Franz Gernstl über seine Donaureise "Der Fluss ist wie ein Riesengebirge, man fühlt sich kleiner"

Franz Gernstl ist seit Jahrzehnten unterwegs, seine Filme sind Kult. Diesmal reist er entlang der Donau von der Quelle bis nach Wien. Im Interview verrät er, warum es ihm Europas zweitlängster Fluss angetan hat.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 18.12.2020

Reporter Franz Gernstl in Passau, Startpunkt der zweiten Folge. Am Dreiflusseck in Passau wächst die Donau zu beachtlicher Größe an. | Bild: BR/megaherz gmbh/HP Fischer

Franz X. Gernstl und seine beiden Kumpane (Kameramann HP Fischer und Tonmann Stefan Ravasz) sind wieder auf Entdeckungstour, diesmal entlang der Donau. Mit 2857 Kilometern ist die Donau der zweitlängste Fluss Europas. Von ihrer Quelle im Schwarzwald fließt sie durch zehn Länder – und mündet schließlich ins Schwarze Meer. Startpunkt der dreiteiligen Expedition ist Donaueschingen, die Reise endet in der dritten Folge in Wien. Doch wie lebt es sich an einem Strom, der seit Menschengedenken eine der wichtigsten Reise- und Handelsrouten Europas ist und so viele Länder, Völker und Kulturen verbindet? Hat er einen Einfluss auf die Weltsicht seiner Anwohner?

Bärbel Wossagk: Ihre dreiteilige Reise beginnt am Ursprung der Donau, beziehungsweise der Ursprung der Donau wird erst einmal gesucht. Es fängt an mit diesem wunderbaren Bild: "Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg." Man sieht ganz Grün in Grün, die Brigach und die Breg, wie sie zusammenfließen, ganz kleine Flüsslein. Dann ein Kameraschwenk und man sieht eine erschütternd hässliche Brückenbaustelle.

Das Gernstl-Team (von links: Kameramann HP Fischer, Reporter Franz Gernstl und Tonmann Stefan Ravasz)...

Franz Gernstl: So hab ich mir den Ursprung der Donau auch nicht vorgestellt. Aber darüber wird ja auch gestritten. Ich habe in der Schule gelernt: in Donaueschingen ist die Donauquelle. Die hab ich mir vor ein paar Jahren schon einmal angeschaut. Jetzt gibt es aber noch etliche andere Gemeinden, die sagen: Wir haben auch eine Donauquelle. Nämlich die Quelle der Brigach, auch die der Breg. Und in Donaueschingen haben sich die Fürsten zu Fürstenberg das sogar einfach schön hingebaut. Schaut wirklich toll aus, ein richtiger großer Topf. Aber die Hydrologen behaupten, der längste Zufluss käme von der Breg. Und der ist in Furtwangen. Die haben dort auch der Donauquelle so ein kleines Denkmal gesetzt. Danubius, der Flussgott wacht darüber. Da kommt dann so ein kleines Bieselwasser raus und das soll dann der Ursprung der Donau sein.

In Donaueschingen an diesem Topf haben Sie ja gleich die erste, lustige Begegnung gehabt mit einer Dame ganz in Blau.

Reporter Franz Gernstl (links) besucht das Boot, auf dem Friedensreich Hundertwasser um die Welt gesegelt ist.

Genau, so ein Hippiemädel. Die hat auch gleich einen Magneten dabei gehabt. Die hat erzählt, wie sie als Kinder diese Wunschmünzen, die die Leute da reinschmeißen, abends immer rausgefischt haben. Mit einem Magneten aus einem alten Radio. Wie das geht, hat sie uns gleich vorgeführt. Komischerweise geht das nicht mehr richtig ...der Euro ist nämlich nicht magnetisch. Nur noch die kleinen Kupfermünzen, die kann man rausholen. Ich habe mich gefragt, was mit den Wünschen passiert ... wenn die Leute sich jetzt irgendetwas wünschen und eine Münze reinschmeißen. Und dann kommt die Oma und fischt sie wieder raus. Schwierige Sache.

Alle Menschen, denen Sie da begegnet sind auf dieser dreiteiligen Reise, haben irgendwas mit diesem Fluss zu tun. Hält denn die Donau irgendetwas zusammen?

Am Wiener Donaukanal ist Grafitti-Kunst erwünscht: Sarah Kupfner mit ihrem neuesten Werk.

Ich weiß auch nicht, wie das kommt. Wenn man an der Bundesstraße 2 wohnt oder an der Isar, ich weiß nicht, das hat irgendwie nichts Rechtes. Aber wenn man die Leute fragt: Macht es was aus, wenn man an der Donau wohnt? Dann sagen sie: Ja klar, logisch. Bei genauerem Nachfragen wissen sie es auch nicht so ganz genau, was es ist. Aber zumindest, wenn man Richtung Österreich kommt, ist es die Gewalt dieses Flusses. Der ist ja einfach irre groß. In Deutschland ist die Donau ja noch so einigermaßen gemächlich. Aber ab Passau, wenn Inn und Ilz noch dazukommen am Dreiflüsseeck, dann wird das ein richtiger Strom. Und der ändert auch dauernd sein Gesicht. Und die Leute? Sagen wir, man kommt so in diesen Fluss rein, diesen Lebensfluss, wenn man den Fluss immer vor der Nase hat. Man fühlt sich ein bisschen kleiner. Weil der Fluss so groß ist. Fast wie wenn man vor einem großen Berg steht, hat mir einer erzählt. Der Fluss ist wie ein Riesengebirge. Dass man die Relation wahrnimmt, was für ein Würschtl man eigentlich ist auf dieser Welt; und dieser Fluss seit Jahrtausenden vor sich hin fließt und sein Gesicht verändert, seinen Weg verändert. Und halt immer da ist. So hat die Anwesenheit dieses Flusses Einfluss aufs Leben. Ich hatte mit der Donau nie so richtig was am Hut, aber inzwischen habe ich mich verliebt.

