich so schnell an die neue Situation und dadurch geht die Lebensqualität an sich verloren.

Ihr seid ja eine Band, die zu einem großen Teil vom Live-Geschäft lebt und eure Musik entfaltet live erst ihre ganze Power. Welche Rolle spielt Party machen denn für euch neben aller Sozialkritik in den Texten?

Urkwell: Spaß zu haben ist das Wichtigste. Wenn ich mal keinen Spaß mehr habe, dann könnt ihr mich mit Schokopralinen steinigen. Ohne Spaß brauch ich in der Früh nicht aufstehen.