Meinung Deutschland, deine Nachbarschaft

Der Eklat um Söders angeblichen Aufruf zur Bespitzelung zeigt, wie akut das Thema ist: Gerade in Pandemie-Zeiten braucht es den nachbarschaftlichen Zusammenhalt am dringendsten. Die Blockwartmentalität ist Gift für die demokratische Solidarität.

Von: Max Büch

Stand: 30.10.2020 | Archiv

Gartenzwerg-Skulptur von Ottmar Hörl | Bild: picture-alliance/dpa

"Sehr geehrter Nachbar, sehr geehrte Nachbarin", steht auf dem Zettel im Hausflur. "Ich möchte mich recht herzlich bei Ihnen bedanken dafür, dass Sie meinen Fahrradreifen nicht zerstochen haben, sondern nur die Luft rausgelassen haben. Ich verstehe Ihren Kommunikationsversuch und bitte Sie dennoch, bei Ärgernissen oder angestauter Frustration zukünftig eher auf verbale oder schriftliche Kommunikation zurückzugreifen."

Die Deutschen und ihre Auffassung von "Nachbarschaft" ist eine äußerst komplexe wie konfliktreiche Angelegenheit. Davon zeugen solche Zettelbotschaften, die von Notes of Berlin dokumentiert und veröffentlicht werden, davon zeugen AfD-Politiker, die man nicht als Nachbarn haben möchte – oder auch die beiden Weltkriege des vorigen Jahrhunderts. Freilich spielen auch die beiden deutschen Diktaturen und ihre jeweiligen Spitzelsysteme eine gewisse Rolle.

In Japan gibt man beim Einzug den Nachbarn ein Geschenk

Die historischen Erfahrungen mit den NSDAP-Blockwarten der Nazizeit und den Methoden der Stasi Genossen von Horch und Guck sind bis heute fester Bestandteil unserer Sprache und haben in puncto Nachbarschaft, wen wundert's, einen faden Beigeschmack hinterlassen: Ein freundschaftliches Verhältnis unter Nachbarn gehört nicht unbedingt zum guten Ton, wie Akiko Yamashita im Podcast "Typisch deutsch" bestätigt: "In Deutschland habe ich keinerlei Kontakt zu meinen Nachbarn. Ich weiß nicht, woran das liegt. In Japan stellt man sich beim Einzug vor und gibt den Nachbarn ein Geschenk. Beim Auszug ebenfalls. Hier in Deutschland gibt es so etwas nicht. Und ich war auch unsicher, ob man sich beim Einzug überhaupt bei den Nachbarn vorstellen soll oder lieber nicht."

Auch die Blockwarte sind längst nicht verschwunden. Im Gegenteil. Der Lockdown und die vielen Corona-Regeln seit diesem Frühjahr sind "ein Fest für Blockwarte", wie es Lenz Jacobsen im März bei Zeit Online festgestellt hat: Eine Frau wird wegen ihres Münchner Kennzeichens am Tegernsee beschimpft. In Schleswig-Holstein klopfen Polizisten an der Tür, weil ihnen gemeldet worden sei, "dass hier ein fremdes Auto steht." 

Aufruf zur Bespitzelung? 

Ausgerechnet beim Verkünden des Teil-Lockdowns mit den sehr weitreichenden Kontaktbeschränkungen soll Bayerns Ministerpräsident Markus Söder nun dazu aufgerufen haben, Nachbarn bei der Polizei anzuschwärzen. Die aus dem Kontext gerissene Aussage liest sich wie ein Aufruf zur Bespitzelung und geht schnell viral. Zu unrecht.

Die große Aufregung dahinter – unabhängig vom Wahrheitsgehalt – verdeutlicht allerdings, wie emotional aufgeladen das Thema ist und es offensichtlich einen Nerv getroffen hat. Kann man nicht erst einmal mit seinen Nachbarn persönlich ins Gespräch kommen, bevor die Polizei alamiert wird? Und wer würde solchen Nachbarn noch mit Lebensmittel oder gar Besorgungen bei einer Quarantäne aushelfen wollen?

Auf die Frage, was das Schlimmste an Deutschen sei, hat die US-amerikanisch-deutsche Autorin Deborah Feldman ("Unorthodox") vor zwei Jahren einmal in der FAZ gesagt: "Jeder Deutsche will Polizist sein." Die Pedanterie vieler Deutscher im Befolgen von Regeln und Vorschriften ist eine Sache. Das eigenmächtige Verfolgen von Regelverstößen allerdings ist eine Unsitte, dessen Benennung nicht umsonst auf die Nazis zurückgeht: Die deutsche Blockwartmentalität ist Gift für die demokratische Solidarität, Gift für nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Und den braucht es gerade in Zeit einer solchen Pandemie am dringendsten.