Naema Gabriel über ihr neues Hörspiel "Meine ganze Corona-Zeit ist da eingeflossen"

Protokoll entlang der Pandemie: Die Autorin, Illustratorin und Goldschmiedin Naema Gabriel verrät, wie viel von ihrem Leben in ihrem neuen Hörspiel "Hab mich wohl" steckt – und warum sie ihr Publikum manchmal ins Ungewisse führen muss.

Von: Pauline Seiberlich

Stand: 08.06.2021 14:31 Uhr

Porträt der Hörspiel-Autorin Naema Gabriel | Bild: Silke Woweries

Die Mutter kommt ins Pflegeheim, da beginnt die Pandemie. Naema Gabriels Hörspiel "Hab mich wohl" spielt vor einem derzeit allgegenwärtigen Hintergrund. Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen: Tochter Mo setzt auf Humor und Zärtlichkeit und holt sich Unterstützung von Chefaufräumerin Marie Kondō, einem fiktiven Kind, und dem Tod höchstpersönlich, was zumindest vorübergehend hilft. Pauline Seiberlich im Gespräch mit Naema Gabriel.

Pauline Seiberlich: Neben den ganz realen unmittelbaren Dingen, die ihre Protagonistin Mo in ihrem Hörspiel bewältigen muss, geht in ihrem Inneren ganz viel vor. Sie schreibt Tagebuch und sie redet mit einem Kind, ein Kind, das sie immer begleitet. Dieses Kind ist nicht ihr Kind, es ist nicht einmal wirklich ein reales Kind. Wer oder was hat sich da in Mos Bewusstsein vorgearbeitet?

Naema Gabriel: Ich führe die Hörer ein bisschen aufs Glatteis. Im Hörspiel wirkt es erst einmal so, als sei das ihr Kind, ein lebendiges Kind, in ihrem Leben. Und im Laufe der Zeit merkt man, dass Mo mehrere unsichtbare Freunde hat. Zu denen zählt auch dieses Kind. Es ist so ein bisschen wie ihr inneres Kind, könnte man sagen, oder auch ihre Seele, mit der sie kommuniziert. Gleichzeitig ist dieses Kind auch ein Merkmal dafür, dass Mo anders ist als andere und vielleicht eine gewisse Macke weghat. Aber die macht sie irgendwie auch ganz liebenswert. Auch in meinem ersten Hörspiel geht es um Mo. Da steht so ein bisschen die Frage im Raum, kann Mo, die ja eine psychisch kranke Mutter hat, psychisch gesund bleiben, seelisch gesund erwachsen werden? Und jetzt stellt sich raus, ja, sie ist gesund, wenn sie so ihre unsichtbaren Freunde hat.

Zu ihrem ersten Hörspiel "Bei Trost": Da begleiten wir Mos Kindheit und Jugend mit einer psychisch kranken Mutter. Dieses Hörspiel zeigt auch, wo Mos Ängste um ihre Mutter herrühren und eben auch, woher ihre Fantasie kommt, diese imaginierten Freunde und Freundinnen. Was Sie in "Bei Trost" ja festgehaltene haben, sind auch Ihre eigenen Erfahrungen, nämlich die Ihrer Kindheit und Jugend mit einer Mutter mit einer bipolaren Krankheit. Orientiert sich denn die Mo aus "Hab mich wohl", auch noch an Ihrer Biografie in der Gegenwart?

Es gibt viele Sachen, aus denen ich sozusagen schöpfen konnte. Dem Hörspieltext vorausgegangen war ein Journal oder Blog, wo ich für mich die Phase dokumentiert habe, in der klar wurde, dass meine Mutter zu Hause nicht mehr ausreichend gepflegt werden, dass sie nicht mehr in der Wohnung leben kann und in ein Heim muss. Das war vor Corona und als dann Corona einsetzte, war mir irgendwie sofort klar, dass ich ein Hörspiel machen will aus dieser jetzt komplett veränderten, verschärften Situation, die sich eingestellt hat für die Altenheime, für die Bewohnerinnen und für deren Angehörige. Deswegen habe ich mich bedient an meinem eigenen Protokoll und sozusagen Protokoll-Literatur daraus gemacht. Das taucht dann im Hörspiel als Tagebuch, bzw. als "Nächte-Buch" wieder auf.

Wie fühlt für Sie diese öffentliche Aufbereitung oder diese Art Aufarbeitung an?

Ich habe gemerkt, wie sehr es mich besorgt und auch stresst, dass Risse in der Gesellschaft scheinbar irgendwie tiefer werden und zu Gräben werden und dass Diskussionen zu Streits ausarten und dass es von verschiedenen Lagern plötzlich großes Geschrei gibt. Das hat mir Angst gemacht. Und mir war sehr wichtig, die nachdenklichen Stimmen, die leisen Töne und die Ratlosigkeit auszudrücken, oder eben auch das Sich-Eingestehen, dass man jetzt gerade im Moment in Bezug auf gewisse Dinge einfach nichts machen kann. Ich wollte ausdrücken, dass ich es gerade bei Trauer wichtig finde, nicht in irgendeinen Aktionismus zu verfallen. Also mir kam es irgendwie alles sehr bekannt vor, was ich so gehört habe an Wut und an Forderungen. Und ich wollte den Kontakt aufnehmen zu anderen Leuten, die als Reaktion auch eher so wie ich nach Innen gehen.

Der Umgang mit Trauer und auch der Umgang mit dem Tod ist in "Hab mich wohl" ein sehr spezifischer. Wie das fiktive Kind tritt auch der Tod in Mos Leben, als wirkliche Figur, mit der sie spricht und eine Beziehung aufbaut. Generell wirkt der Ton des ganzen Hörspiels sehr versöhnlich. Es gibt noch eine weitere Figur, mit der Mo ins Gespräch tritt, das ist Marie Kondō, die japanische Aufräum-Meisterin, die man vielleicht aus dem Internet kennt. Die tritt in Erscheinung, als Mo die Wohnung ihrer Mutter ausmistet.