Video: Gernstl unterwegs an der Donau

Jetzt ist die Donau der Weg und gleichzeitig das Ziel eurer Reise. Eigentlich geht's aber um die Menschen, die ihr da getroffen habt. Und da muss ich zu meiner absoluten Lieblings-Protagonistin der drei Donau-Filme kommen. Was glauben Sie, wer es ist?

Die Heilssängerin?

Es ist die Oma in Kritzendorf mit ihrem Garten am Bahnhof. Entzückend. Gell, Sie waren auch ganz verliebt?

Edith Cernilofsky und Franz Gernstl in Kritzendorf.

Sie ist der Traum von einer alten Dame, ganz klein. Ich musste immer runterschauen zu ihr, hab mich dann klein gemacht. Und sie hat so eine Brache. Bei der Österreichischen Bundesbahn hat sie gefragt, ob man da nicht was anpflanzen dürfe. Und die haben erstaunlicherweise gesagt: Ja. Bei uns wäre das vielleicht ein bisschen schwierig, ein offizielles Bahngleis für Privatsachen zu benutzen. Aber dann hat sie mal angefangen, etwas anzupflanzen. Das ist nicht ganz groß, das Ding. Vielleicht hat es 200 bis 300 Quadratmeter. Sie hat aber einen traumhaften Garten angelegt und sie spricht mit den Blumen. Ich find so Sachen ja immer ein bisschen blöd, weil man kann nicht mit Blumen sprechen. Und die Oma sagt aber: doch! Und die Blumen verstehen sie. Und sie kennt alle beim Namen. Und ihr habe ich es jetzt abgenommen, dass das was hilft.  Die ist 83, glaub ich. Total gut drauf. Lebendig, mit ihrem Strohhut. Sie sagt: Sie wacht am Morgen auf und freut sich des Lebens und geht am Abend ins Bett und freut sich. Und ihr Plan ist, 100 Jahre alt zu werden.

Eine großartige Motivation für jede Lebenslage.

Die Schöne und das Biest: Medizinerin Lisa posiert mit Schrott-Skulpturen in Wesenufer an der Donau.

Es ist immer toll, wenn man Leute trifft, die einfach gut drauf sind. Auch der blinde Stadionsprecher in Wien. Er ist seit dem vierten Lebensjahr blind und sagt: "Ich hab kein Problem." Außer, dass er vielleicht keinen Führerschein macht. Ansonsten geht es ihm gut. Und er ist tatsächlich Stadionsprecher beim Sportclub im 17. Bezirk. Ich dachte: Das geht ja gar nicht. Geht aber trotzdem. Er schreibt sich mit seiner Blindenschreibmaschine die Aufstellung auf. Und dann muss man ihm immer ein bisschen einflüstern, was gerade passiert. Er ist ein sehr beliebter Stadionsprecher. Hat den Job einfach deswegen übernommen, weil erst so ein Langweiler dran war, der die Namen nicht ordentlich aufsagen konnte. Dann hat er gesagt: "Das mach ich!" Und er macht’s. Ein Kuriosum.

Welche Geschichte hat Sie selber am meisten überrascht?

Kabarettist Hannes Ringlstetter (rechts) freut sich über Franz Gernstls Besuch – und entwickelt eine gewagte Theorie.

Hannes Ringlstetter. Es ist so eine Sache mit Kollegen, die man noch dazu schon kennt. Das haut oft nicht hin, weil man so eine Show macht. Er ist ja auch Moderator. Und ich dachte, ich probier's. Er ist aber sowas von normal und offen gewesen, das hätte ich nicht erwartet. War ein netter Vormittag, den wir bei ihm verbracht haben. Er ist an der Donau aufgewachsen, hat da sein erstes Radl versenkt aus Versehen. Und er schwimmt da oft. Und er sagt: Wenn er an der Donau auftritt, sei es in Straubing, in Regensburg, in Linz oder in Wien – da ist der Humor gleich. Wenn er dort einen Witz macht, dann weiß er: Der funktioniert. Wenn er dagegen in Karlsruhe ist oder auch im Allgäu, dann ist er nicht sicher, ob das hinhaut. Das Humorverständnis ist ein Gleiches. Und die Kultur ist auch gleich, weil Kultur sich entlang vom Fluss bewegt. Ich erinnere mich auch an eine nette Dame, die auf ihrem Hausboot wohnt mit ihrem Mann. Das war so ein Vergnügungsboot. Die beiden bauen das um und haben sich damit ganz schön was aufgehalst. Sie ist eine 60-jährige Frau, die da im Bikini in der Abendsonne herumsteht. Und aus dem Nichts heraus erzählt sie mir, dass sie keine Angst hat. "Wovor soll ich Angst haben", fragt sie. Das ist schon ganz schön cool.

Lauter motivierte Menschen.

Was ich gern mag, sind Leute, die mit ihrem Leben zurechtkommen. Die nicht jammern. Egal in welchen Umständen. Es sind nicht immer die vergnüglichsten und materiell stehen sie auch nicht am besten da. Aber es sind einfach Leute, die ihr Leben leben, wie es ist und das Beste daraus machen.

Das Interview stammt aus den radioReisen, dem Reisepodcast von Bayern 2. Die Fernsehfolgen haben wir im Interview mittig eingefügt.