Krise als Chance Was wird aus der Documenta 15?

Hat diese Weltkunstausstellung nach dem Doppel-Debakel überhaupt noch eine Zukunft? Natürlich. Die Ausstellung hat den Versuch verdient. Und schlimmer kommt es nimmer. Ein Kommentar

Von: Simone Reber

Stand: 27.06.2022 | Archiv

22.06.2022, Hessen, Kassel: Am Tag nach dem Abhängen des umstrittenen Großbanners ·People's Justice· des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi, bleiben auf dem Friedrichsplatz das leere Gerüst sowie die Ständer für die ebenfalls entfernten Pappfiguren zurück. Das Großbanner wurde nach öffentlicher Kritik wegen antisemitischer Bildsprache entfernt. Gegen das kuratierende Kollektiv Ruangrupa hatte es seit Monaten Antisemitismus-Vorwürfe gegeben. | Bild: dpa-Bildfunk/Uwe Zucchi

Für ein paar Tage war sie spürbar, die hochfliegende Vision des indonesischen Kuratorenteams Ruangrupa. Die zehn Künstler*innen wollten bei der documenta-fifteen die Kunst nicht als Objekt und Ware ausstellen. Sie wollten die Aufmerksamkeit auf die unsichtbare Qualität der Kunst lenken, auf ihre Fähigkeit, Menschen miteinander zu verbinden und ins Gespräch zu bringen. "Make friends not art" lautet das Motto des Kollektivs.

Auch der Süden muss dazu lernen

Das professionelle Publikum benötigte zunächst eine Gewöhnungsphase, um nicht mehr die Nase zu rümpfen über die Werkstattatmosphäre im Fridericianum oder die von Kindern gebastelte Brücke an der Fulda. "Du bist gut, sitz Dich hier hin" hatte einer auf die Bank gekritzelt. Aber man erlag schnell dem Charme dieser Documenta Fifteen. Sie versprach einladend, weltoffen und freundlich zu werden. Dann platzte der Traum.

War es Naivität, Nachlässigkeit, Schlamperei, Überforderung? Offensichtlich waren sich die Kuratoren sicher, dass das Banner des indonesischen Kollektivs Taring Padi unbesehen aufgehängt werden könne. Zwanzig Jahre alt, oft gezeigt, mit den Schrecken unter dem indonesischen Diktator Suharto im Zentrum. Es war ein schwerer Fehler, dieses Banner nicht noch einmal zu prüfen. Hätte das Team nicht ohnehin schon im Voraus Expertise hinzu ziehen müssen, als die Besorgnis laut wurde, die Documenta könne eine antisemitische Ausrichtung erhalten? Da war die reflexhafte Reaktion des Kuratoren-Kollektivs zu simpel, diese Befürchtungen nur mit Islamophobie abzutun. Auch der Süden muss dazu lernen, zeigt die Documenta Fifteen.

Eine Meta-Documenta komplementär zum Parcours

Die Krise als Chance, wirklich ins Gespräch zu kommen, so sieht es Meron Mendel, der Direktor der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, der die Diskussion um die Documenta Fifteen entschieden und besonnen kommentiert hat. Der erste Versuch noch vor Beginn der Ausstellung, in digitalen Konferenzen über Antisemitismus zu reden, ist schnell an der Besetzung gescheitert. Wenn das Gespräch jetzt, nach dem Skandal um das Bild "People’s Justice", stattfinden soll, dann kann das nur im kleineren Kreis und von Angesicht zu Angesicht geschehen. Eine Chance für den Dialog liegt darin, dass es an dem konkreten Beispiel für den weltweit verbreiteten Antisemitismus nichts zu deuteln gibt. Niemand kann sich hinter Interpretationen oder Schuldzuweisungen zurückziehen. Eine weitere Chance liegt darin, dass sich das Künstlerkollektiv Taring Padi, von dem das Bild stammt, inzwischen entschuldigt hat. Das ist Voraussetzung für offenen Austausch.

Ruangrupa kann Kunstform, aber auch Kunstraum heißen. Die Documenta muss jetzt schnell einen Raum schaffen, in dem die Diskussion möglich ist. Wenn sich daraus eine Gesprächsreihe bildet, wäre der gemeinsame Gewinn enorm. Aus dem Nachdenken über Verletzungen entstünde eine Meta-Documenta komplementär zum Parcours. Denn so verspielt die Ausstellung auf den ersten Blick erscheint, viele Arbeiten beschäftigen sich mit den Erfahrungen von Diskriminierung, Unterdrückung und Gewalt. Mit Erinnerungen vietnamesischer Zwangsarbeiter im kommunistischen Norden des Landes, mit der Einschüchterung von Intellektuellen in Kuba, mit der chaotischen Gewalt in den Slums von Nairobi.

