Interview mit Philosophin Catherine Newmark So beeinflusst die Pandemie unser Bild von Autorität

Die Impfkampagne verläuft schleppend, die Kanzlerin entschuldigt sich öffentlich und die Maßnahmen sind ein Flickenteppich: In der Pandemie zweifeln viele an politischen Autoritäten. Ein Interview über Verantwortung und emotionale Reife.

Von: Barbara Knopf

Stand: 28.03.2021

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht am 24.3.2021 zu den Abgeordneten des Bundestags bei der Regierungsbefragung. Ein Hauptthema sind die Oster- und Lockdown-Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz zu der Corona-Pandemie.  | Bild: dpa-Bildfunk/Michael Kappeler

Wie fühlen Sie sich? Beunruhigt, mürbe, verzweifelt, zornig? Oder geduldig, einsichtig, anpassungsfähig – und gar optimistisch? Nach einem Jahr Corona, dem mittlerweile fließenden Übergang von der zweiten in die dritte Welle und den Stop-and-Go-Lockdowns ist die ganze Gefühlspalette ausgeschöpft. Viele dieser Gefühle richten sich auch auf politische Autoritäten. Wir haben deshalb mit der Philosophin Catherine Newmark gesprochen. Die Frage ihres Eassys "Warum auf Autoritäten hören?" wird gerade täglich gestellt. Jüngster Anlass: das Beratungsdebakel über die österlichen Ruhetage bei der Ministerpräsidenten- und Ministerpräsidentinnen-Konferenz, nächtens beschlossen, bei Tageslicht als nicht durchführbar zurückgenommen.

Barbara Knopf: Frau Newmark, die Kanzlerin entschuldigt sich öffentlich, einen Fehler gemacht zu haben. Wurde da im Sinne von Autorität gut gehandelt? Hat sie an Autorität gewonnen?

Catherine Newmark: Da bin ich mir nicht sicher. Ich glaube schon, dass es zu einer klassischen Ordentlichkeit gehört, sich darüber klar zu sein, was für eine Position man innehat und, dass man, wenn Fehler passieren, die Letztverantwortung dafür trägt. Das würde ich als Zeichen der Autorität sehen. Nur glaube ich, es ist die Minimalbasis von Autorität. Und ich weiß nicht, ob man damit so wahnsinnig viele Punkte gewinnen kann. Andererseits ist es heutzutage geradezu erfrischend, wenn Leute noch verstehen, wofür sie eigentlich Verantwortung haben. Und man kann auch sagen, die Regierung ist insgesamt etwas angeschlagen, weil in diesem Pandemie-Management vieles nicht so wahnsinnig gut gelaufen ist und man dann doch oft Anlass hatte, sich zu fragen, wie verantwortungsvoll wird hier gehandelt, und wie sehr wird auf dieser obersten Ebene im Sinne einer guten Autorität gehandelt.

Wo sehen Sie denn zum Beispiel den Mangel an guter Autorität?

Woran sich sehr viele gestört haben: Jens Spahn zum Beispiel hat die Entscheidung, den Astrazeneca-Impfstoff kurzfristig auszusetzen, als rein wissenschaftliche, gerade nicht politische Entscheidung ausgegeben. Aus einer philosophischen Perspektive müsste man sagen: Das ist eine tatsächlich falsche Ausdrucksweise. Es gibt ein wissenschaftliches Institut, das Paul-Ehrlich-Institut, das sagt, es wäre wissenschaftlich angemessen, nochmals zu prüfen. Aber die Entscheidung, auf die Wissenschaft zu hören, ist eine politische Entscheidung. Die Verantwortung liegt bei Jens Spahn und nicht beim Paul-Ehrlich-Institut. Indem man sagt, das ist keine politische Entscheidung, ist das ein Moment, wo Verantwortung nicht übernommen wird. Und weil ich denke, dass Autorität ausüben heißt, dass man Verantwortung übernimmt, wäre das ein Beispiel von schlechter Autorität.

Vielleicht darf ich noch ein anderes Beispiel nennen: Es kam auch zum Ausdruck, dass es eine Umwucht darin gebe, wie viel reguliert werden kann. Wir hatten in letzter Zeit als Bürgerinnen und Bürger oft das Gefühl, dass wir doch stark gegängelt werden durch grobe politische Entscheidungen, die nicht immer sachangemessen auf Situationen passen. Also: alle Schulen zu. Die Experten, die die Politiker beraten haben, haben durchaus Empfehlungen ausgesprochen, zu differenzieren zwischen verschiedenen Altersgruppen, zwischen verschiedenen Formen und so weiter. Die Politik macht dann pauschale Entscheidungen daraus. Man kann sagen, das ist ein Sachzwang, das ist auch schwierig zu entscheiden. Aber man fühlt sich als Bürgerin und Bürger, die dieser großen Entscheidungen unterliegen, dann doch nicht gesehen. Wie der Kolumnist Sascha Lobo mal geschrieben hat: Jeder Kinderspaziergang ist stärker reguliert als die gesamte Industrie und Arbeitswelt. Also solche Phänomene, die im Pandemie-Management vorgekommen sind, sind nicht gerade positiv aufgefallen.

