Interview mit Christoph Schlingensief aus dem Jahr 2007 "Da gab es ein Missverstehen in den Bildern"

2007. Eine Stunde Interview mit Christoph Schlingensief. Das empfand ich als Privileg. War er ein Star? Er benahm sich jedenfalls nicht so, grüßte freundlich, lobte mein Hemd (er selbst trug auch ein hübsches unter der Lederjacke). War es ein Interview? Eher ein Monolog, wie ihn nur Schlingensief fabrizieren konnte.

Von: Martin Zeyn

Stand: 20.08.2020 | Archiv

Nahaufnahme von Regisseur Christoph Schlingensief, der an der Kamera vorbei auf etwas in der Ferne deutet | Bild: SWR/StarCrest Media GmbH

Schlingensief. Dieser Name stand für Erfolg im Kunstbetrieb. Trotz all seiner Anstrengungen, uns es mit ihm nicht zu leicht zu machen: Ich hatte ihn in der Berliner Volksbühne mit heruntergelassenen Hosen gesehen (keine Metapher!), er hatte die Wiedervereinigungseuphorie grandios veräppelt ("Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst" – Das deutsche Kettensägenmassaker) und sich eine Anzeige eingehandelt, als er auf der Documenta 10 ein Schild mit der Aufschrift "Tötet Helmut Kohl" zeigte (das war eindeutig eine Metapher).

Schlingensief drehte tolle Trashfilme, schrieb zwei unfassbar komische Hörspiele (ja, wirklich), arbeitete mit Behinderten zusammen und scheuchte auch sonst den Kunstbetrieb auf. Aber erst nach seinem Tod, erst mit der Ausstellung in Venedig 2011 (und der Vertretung durch die Megagalerie Hauser und Wirth) wurde er postum zu einem Star. Vor mir saß eher ein Tausendsassa, ein Querdenker, ein Macher, der keinen Bock mehr hatte, als Enfant Terrible oder als Provokateur abgestempelt zu werden.

Mehr Achterbahnfahrt als Interview

Im Interview ging es um seine Ausstellung im Haus der Kunst. Wobei: War es wirklich ein Interview? Mit Schlingensief zu sprechen, glich eher einer Achterbahnfahrt. So schnell wechselten die Themen, so rasend tauchten Bilder vor einem auf, so sehr musste ich mich anstrengen, nicht von ihm aus der Bahn geworfen zu werden. Dieses Interview war eher eine Performance – und ich war froh, dabei sein zu können.

Zu sehen war damals in der sogenannten "Ehrenhalle" eine Art umgebauter brasilianischer Karnevalswagen. Darin liefen in zwölf Kabinen Kurzfilme. Und unten hatte Schlingensief sich eine Art Mausoleum errichtet, er selbst sprach von einem "Mausoleumschrein". Der Aufreger damals, auch wenn es keinen Shitstorm gab: Statt einem Jesus thronte ein Mohammed oben. Für mich sah es aus wie ein normales Jesusbild. Schlingensief hatte damit kein Problem:

"Das ist jedem freigestellt. Und es ist auch interessant, dass das jetzt so interessant geworden ist. Weil eigentlich der Mohammed und der Jesus auch aus derselben Geschichtsstruktur kommen. Der Buddha und der Wotan gehören eigentlich auch noch fast dazu. Entscheidend ist, dass von Mohammed kein Abbild gemacht werden darf. Und deshalb sucht es jeder, obwohl es ja in den 10 Geboten heißt: Du sollst dir kein Abbild machen. Das haben wir als Christen ja verwässert. Es ist schön, wenn man dann den Mohammed sucht und vielleicht den Jesus findet. Vielleicht findet auch jemand den Buddha oder einen Verwandten?

Es sind jedenfalls die ganzen Apostel, die er als Verteidiger oder Vertreter einer Grundidee, einer Geheimloge, wie man das auch nennen will, die beim letzten Abendmahl dabei waren, aber sich dann abgewendet haben. Und darum hat jeder seine eigene Geschichte erzählt. Darum geht es: Jeder erzählt seine Geschichte. Und in der Wiedererzählung übermalt er sich selber, genauso wie er von anderen übermalt wird. Und darum geht's auch hier, die eigene Geschichte."

