Verlegerin Julia Eisele "Wir machen nur wenige und sehr ausgewählte Bücher"

Der Deutsche Verlagspreis unterstützt mit 1,38 Millionen das literarische Leben. Eine von 66 Auszeichnungen erhält heute die Münchner Verlegerin Julia Eisele, die weniger auf Hypes als auf literarische Trüffel setzt. Die Verleihung findet heute ab 18 Uhr statt, dann werden auch die drei Hauptpreise bekannt gegeben.

Von: Barbara Knopf

Stand: 01.07.2021 | Archiv

Die Münchner Verlegerin Julia Eisele vom Eisele Verlag | Bild: Irène Zandel

Vor drei Jahren wurde der Deutsche Verlagspreis ins Leben gerufen, mit dem die unabhängigen Verlage hierzulande unterstützt werden sollen. 1,38 Millionen Euro stehen zur Verfügung. Es sind insgesamt 66 Preise, in der Höhe zwischen 20 000 und 60 000 Euro, und einer geht an den Münchner Eisele Verlag. Ein junger und kleiner Verlag, der von Julia Eisele gegründet wurde und geleitet wird.

Barbara Knopf: Frau Eisele, Ihr Verlag ist ein heißer Tipp, aber bei vielen in der Öffentlichkeit vielleicht noch nicht so bekannt. Sie waren beim Piper Verlag Programmleiterin, Lektorin bei Goldmann, auch freischaffende Übersetzerin. Sie kennen das Gewerbe – das hat Sie aber nicht abgeschreckt, einen eigenen Verlag zu gründen.

Julia Eisele: Nein, im Gegenteil! Ich glaube, das Verlegen und Büchermachen hat sehr viel mit Erfahrung zu tun, es ist sozusagen eine Erfahrungswissenschaft. Insofern glaube ich, dass es nur von Vorteil sein kann, wenn man da nicht blind reingeht, sondern sich der Risiken und der Gefahren durchaus bewusst ist. Zumal ja so eine Verlagsgründung auch mit einem ziemlichen Kapitalaufwand verbunden ist. Man geht sehr stark finanziell in Vorleistung und ins persönliche Risiko. Aber wenn man motiviert genug ist und etwas unbedingt will, dann traut man sich das eben. Und ich hab's auch bisher nicht bereut. Wir sind jetzt seit fünf Jahren dabei und es läuft sehr gut.

Will man unbedingt unabhängig sein, um eben die eigenen Herzensbücher herauszugeben?

Ja, nach langen Jahren der Arbeit in großen Verlagen hatte ich schon sehr stark das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, einfach so mein eigenes Ding zu machen. Auf der anderen Seite hatte ich mir überlegt, wie das ist, wenn man es anders macht als die großen Verlage, die jedes Jahr unendlich viele Bücher auf den Markt werfen. Was würde passieren, wenn man das Gegenteil machte: sich um ganz wenige Bücher zu kümmern.

Sie haben ja mit vier Büchern angefangen!

Ja, vier pro Saison. Und so haben wir auch weitergemacht. Wir machen nur acht Bücher im Jahr, vier im Frühjahr und vier im Herbst. Wir sagen eben ganz bewusst, wir wollen nur wenige und sehr ausgewählte Bücher machen. Bücher, hinter denen ich persönlich hundertprozentig stehe, die ich für besonders halte – und für diese Bücher dann wirklich alles zu tun. Von der Arbeit am Text, der Arbeit mit den Autoren über die richtige Ausstattung bis hin zur Pressearbeit, dass man da eben auch frühzeitig anfängt. Was in großen Verlagen auf der Strecke bleibt und mich dann auch irgendwann frustriert hat. Das ist jetzt großartig, so im Detail, manufakturhaft, das Optimum für jedes Buch herauszuarbeiten und genau das Buch zu machen, das die Autoren sich gewünscht haben. Also das kann ich immer versprechen.

Ich stelle mir das schwierig vor, gerade wenn man sich so beschränkt und nur so wenige Bücher auswählt. Erstens, was für Auswahlkriterien sind da? Und das muss ja auch eine Qual der Entscheidung sein?

Jein. Natürlich ist es so, dass ich mir eine Unzahl an Büchern anschaue und anlese. Auf der anderen Seite aber auch wiederum nicht, weil es sehr wenig gibt, was mich dann wirklich so begeistert. Das kommt eben nicht jeden Tag vor, dass ich etwas lese, von dem ich hundertprozentig überzeugt bin. Und auch deswegen nur so wenige Bücher, weil ich nicht daran glaube, dass man im Jahr 400 wirklich gute Bücher machen kann. So viele Tolle gibt es nicht. Es macht Spaß, diese Trüffel zu suchen, und man findet die.

"Ich hab' auch keine Angst vor unterhaltenden Stoffen"

Mir kam es auch so vor, dass Sie jemand sind, der ein Faible hat für ungehobene Schätze, die Sie dann auch heben wollen, glaube ich.

