Wachstumsstopp Fängt die Krise für die Museen erst an?

Auch im Museumbetrieb spielt sich wieder Routine ein. Aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Wir stehen vielleicht am Beginn einer wirklich großen Krise. Und viele Häuser wirken nicht so, als seien sie darauf vorbereitet.

Von: Martin Zeyn

Stand: 18.08.2020 | Archiv

Die Zukunft der Museenlandschaft? Die Louis Vuitton Foundation des gleichnamigen Konzerns in Paris | Bild: Niviere David/Abacapress.com

Plan your visit: Wer heute ein Museum besuchen will, der sollte sich diese Rubrik auf der Homepage genau anschauen. Was jahrelang nur für Blockbuster-Sonderausstellungen, die Vatikanischen Museen und einige Privatsammlungen galt – lieber vorher buchen, sonst kommt man nicht rein –, das ist jetzt die Regel. Oder es ergeht einem wie mir, der vor der verschlossenen Brera-Pinakothek in Mailand stand, wo es plötzlich eine Mittagspause gab (um durchzulüften?), und die nächsten freien Karten erst am Folgetag zu haben waren.

Planen sollten aber nicht nur die Besucher*innen. Natürlich gibt es die Hoffnung, wenn ein Impfstoff verfügbar ist, dann könnten die Häuser ganz schnell zur gewohnten Ordnung zurückkehren. Was aber, wenn es gegen Covid-19 wie gegen die Grippe keinen absoluten Schutz geben wird? Was, wenn wir in Zukunft es regelmäßig mit neuen Viren zu tun bekommen? Wird es dann weiter Millionen von Stadttourist*innen geben, die wenigstens kurz mal in ein Museum schauen?

Fressen die Großen die Kleinen?

Tatsächlich aber verdeutlicht Corona nur längst existierende Probleme. Unter der Woche war fast jedes Museum in Deutschland leer – heute würde ich sagen: coronakompatibel – bevor sie es überhaupt sein mussten. Die Ausnahme: große Ausstellungen, meist mit populären Namen. Da gab es durchaus lange Schlangen. Nur hat der immense Anstieg der Versteigerungserlöse die Versicherungskosten enorm nach oben getrieben. Die Museen konnten zwar viele Besucher*innen anlocken, aber die Kosten für eine solche Ausstellung stiegen auch. Etwas Gutes hatte diese Entwicklung: Kurator*innen suchten Figuren abseits der etablierten – fast immer männlich bestimmten – Kunstgeschichte. So viele spannende Künstlerinnen wie in den letzten zehn Jahren habe ich vorher nie zu sehen bekommen.

Hinzu kommt ein zweites Faktum: der bis heute anhaltende Trend zum Neubau. 149 kulturelle Bauprojekte wurden 2019 weltweit fertiggestellt, die Bausumme betrug laut der Unternehmensberatung AEA insgesamt 7,9 Milliarden Dollar. Potente Sammler*innen bekommen ganze Museen für sich. Oder Konzerne bauen sich selbst gleich ein Supermuseum wie Prada in Mailand oder Vuitton in Paris – und zeigen dort Ausstellungen in einer Qualität, die mich mit offenem Mund durch die Säle gehen ließ. Hört sich eigentlich nicht schlimm an, wirkt sich aber für viele kleine Häuser fatal aus. Sie können sich schlicht keine Popstar-Ausstellungen leisten – und haben auch keine Instagram-Must-Be-Plätze wie die gläserne Uhr im Musée d’Orsay, vor der sich die Jugend der Welt stellte, um ein Selfie zu machen.

Gibt es zu viele Museen?

Die Stuttgarter Museumsleiterin Christiane Lange beklagte schon 2015 lauthals einen Trend zur Kannibalisierung. Und sie stellte die ketzerische Frage, ob nicht weniger Häuser besser wären, weil dann der Besucherstrom sich nicht in so viele Nebenarme verteilen würde: "Wir haben in der Kunstwelt, wie im Kapitalismus, nun seit 1990 nur auf Wachstum gesetzt: mehr Museen, mehr Anbauten, mehr Ausstellungen. Ich finde, das ist genügend Zeit, um zurückzublicken und zu sagen: Wir sehen, dass da Entwicklungen falsch laufen." Neue Häuser entfachen manchmal eben nur ein Strohfeuer. Wenn dann die Gelder fehlen, um attraktive Ausstellungen zu stemmen, verrinnt der Besucheransturm nach dem ersten Jahr sehr schnell. Wenn aber das Allheilmittel der letzten drei Jahrzehnte, möglichst im Verbund mit einem potenten Sponsor einen Blockbuster zu kreieren, nicht mehr möglich sein wird, werden auch große Häuser leiden. Zahlreiche Museen in den USA, die eben nicht über eine staatliche Grundsicherung verfügen, mussten schon Personal entlassen. Und nicht alle werden durchhalten, vor allem wenn es auch zu einer wirtschaftlichen Krise kommt – dann nämlich brechen die privaten Zuwendungen rasch weg, die diese Häuser so groß gemacht haben.

Haben Museen eine Zukunft?

Was steht uns bevor? Wird demnächst die Shoppingmall, pardon, der Eingangsbereich des Louvre komplett überdimensioniert erscheinen, der noch im vergangenen Jahr täglich knapp 28.000 Besucher bewältigt hat? Wird es Blockbuster-Ausstellungen nicht mehr geben, weil damit Hygiene-Anforderungen nicht einzuhalten sind? Müssen die Häuser ganz andere, ganz neue Kalkulationen erstellen, weil ihnen die Einnahmen wegbrechen? Und was dann? Museen rechtfertigen sich auch durch Besucherzahlen. Was passiert mit den Häusern angesichts klammer Kassen, wenn nur noch wenige Menschen sie besuchen dürfen? Noch sind die Leiter*innen sehr ruhig. Noch scheinen alle froh zu sein, dass es überhaupt weitergeht, dass überhaupt Besucher*innen wieder ins Haus dürfen. Was aber, wenn dieser Zustand länger andauert? Oder es regelmäßig zu einem Lockdown kommt? Die Museumsleute wären gut beraten, nach Antworten zu suchen, die nicht nur helfen, die momentane Situation zu überbrücken. Es kann sein, dass wir uns nicht am Ende der Krise befinden, sondern erst an ihrem Anfang.