Für mich hat sich das sehr gut eingefügt, dass ich so eine Art Begegnung zwischen spirituellem Meister und Schülerin machen wollte. Oder dass, wenn ich mich mit dem Tod auseinandersetzen will, auch Glaube irgendwie eine Rolle spielen wird. Da hat mir die Idee gefallen, jemanden wie Marie Kondō auftreten zu lassen. Für viele ist sie eine prägende Figur der Popkultur. Man kann sich aber auch ein bisschen lustig machen über die Vereinfachungen, mit denen sie arbeitet. Es wurden auch viele Witze gemacht über diese Frage, die sie immer stellt: "Does this spark joy?" wenn man beim Ausmisten irgendwie überlegt, ob man was behalten sollte, oder nicht. Das ist erstmal auf dieser Ebene zu mir gekommen. Gleichzeitig kann man das ja sehr tief gründen lassen und da gut eine Tiefenbohrung machen, für was für eine Philosophie sie eigentlich steht. Und nach dieser Tiefe zu fragen, damit habe ich ein bisschen eine Grenze gebrochen, weil das dann plötzlich total diese Smalltalk-Ebene überschreitet und verliert. Und deswegen ist meine Marie Kondō auch nur auf den ersten Blick so sauber und adrett, wie sie in ihren Videos im Internet auftaucht. Und Mo will sie halt irgendwie auf Herz und Nieren prüfen. So habe ich mir das vorgestellt. Und da geht es jetzt nicht darum, irgendwie einen mit Zivilisationsmüll überhäuften Kleiderschrank schicker zu machen, sondern wirklich um die Frage "Was ist Lebensfreude im Angesicht des Todes?"

Was bleibt da und was kann gehen? Das ist ein Motiv, das in "Hab mich wohl" immer wieder auftaucht. Auch in Form des Liedes "Abide with me", was übersetzt so viel bedeutet wie "bleib bei mir". Und es ist ja auch noch mal so ein bisschen dieses Motiv von "was soll bleiben".

Der Titel war mir total wichtig. Ich hatte erst zufällig eine Instrumental-Fassung davon gehört, und musste dieses Stück irgendwie immer und immer wieder hören. Da gibt es von Thelonius Monk eine sehr kurze Version von diesem Stück. Und weil ich Jazz höre, wurde mir das als weiterer interessanter Titel vorgeschlagen. Ich habe es erst mal ganz oft gehört und erst dann den Titel gelesen. Aber den musste ich erst einmal nachschlagen, weil es so ein altes englisches Wort ist. Und erst dann habe ich eine Version gehört, wo der ganze Text zu hören war. Und er hat mich wahnsinnig gerührt. Und das war dann für mich einfach erstmal nur so eine Art Erbauungsmusik, um mir Mut zu machen, das Hörspiel zu schreiben und vor allem, mich auf dieses Ende hin zu bewegen, vor dem ich irgendwie Angst hatte, weil meine Ich-Erzählerin sterben muss. Und ich hatte fürs Hörspiel schon anfangs die Frage gesetzt: Alles ändert sich, aber ich soll bleiben? Wie kann ich das machen? Was von mir wird bleiben? In diesem Titel "Abide with me" schwingt ja auch mit, dass Ein "Du" bleiben soll. Also, das spricht ja die Einsamkeit an, das Alleinsein, die Sehnsucht nach Nähe. Und das war für mich der Moment, wo ich den Titel des Hörspiels geändert hatte. Der Arbeitstitel war "Hab dich wohl" wie die Abschiedsformel, die ich auch sehr schön fand und wo ich aber eigentlich noch daran gedacht hatte, dass Mo sich von ihrer Mutter verabschieden muss, entweder durch diese Distanz und die Krankheit, das Alter, oder sogar durch die Möglichkeit, dass die Mutter sterben würde. Und als ich dann das "D" zu "M" geändert habe, war dieser Titel für mich wie so ein kleines Stoßgebet geworden. Es ist, wenn ich aufgebe und kapituliere und weiß, ich bin irgendwie hilflos, oder wir sind hilflos angesichts so einer großen Aufgabe wie Corona, dass da nur die Wendung zu etwas Größerem bleibt. Darauf weist das so hin, aber nicht spitz wie ein Pfeil, sondern eher so flächig in eine grobe Richtung, die die Hörer für sich selber festlegen können oder suchen können.

Was ging Ihnen denn durch den Kopf, als Sie das fertige Hörspiel zum ersten Mal gehört haben?

Das ist schwer zu beschreiben. Ich war vor allem sehr dankbar. Das war für mich die Krönung von dieser Phase, in der ich gesehen habe: Dieser Text, irgendwie aus meinem Kopf entsprungen und gerade mal so auf ein paar Seiten Papier gelandet, nimmt jetzt Form an. Das ist einfach wahnsinnig beglückend für mich. Es ist aber gleichzeitig auch super seltsam. Also, wenn ich sage, ich bin nicht endgültig zufrieden, dann ist das keine Bewertung des fertigen Hörspiels, sondern für mich ist dieser Text etwas, was immer noch weiterarbeitet in mir. Und er kommt ja aus einem riesigen Pool von Texten, die da entstanden sind, und Ideen, die ich auch aussortiert habe. Eigentlich ist meine ganze Corona-Zeit da irgendwie eingeflossen. Und das Hörspiel dann zu hören hat für mich vor allem bedeutet, mich davon zu verabschieden. Deswegen war ich auch irgendwie sehr traurig.