Ja, das ist teilweise ein bisschen aus der Not geboren, weil ich natürlich nicht das Scheckbuch habe, das die großen Verlage haben. Auf dem großen Buchmarkt gibt es ja sehr teure gehypte Manuskripte, die für mich gar nicht in Frage kommen. Also musste ich ein bisschen kreativer werden. Und da gibt es aber sehr viele Möglichkeiten. Es gibt auch viele Bücher zwischen diesen sogenannten Etiketten von U und E, also zwischen Hochliteratur und Genreunterhaltung. Eine Bandbreite von Büchern, auf die große Verlage nicht so schauen. Es gibt ja spezialisierte Lektorate, also Lektorate, die nur Literatur machen, und Lektorate, die nur nach der leicht verkäuflichen Unterhaltung suchen. Aber dazwischen gibt es ganz viel, was zwischen die Raster von großen Verlagen fällt, wo man ganz tolle Sachen finden kann!

In Ihrem Verlagsprogramm habe ich Mary Beth Keanes Roman "Wenn du mich heute wieder fragen würdest" gefunden oder ein Sachbuch über Pubertierende, einen Heimatroman, einen Ratgeber für Frauen ab 50: "Das schönste an uns sind wir".

Ja, Sie sehen, viel Bandbreite! Ich hab' auch keine Angst vor unterhaltenden Stoffen. Ich habe auch literarische Wiederentdeckungen, preisgekrönte Literatur im Programm, aber auch sehr Unterhaltendes.

Was wäre zum Beispiel eine literarische Wiederentdeckung? Haben Sie die dann sozusagen für den deutschen Markt auch mit wiederentdeckt?

Bei den letzten Autoren ist eine Kanadierin dabei, die heißt Margaret Laurence und hat in den 60er Jahren Romane geschrieben. Sie ist in Kanada so bekannt wie Margaret Atwood, sie wird da auch an den Schulen gelesen. Ich hab´ die sozusagen wieder ausgegraben und einen Roman gemacht von ihr, in dem es um eine alte Frau geht, die von ihren Schwiegerkindern ins Altersheim gesteckt werden soll, dann aber abhaut und noch einmal ihr sehr bewegtes Leben Revue passieren lässt. Das ist eine sehr taffe, am Anfang etwas unsympathische Person, die einem dann aber immer mehr ans Herz wächst. Die hat so einen ganz besonderen Erzählton. „Der steinerne Engel“ heißt das Buch.

Was sind die Risiken und Gefahren?

Naja, das Risiko beim Verlegen ist eben, dass man vorher nie weiß, wieviel Bücher man verkauft. Man muss vorher drucken, man setzt eine Auflage fest und das einzige, was sicher ist, ist, dass man entweder zu viel oder zu wenig Bücher druckt. Dann ist eben die Frage: wie viel zu viel oder wie viel zu wenig?

Und von wo bis wohin reichen die Auflagen?

Eine kleine Auflage wären 3000. Wir haben jetzt im Herbst aber ein Buch von Elke Heidenreich im Programm, auf das wir uns natürlich wahnsinnig freuen. In dem es um die prägenden Bücher ihres Lebens geht, und zwar nur um die Bücher von Frauen, also Bücher von Frauen, die Elke Heidenreich zu der Person gemacht haben, die sie heute ist. Und da werden das vermutlich um die 50 000 werden. Also in dieser Bandbreite spielt sich das ab.

Vermutlich haben Sie auch eine Klientel, die einfach zu den Lesenden gehört. Sie merken vielleicht gar nicht so viel davon, dass immer weniger Leute lesen?

Ich glaube, dieses Problem haben besonders die großen Konzernverlage. Qualitätsverlage wie unserer weniger, weil wir sowieso vom unabhängigen Buchhändler sehr geschätzt werden. Die haben uns von Anfang an ins Herz geschlossen und empfehlen unsere Bücher in der Buchhandlung. Während in den großen Buchhandlungen, da wo es um hohe Umschläge geht, also um Masse, da macht sich, glaube ich, der Schwund an Lesern empfindlicher bemerkbar. Wir können uns eigentlich nicht beklagen.

Haben Sie als eigene unabhängige Verlagsleiterin, Verlagsfrau auch Vorbilder?

Ja, ich habe durchaus Vorbilder. Ich finde Antje Kunstmann toll, natürlich, die große Münchner Verlegerin, die schon seit 40 Jahren dabei ist und es seit 40 Jahren schafft, unabhängig zu bleiben. Dafür hab´ ich ganz großen Respekt. Aber auch ausländische Verlage, die mich inspiriert haben, die mir Mut gemacht haben. Eigentlich imponieren mir alle Menschen, die sich selbstständig machen -insbesondere Frauen, nicht nur in der Buchbranche, auch generell.

Das Gespräch wurde in der kulturWelt auf Bayern 2 geführt – den Podcast können Sie hier abonnieren.