Kunst trotz Lockdown Die Galerien sind offen – 5 Empfehlungen

Museen und Theater sind geschlossen, aber auf Kunst verzichten, müssen wir nicht. Kunst-Galerien haben noch immer geöffnet – und freuen sich auch über Interessenten, die nichts kaufen! Ein Erfahrungsbericht und ein paar Tipps.

Von: Julie Metzdorf und Martin Zeyn

Stand: 11.11.2020 | Archiv

Ansicht der Ausstellung in der Galerie Walter Storms | Bild: Walter Storms

Weiße Räume, helles Licht, und eine Person, die schaut, wer alles hereinkommt: Mancher mag sich da nicht trauen, einfach mal reinzugehen und sich die Kunst anzuschauen. Eine unbegründete Angst, denn meiner Erfahrung nach sind die meisten Galeristinnen und Galeristen froh um jeden Besucher, der mit ihnen Liebe und Interesse zur Kunst teilt. Tatsächlich kommt fast immer die Frage, ob man sich lieber die Kunst alleine anschauen wolle oder eine Erklärung wünsche. Da ich selbst gern mehr über Kunst und Künstler wissen möchte, nehme ich die oft an. Manchmal aber ist mir nicht nach reden – und auch das ging bisher immer klar.

Ein Ort, um Kunst zu sehen und über Kunst zu sprechen

Ungefähr 1000 Kunstgalerien gibt es in Deutschland, ca. 60 davon in München. Zur Zeit die einzigen Plätze, wo es während des Lockdowns Kunst zu sehen gibt: immer kostenlos und sehr oft so aktuell, dass die Farbe noch ein klein wenig riecht. Klar, Galerien müssen verkaufen, um zu überleben. Aber das heißt eben nicht, dass jede und jeder etwas kaufen muss. Wobei, es muss gar nicht falsch sein, auch mal was zu kaufen. Erstens unterstützt man damit neben der Galerie auch die Künstlerinnen und Künstler. Und zweitens kann es sich manchmal auch auszahlen. Der Regisseur Billy Wilder berichtete einmal, wie er in einer Galerie aus Versehen ein Gemälde so berührt hatte, dass es auf den Boden fiel. Also kaufte er es. Es war ein Matisse – und der brachte bei der Versteigerung kurz vor seinem Tod ein paar Millionen ein. Ja, Galerien sind Orte, an denen Kunst verkauft wird. Aber vor allem zeigen sie Kunst. Und sie sind auch ein Ort der Kommunikation über Kunst. Im Gespräch mit den Kunden, aber auch bei Galerienrundgängen und Eröffnungen. Gut, da geht es mir wie auf Parties, wenn niemand da, den ich kenne, dann gehe ich halt bald wieder. Aber gerade an den Galerienwochenenden ist immer eine Menge Volk unterwegs – vor allem junge Leute, die hier etwas geboten bekommen, wonach ich so um die 20 richtiggehend hungerte: In Galerien gab es was Neues, was Ungesehenes, was Überraschendes und Schönes.
Zugegeben, es gibt immer noch Galerien, die befinden sich im ersten Stock und man muss klingeln, um hereinzukommen. Oft verkaufen die dann etablierte, zumindest sehr teure Kunst. Hier wird wie in edlen Boutiquen Luxus zelebriert und, ja, hier fühlt sich Otto Normalkunstbetrachter nicht unbedingt eingeladen. Aber die sind definitiv die Ausnahme. Die Regel ist: Hier trifft man auf Menschen, die sich für Kunst begeistern – und diese Begeisterung gerne teilen.

Und hier die Tipps

Für dieses Kunstwerk müssen Sie nicht einmal in eine Galerie herein – davor scheuen sich viele Menschen. Zu unrecht: Die allermeisten Galeristinnen und Galeristen freuen sich schon über Interesse an den Künstler*innen, die sie ausstellen. Nicht alle Besucher*innen müssen etwas kaufen.

Im Durchgang zur Galerie Walter Storms in einem Hintergebäude in der Schellingstraße gibt es Peter Kogler zu bewundern. Eine tolle Op-Art-Installation des Österreichers, also ein Spiel mit der Optik. Und wenn Sie dann Feuer und Flamme für aktuelle Kunst sind, genügt es, einfach ein paar Schritte weiterzugehen.  

Mehr Infos zum Programm der Galerie (Schellingstraße 48, 80799 München), in der gerade an einer neuen Ausstellung gearbeitet wird, gibt es hier.

