"Die lautlose Eroberung" Warum China die Kultur als "Schlachtfeld" betrachtet

Ein Vortrag über die moslemisch-uigurische Kultur? Da würden die chinesischen Stellen einzugreifen versuchen. Ein Gespräch mit der Sinologin Mareike Ohlberg über die rigorose Kulturpolitik aus dem Reich der Mitte.

Von: Joana Ortmann

Stand: 02.02.2021

Chinesische Kultur auf dem Vormarsch | Bild: picture-alliance/dpa ZUMAPRESS.com | Yue Zhiqiang

Die Art und Weise, wie Journalistinnen und Journalisten behandelt werden, wie gut sie ihrer Arbeit nachgehen können, sagt sehr viel über den Zustand eines Landes aus. China zum Beispiel stand auf der letzten Rangliste der Pressefreiheit, herausgegeben von Reporter ohne Grenzen, auf Platz 177 von180. Ein Fakt, den die Sinologin Mareike Ohlberg in einen komplexen Zusammenhang eingebettet sieht. Die Kommunistische Partei will "eine neue mediale Weltordnung exportieren", schreibt sie in ihrem aktuellen, gemeinsam mit Clive Hamilton verfassten Buch über China mit dem etwas unheimlichen Titel "Die lautlose Eroberung".

Joana Ortmann: Die Medien und die Kultur sind in China eine höchst politische Angelegenheit, schreiben Sie, und bezeichnen die Kultur als "Schlachtfeld", das fand ich ein heftiges Bild.

Mareike Ohlberg: Das ist ein heftiges Bild. Das ist so ein bisschen das Problem, das habe ich immer, wenn ich mit Fakten, quasi mit der Terminologie agiere, die auch von der Kommunistischen Partei Chinas selbst verwendet wird. Wenn ich mit dieser Terminologie an ein deutsches Publikum gehe, dann kriege ich immer geschockte Blicke, weil man ja irgendwie von China doch inzwischen ein ganz anderes Bild im Kopf hat. Und diese martialische Terminologie, dass Kultur ein Schlachtfeld ist, dass man von der ‚Front der internationalen öffentlichen Meinung‘ spricht, diese Terminologie hört man auch in der Außen-Rhetorik der chinesischen Regierung nicht. Sie wird aber intern oder auch im Land bei ganz normalen Veröffentlichungen verwendet. Und wir malen da erstmal nur nach, wie die Kommunistische Partei Chinas tatsächlich selber über solche Felder wie Kultur und Medien spricht. Also, es ist ein Schlachtfeld, und das muss natürlich dominiert werden. Aber dafür gibt es hierzulande noch relativ wenig Bewusstsein aus meiner Sicht. Weil man China häufig eher als das Land erlebt, das vielleicht nicht immer so lupenrein demokratisch ist, aber irgendwie doch insgesamt viele mit seiner Win-Win-Rhetorik überzeugt hat, auch Europa und Deutschland.

Also, nach innen das Schlachtfeld, nach außen die lautlose Eroberung. Wo sind denn hier die wichtigsten Drehtüren? Was wird propagiert, lautlos und von innen her heftig? Wie geht das vonstatten?

Was wir in unserem Buch herausstellen wollten, war einerseits der Anspruch der Partei zu bestimmen, was tatsächlich chinesische Kultur ist, und auch quasi bei allem, was irgendwie chinesische Kultur repräsentiert, mitmischen zu wollen. Also, es ist wahnsinnig schwierig, eine Kulturveranstaltung zu China zu machen, wo es nicht – zumindest in irgendeiner Weise – offizielle Links zum Parteistaat gibt.

Das heißt aber auch im Umkehrschluss – und da wird es tatsächlich erst richtig problematisch –, dass man Kulturveranstaltungen, die nicht im Sinne der Partei sind, häufig versucht zu beenden. Einen Vortrag über uigurische Kultur zum Beispiel, wenn da ein Sprecher ist, der der chinesischen Botschaft nicht passt, dann würde man versuchen, das durch Anrufe, durch Beschwerden beim Veranstalter etc. zu unterbinden. Oder in Museen: Wenn es Ausstellungen gibt, die nicht offiziell abgesegnet sind, würde die chinesische Seite versuchen, Einfluss drauf zu nehmen, damit sich der Ausstellungsinhalt, die offiziellen Narrative ändern. Man möchte ganz klar mitbestimmen, was chinesisch ist und was nicht. Und das entspricht nicht der Realität. China ist ja mehr als nur die Kommunistische Partei.

Wenn man Ihrem Buch folgt, dann geht es sogar noch einen Schritt weiter. Ihre These lautet: Es gibt das Ziel, die Kultur zu globalisieren. Nur ist das ja eine Sache, die auf beiden Seiten funktionieren muss. Also die einen, die das tun, und die anderen, die das auch akzeptieren.