Autorität hat mit Verantwortung zu tun. Aber wie Sie gerade angesprochen haben, hat Autorität auch sehr viel mit Kommunikation zu tun. Wie gestaltet man Forderungen an die Gesellschaft auf Augenhöhe, damit Bürgerinnen und Bürger sich eben nicht gegängelt fühlen?

Ich weiß gar nicht, ob es Augenhöhe ist. Ich bin mit Ihnen einverstanden, dass man immer stark kommunizieren muss: Bis hierhin reicht unser Unwissen, hier haben wir diese Unsicherheit, unter Abwägung all dieser Faktoren, würden wir uns jetzt für das entscheiden, und wir hoffen, dass es die richtige Entscheidung ist. Das ist gar nicht einfach für die Politik. Man kann aber umgekehrt sagen wie der Philosoph Wilhelm Schmid, dass auch was Kindisches dabei ist, wenn wir immer auf die Politik schimpfen, die die Pandemie nicht gut managet und uns nicht die richtigen Dinge kommuniziert. Wir erwarten, dass sie diese Pandemie in den Griff kriegt – das ist faktisch nicht zu leisten. Jetzt ist es natürlich immer gut, auf Autoritäten sauer zu sein. Wer Kinder hat, weiß, dass Kinder im Allgemeinen sauer auf ihre Eltern sind. Und Eltern müssen das aushalten. Also im Prinzip ist die Regierung schon der richtige Ansprechpartner, um Wut zu artikulieren. Aber letztlich muss man, wenn man erwachsen ist und eben kein Kind, auch zugeben: Das ist nicht unbedingt deren Schuld. Nicht in jedem Fall.

Es ist natürlich schwierig, das Prinzip der Autorität mit dem Prinzip der Unsicherheit, in der wir uns jetzt alle befinden, tatsächlich in Einklang zu bringen. Das ist ja fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Ja, das stimmt. Zumal wenn Autorität tatsächlich auch mit mehr Wissen zu tun hat.

Hat Autorität immer mit mehr Wissen zu tun?

Mit mehr Wissen, mit mehr Erfahrung oder mit mehr sich kümmern, mehr Verantwortung übernehmen, mehr sich zuständig fühlen. Wir delegieren an jemandem, eine Generalentscheidung für uns zu treffen: Das ist das Prinzip einer repräsentativen Demokratie. Da gibt es zumindest idealtypisch die Idee, dass da Leute sind, die sich verstärkt kümmern. Es macht gerade all diese CDU-Skandale so peinlich, wenn man das Gefühl hat, das sind zu viele Nebenjobs und zu viele Eigeninteressen und die kümmern sich nicht, denen geht gar es es gar nicht darum, diese Verantwortung zu übernehmen. Das unterminiert Autorität in einer ganz besonderen Weise.

Da hat die Maskenaffäre sehr viel demaskiert, muss man jetzt mal sagen.

Ja, schön gesagt.

Und dann gibt es ja auch die Folge, dass Autorität vollkommen in Frage gestellt wird, dass man mit Verschwörungstheorien und Querdenkerdemos kommt, um scheinbar wieder ein Stück kleine private Kontrolle über diese schwierige Situation zu bekommen.

Ja, ein soziologischer Blick würde sagen: Das sind oft auch Milieus, die generell ein bisschen wissenschafts- oder regierungsskeptisch sind. Man kann, finde ich, sehr wohl einzelnen Akteuren und auch einzelnen Entscheidungen eine große Inkompetenz oder Insensibilität oder auch eine Nichtsinnhaftigkeit unterstellen. Aber insgesamt zu sagen, dass diese Regierung irgendwie böswillig handelt, das ist natürlich absurd. Da verläuft die psychologische Grenzlinie zwischen emotionaler Reife und emotionaler Unreife. Das verschärft sich natürlich, wenn sich der Leidensdruck verschärft. Ich muss von mir selbst sagen, ich hatte auch manchmal das Gefühl, ich kann nicht mehr. Dann ist es natürlich einfacher, einen Schuldigen zu suchen und auch zu finden, als zu sagen: Diese Situation ist objektiv für alle gerade unmöglich.

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