Die Documenta ist zur vergifteten Zone geworden

Auch für die verunsicherte Öffentlichkeit liegt in der Krise eine Chance. Denn ganz klar ist auch hierzulande die Grenze zwischen Hetze und Kritik nicht. Kamerateams stürzten sich auf ein Gemälde des palästinensischen Künstlers Mohamed Al-Hawajri,  das ebenfalls in der Diskussion steht. Mohamed Al-Hawajri ist Schüler des syrischen Malers Marwan, der in Berlin hohes Ansehen genoss, Professor an der Universität der Künste war, und eine Sommerakademie in Jordanien mitbegründet hat. Weil Mohamed Al-Hawajri sich mit seiner Serie "Guernica Gaza" auf Picassos weltberühmtes Gemälde Guernica bezieht, wird ihm vorgeworfen, Israel mit Nazi-Deutschland zu vergleichen. Guernica gilt aber auch als die allgemeingültige Trauer eines Künstlers über die Toten des Krieges. Es wird noch komplizierter. In seinem Bild wählt Mohammed Al Hawajri ein biblisches Motiv des französischen Malers Jean-Francois Millet von Ruth und Boaz, die sich auf dem Feld treffen, während die Bauern Pause machen. Das Paar ersetzt Al-Hawajri durch israelische Soldaten, die hinter einer Mauer lauern. Das friedliche Miteinander ist Vergangenheit.

Eine Chance, diese Krise konstruktiv zu verwandeln, wäre auch, die Vermittlungsarbeit der Documenta zu intensivieren. Denn die Ausstellung betritt Neuland, hier lauern viele Verständnisfallen. "Ganz schwache Abstraktion", denkt man vor einer grauen Komposition von Raed Issa, der ebenfalls zur Künstlergruppe Eltiqa aus dem Gaza-Streifen gehört. Bei der Recherche stellt sich heraus, dass der Maler in einer grauen Serie das Geröll seines Ateliers nach einem Bombentreffer dargestellt hat. Das könnte man auch im Gespräch erfragen. Aber der Künstler will nicht mehr reden. Wer kann es ihm verdenken?

Wer will sich im Moment überhaupt noch hinsetzen und in der vergifteten Zone, die sich um die Documenta gelegt hat, Bilder erklären? Der Dialog kann nur stattfinden, wenn auch die Lautstärke ringsum gedämpft wird. Dann hätten auch die anderen Werke, die es in Kassel zu entdecken gibt, wieder ein Chance. Die freche feministische Installation aus Autowracks der Roma-Künstlerin Selma Selman, die hängenden Türme von Losso Marie-Ange Dakouo aus Mali oder die Erforschung des Lebens auf dem Komposthaufen von der argentinischen Gruppe La Intermundial Holobiente. In den meisten Arbeiten geht es gar nicht um Israel.

Wo, wenn nicht in der Kunst, kann Dialog entstehen?

In der Krise liegen also viele Chancen, nur eines ist nicht möglich: die Schuld, die Deutschland auf sich geladen hat, wird niemals geringer. Auch dann nicht, wenn man mit dem Finger auf andere zeigt. Die Documenta als Institution hat nicht erst durch die aktuelle Ausgabe schweren Schaden erlitten. Ihre Reputation ist beschädigt worden, als im vergangenen Jahr öffentlich wurde, dass ihr Mit-Begründer Werner Haftmann Nazi, SA-Mann und Kriegsverbrecher war.

Hat diese Weltkunstausstellung nach dem Doppel-Debakel also überhaupt noch eine Zukunft? Natürlich. Die Documenta ist ein offenes Format. Von einer Ausstellung konnte man noch nie auf die nächste schließen. Auch die Berlin Biennale ist immer wieder für tot erklärt worden und hat in diesem Jahr eine fulminante Ausgabe hingelegt. Zum gleichen Thema übrigens, dem Dialog zwischen Norden und Süden unter dem Motto des Reparierens und Heilens. Und auch mit künstlerischen Positionen zum Nahostkonflikt.  

Wo, wenn nicht im offenen Raum der Kunst, kann ein Dialog entstehen. Für nächsten Mittwoch ist eine erste Gesprächsrunde in Kassel angesetzt, als Auftakt einer ganzen Reihe mit Gesprächen. Leicht wird das nicht. Die Ausstellung hat den Versuch verdient. Er kann scheitern. Aber schlimmer kommt es nimmer.

Ein Beitrag aus dem Kulturjournal vom 26. Juni 2022. Den Podcast können Sie hier abonnieren.