Der neue Jonathan Franzen ist da! "Crossroads" überzeugt mit einer ziemlich unsympathischen Familie

"Crossroads" eröffnet die seelischen Abgründe der Mitglieder einer US-amerikanischen Pfarrersfamilie in den 70ern. Und damit eine ganze Welt zwischen Hippies, Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung.

Von: Tilman Urbach

Stand: 05.10.2021

Der Autor Jonathan Franzen | Bild: dpa/picture-alliance Everett Collection

Nein, man mag niemanden aus dieser Familie. Nicht den etwas abgehalfterten Pastor Russ, der in seiner Gemeinde einer jungen Witwe nachsteigt und dieses süßsaure Geheimnis klamm für sich behält, weil er nicht weiß, wohin mit seinem Gewissen. Ebenso wenig Marion, seine scheue und psychisch labile Frau, die von ihren Ängsten aufgefressen wird. Und auch die Kinder der Hildebrandts eignen sich kaum als Identifikationsfiguren. Nicht der sich selbstzerfleischende Clem, der seine große Liebe verlässt, um sich freiwillig zum Kriegseinsatz in Vietnam zu melden. Oder Perry, sein Bruder, der Drogen an Siebtklässler vertickt.

Lebensnahe, aber keine Identifikationsfiguren

Man mag nicht einmal Becky, die blond erblühte Schönheit, die überall dazu gehören will und sich dabei gerne wie ein Fähnchen im Wind dreht.

"'Himmlischer Vater', intonierte ihr Vater andächtig von der Kanzel aus; und das war alles, was sie hörte, bevor ihre Ohren taub wurden. Er war ein großgewachsener, gutaussehender Mann, aber für Becky machten sein schwarzer Talar und die fromme Ernsthaftigkeit seiner Vortragsweise alles Ansehen, das er als Mann in der Welt besaß, mehr als zunichte. Sie saß da wie erstarrt, wand sich aber innerlich und zählte die Sekunden, bis er den Mund halten würde."

Jonathan Franzen: Crossroads

Jonathan Franzen sind die Figuren der Hildebrandts in all ihren heimlichen Animositäten, kleinlichen Intrigen und peinlichen Notlügen so lebensnah geraten, dass das Lesen des dickleibigen Romans "Crossroads" zu einem beinahe schmerzlichen Unterfangen wird. Und doch hat man am Ende vor allem ein Gefühl für das heillos ineinander verstrickte Romanpersonal: Mitleid!

Familienroman und Spiegel der 1970er

Wie in früheren Büchern hat sich Franzen in den Mikrokosmos einer Familie eingesponnen, in deren Leben und Verhalten die ganze amerikanische Gesellschaft gespiegelt wird. Hier sind es die USA zu Beginn der 1970er: Während sich die Hippies in selbstgerechten Seelenerkundungen verlieren, wächst sich der Vietnamkrieg zum nationalen Trauma aus. Ausgerechnet jetzt will Clem Hildebrandt, der bisher eher durch pazifistische Parolen aufgefallen ist, seinem Land als Soldat dienen. Weil ihm immer klarer wird, dass durch seine Rückstellung aufgrund des Studiums ein anderer auf die Schlachtfelder in Südostasien geschickt worden ist. Und vermutlich stirbt, während er gerade jetzt die Welt durch seine leidenschaftliche Studentenliebe – nicht zuletzt sexuell – völlig neu erfahren kann.

Moralische Hybris, die Unglück bringt

"Die einzige Möglichkeit, aus dem Pfuhl herauszukommen, war aufzustehen, stark zu sein und zu gehen." So beschreibt Franzen diesen radikalen Akt der Selbstkasteiung und der moralischen Hybris, in der sich Clem befindet.

"Als er die Tür öffnete und sie aufschreien hörte – 'Warte!', brach es ihm fast selbst das Herz. Noch während er die Tür schloss, wurde er von Krämpfen geschüttelt und begriff überrascht, dass er schluchzte. Es geschah völlig autonom, war so unkontrollierbar wie Kotzen, aber weniger vertraut – er hatte seit dem Tag, als Martin Luther King ermordet worden war, nicht mehr geweint. In einem salzigen Nebel rannte er auf klammem Teppichboden die Treppe hinunter, an einer hämmernden 'Who'-Soundmasse vorbei (…), durch einen scharfen Geruch nach morgendlichem Kiffen in den Gemeinschaftsräumen und hinaus ins kalte, graue Urbana."

Jonathan Franzen: Crossroads

Crossroads: Teil 1 einer Trilogie

Jonathan Franzen folgt seinen Figuren bis in die letzten Seelenwinkel. Das kann bestürzend sein. Wirkt aber immer authentisch. Bei einem so unterschiedlich gestrickten Personal ist das keine Kleinigkeit. Kein Zweifel: Jonathan Franzen ist einer der besten Schriftsteller der Welt. Umso erstaunlicher waren die Selbstzweifel, die er in einem früheren Interview geäußert hatte – dass ein Autor kaum mehr als ein paar gute Bücher schreiben könne. Den Roman "Crossroads" hat er selbst als Auftakt einer Trilogie angekündigt, mit dem merkwürdigen Subtitel "A Key to All Mythologies" – ein Schlüssel zu allen Mythologien. Tatsächlich ist im ersten Band immer wieder von Erleuchtung durch Gott die Rede, wenngleich Franzen literarisch zu klug ist, dies als plumpe religiöse Gewissheit zu verkaufen. Immer bleiben – selbst den gläubigen Hildebrandts – am Ende nagende, existentielle Zweifel.

Auf über achthundert Seiten schildert Jonathan Franzen diese Familiengeschichte in einem weißen Vorort von Chicago und konzentriert sich dabei auf einen einzigen Tag, den Vorweihnachtstag im Dezember 1971. An dessen Ende wird nichts wieder so sein wie zuvor. Zu lange haben sich die Lebenslügen der Hildebrandts aufgestaut, zu explosiv entlädt sich ihre Frustration. Geschildert wird das in perspektivischer Brechung aus den verschiedenen Blickwinkeln von Eltern und Kindern. All diese Stränge bindet Franzen zusammen. Und so ist „Crossroads“ ein großer, ein fantastischer Roman!

Jonathan Franzen: "Crossroads". Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag.

Die Rezension von "Crossroads" läuft im Büchermagazin Diwan. das Sie hier nachhören und abonnieren können.