Natur auf Leinwand

Rüdiger Schöttle imponiert wegen seines Sinns für Kunst, aber auch, weil er sich mal einen Professor engagiert hatte, um ihm Nachhilfe in höherer Mathematik zu geben. Gerade zeigt Schöttle unter anderem Arbeiten von Helene Appel, die in der Tradition der arte povera steht – also von Kunst, die mit einfachen Materialien arbeitet und Vorgänge der Natur imitiert.  
Die 1976 geborenen Künstlerin nutzt die Malerei, um so genau wie möglich ein Objekt auf Leinwand zu bannen, inklusive seiner Oberflächentextur – und ja, es gelingen ihr dabei hinreißende Trompe-l’œil-Effekte. (Und wenn Ihnen das gefallen hat, und das Brandhorst-Museum wieder aufhat, unbedingt die hinreißend Susie McKenzie-Ausstellung, die sehr modern mit dieser Augentäuschung spielt, anschauen).

Helene Appel 11.09.2020 – 28.11.2020 in der Galerie Rüdiger Schöttle, Amalienstraße 41, 80799 München

Herbst-Kunst

Natur scheint gerade im Trend zu liegen. In der Nagel-Draxler Galerie zeigt der Koreaner Min Yoon mehr als ein Meter große, künstliche Blätter, in die er Muster von Münzen eingefügt hat – kennen Sie das Kinderspiel noch, das Durchpausen von Münzen mit dem Bleistift? Überaus praktisch: An den Blättern sind Halterungen angebracht, Besitzer*innen können sie also als Boden- oder Wandinstallation nutzen. 

Galerie Nagel Draxler, Türkenstraße 43, 80799 MünchenFür eine Besichtigung müssen Sie sich per Mail anmelden: muenchen@nagel-draxler.de

EinBlick-Biennale 2020 trotz Lockdown

Nürnberg besitzt eine lange Tradition als Stadt des Kunsthandwerks und auch heute noch sind hier so einige Kunsthandwerker*innen ansässig. Um die eigene Arbeit ein bisschen bekannter zu machen hat eine Gruppe von Künstler*innen bereits vor fast 25 Jahren den Verein "Forum Angewandte Kunst Nürnberg" gegründet. Seitdem machen sie Lobbyarbeit für das zeitgenössische Kunsthandwerk, organisieren Ausstellungen oder öffnen ihre Ateliers und Werkstätten für Besucher.

Vom 12.-15. November findet trotz Lockdown auch heuer wieder die Biennale "EinBlick“ statt. Denn bei den Ateliertagen geht es nicht nur ums Schauen und Bestaunen, sondern vor allem auch ums Verkaufen – und das ist erlaubt. Nach einem schwierigen Corona-Jahr mit vielen ausgefallenen Veranstaltungen und Messen im Bereich Angewandte Kunst ist das kommende Weihnachtsgeschäft nun für manche der Künstler entscheidend, ob sie die Krise überleben oder nicht.

EinBIick BIENNALE 2020 – Ateliertage für angewandte Kunst im Raum Nürnberg
12. bis 15. November 2020
Do 18–21 Uhr / Fr + Sa 11–19 Uhr / So 11–18 Uhr

Jiro Kamata – Voices

Kameralinsen teilen ihr Schicksal mit Spiegeln, Brillen und Fensterscheiben: Man nutzt sie ebenso gern wie gedankenlos und widmet sich ihnen nur, wenn sie schmutzig sind. Der seit 20 Jahren in München lebende japanische Künstler Jiro Kamata aber macht alte Linsen zu Protagonisten seines Schmucks. Befreit von Metall und Plastik ihres Objektivs, fasst er sie in schnörkellose Rahmen aus Silber und arrangiert sie zu Ketten, Broschen und Ringen.

So schenkt er ihnen ein zweites Leben, denn als Schmuck geht ihre Reise weiter, herumgetragen vom Wirtstier Mensch. Mit ihrem tiefen, unergründlichen Schwarz, dem Glanz und den schillernden Farbreflexionen der Beschichtungen blicken die Linsen jetzt nicht mehr nur als Augen der Kamera in die Welt; sie werden auch selbst zum Blickfänger. Nähert man sich, sieht man aber vor allem eines: das eigene Spiegelbild.

Bis 21.11. im Bayerischen Kunstgewerbeverein, Pacellistraße 6-8, 80333 München

Dieser Beitrag lief im KulturLeben auf Bayern 2 am 19.11.2020.