Letztlich ja, natürlich. Wir haben einfach in Deutschland bisher noch nicht genug Bewusstsein für die tatsächliche Einmischung, dafür, wie häufig der Parteienstaat doch dabei ist. Mein Punkt ist auch nicht, dass alles zugemacht werden muss. Oder dass wir jetzt hier eine bestimmte Ausstellung nicht mehr haben könnten, weil da eine staatliche Stelle involviert war. Es geht eher darum, dass man auch in Deutschland ein Bewusstsein dafür schaffen muss, wie stark doch der Parteienstaat involviert ist. Dass man genau darauf schauen muss, welche parteienstaatlichen Stellen eigentlich involviert sind, was für ein Ziel sie verfolgen.

In ihrem Buch entfalten Sie das am Beispiel von Poly Culture. Was ist hier so problematisch? Das ist ein großer Konzertveranstalter, der weltweit Tourneen organisiert und umsetzt.

Poly Culture ist ein Beispiel für eine Firma, die sehr enge Kontakte zum Parteienstaat hat und breit mit Kulturprojekten aufgestellt ist. Letztlich Teil einer größeren Konzernfamilie, die auch zum Militär Verbindungen hat. Und wenn man an Kultur und an Konzerte und Ausstellungen denkt, dann verbindet man das nicht als Erstes mit dem Militär. Aber es ist letztlich ein Unter-Konzern dieser größeren Konzernfamilie.

Welche Möglichkeiten gibt es denn vom Westen – oder von einer anderen Seite, man muss es ja inzwischen viel größer denken - dem entgegenzuwirken, zu sehen, was da passiert? Boykott?

Teilweise, denke ich, kann man durchaus bestimmte Veranstaltungen boykottieren. Ich wäre zum Beispiel sehr, sehr froh, wenn man sich in Deutschland dazu durchringen könnte, die Olympischen Winterspiele in Peking zu boykottieren. Aber nichtsdestotrotz, man muss nicht alles boykottieren. Man kann sich durchaus auch teilweise auf diesen Austausch einlassen. Es ist halt aus meiner Sicht wichtig, dass man einerseits weiß, mit wem man es zu tun hat, also, dass man versteht, dass viele von den Organisationen, die sich als zivilgesellschaftlich ausgeben, letztlich Kontakte zum Parteienstaat haben und da auch in gewisser Weise abhängig sind und umsetzen müssen, was vorgegeben wird. Es ist wichtig, dass man damit versteht, dass bestimmte Sachen ausgeschlossen werden. Das heißt, wenn man jetzt zum Beispiel eine inoffizielle, eine nicht vom Parteienstaat genehmigte Ausstellung über die chinesische Kultur hat, dass man sich dann nicht einschüchtern lassen darf, sobald irgendwer von einer Botschaft anruft oder auf anderem Wege versucht, Druck auszuüben. Und wir brauchen letztlich ein besseres Bewusstsein und einen besseren Verhaltenskodex, wenn wir mit offiziellen parteistaatlichen Stellen, die wir erst mal erkennen müssen, in Kontakt treten. Da muss einfach ein besserer Umgang gefunden werden, der konsequenter ist und der anerkannt, dass der chinesische Staat nicht der Einzige ist, der entscheidet, was chinesische Kultur ist

Könnte da die aktuelle weltweite Krisensituation so eine Art Brennglas sein? China steht unter verschärfter Beobachtung, auch was Propaganda betrifft. Und könnte man nicht sagen: Da kann man auch etwas lernen?

Zum gewissen Grad ja, natürlich. Wir haben gerade in der Pandemie die härtere Seite der chinesischen Regierung kennengelernt, die man sonst weniger gesehen hat. Man hat durchaus gesehen, da wird eine knallharte Interessenpolitik gemacht, das hat, glaube ich, schon ein gewisses Bewusstsein geschaffen. Andererseits sind wir jetzt auch in einer Situation, wo viele - aus meiner Sicht zu Unrecht –noch ihre Rettung aus den ganzen Problemen, die aus der Pandemie entstehen, in China sehen. Also, China soll uns, quasi wie bei der Finanzkrise, noch mal retten. Das wird – aus meiner Sicht – so nicht passieren. Aber man möchte es sich aufgrund dieses Drucks, den man zusätzlich hat, fast noch weniger mit China verscherzen. Und da ist es umso wichtiger, dass man, wenn man weiter Kontakte aufbauen und ausweiten möchte, da drauf schaut: Wie kann man das tun, ohne dass autokratische Normen sich auch hier weiter ausbreiten?

Clive Hamilton, Mareike Ohlberg, "Die lautlose Eroberung. Wie China westliche Demokratien unterwandert und die Welt neu ordnet", ist bei DVA erschienen.

Das Gespräch wurde in der kulturWelt auf Bayern 2 geführt. Den Podcast können Sie hier abonnieren.