Ein kurzer erklärender Einschub: Hört sich an wie ein Kuddelmuddel aus Religionssplittern. Worum es Schlingensief ging: Die Bedeutung des Bilderverbots für einen Filmemacher zu überdenken. Was passiert, wenn wir jemanden fotografieren? Legen wir ihn damit auf eine Rolle fest? Zwingen wir ihn so zu sein, wie das Bild, das wir von ihm gemacht haben? Schlingensief war aber schon wieder dabei, seinen Bilderreigen weiter zu spinnen:

"Zum Beispiel Johannes. Der war eigentlich aussätzig, sollte weg und hat auf Patmos die Apokalypse geschrieben. Der ist halt der etwas spinnerte Katastrophen-Typ, war aber deswegen plötzlich wieder dabei. Es gibt immer so Begriffe, mit denen ist man sofort wieder dabei. Und wenn jetzt jemand zu mir plötzlich nicht mehr Provokateur sagt, dann bin ich nicht mehr dabei. Es ist vielleicht auch gerade wieder die Frage, wo ich dann bin, welches Bild. Und dann bin ich vielleicht auch der Mohammed? Kann man das verstehen?"

Verstehen erscheint mir im Nachhinein die falsche Kategorie zu sein. Was beim Nachlesen fast schon wirr erscheint, ist beim Nachhören unglaublich spannend. Schlingensief beim Verfertigen seiner Gedanken beim Sprechen zuzuhören – das hieß bei einer mitreißenden Denk-Performance dabei zu sein. Die Kurzfilme für seine Installation hatte Schlingensief mit einer alten 16-Milimeter-Bolex-Kamera aufgenommen. Absichtlich, denn er war fasziniert vom Verfallsprozess, den das Abspielen wegen des mechanischen Abriebs erzeugte.

"Entscheidend sind ja die 18 Bilder pro Sekunde, die also immer nur dann flüssig erscheinen, weil ab 18 Bilder sieht der Mensch die Bewegung flüssig. Dazwischen ist aber immer noch die Dunkelzone, die Dunkelphase. Und Werner Nekes, bei dem ich gelernt drei Jahre habe, der zitierte immer diesen Satz: Was geschah wirklich zwischen den Bildern? Der Betrachter ist die Dunkelphase. Er verbindet diese Bilder, und diese Bilder sehen aus wie Fundstücke, vielleicht schon von einer Zeit, die erst noch kommt, aber die schon sehr alt aussieht.

Ich habe das auch wieder mit 16 Millimeter gemacht, weil ich eine Bolex ersteigert habe. Und diese Bolex kann keine Einzelbilder schießen. Sie kann nur Auf- und Abblenden in der Kamera machen. Man muss irgendwann nach 30 Sekunden die Kamera wieder aufziehen. Das ist gerade für mich kein Revival, sondern es ist eigentlich das, wo ich ja herkomme und wo ich gerade beim Filmmaterial auch jetzt bin, wenn ich im Haus der Kunst, im Keller am Schneidetisch sitze. Jeder Schnitt ist ein Schnitt ins Material, jeder Schnitt ist irreparabel da. Es gibt es auch keine Reset-Taste. Und dann flackert der Film auch ein bisschen, und diese Sache beziehe ich auf Netzhaut und beziehe ich eben auch auf Gedächtnis und aufs Erinnern. Und in der Neurobiologie gibt es ja jetzt den Satz 'Erinnern heiß vergessen'. Weil meine Synapsen einen Saft erzeugen, der sich mit einem alten Saft mischt oder neue Reaktionen, neue Mischung herstellt. Also sind alle Geschichten ja auch erfundene Geschichten. Und das ist im Bewusstseinsprozess wesentlich politischer als zu sagen: Jetzt habe ich die Lösung. Jetzt, jetzt weiß ich das ideale Bild und das streben alle an.

Ich bin überhaupt nicht auf dem Trip: Alles muss wieder 16 Millimeter werden. Wim Wenders war mal in den Achtzigern auf den Kurzfilmtagen Oberhausen und sagte dann: Ich werde nicht in diese Videokamera sprechen, weil sie mich nicht wirklich abbildet. Das ist eklig oder so etwas. Und fünf Jahre später war er dann der Vorsitzende des High-Definition-Clubs in Oberhausen. Man macht auch Erfahrungen, und ich habe in der Zeit nach dem 'Parsival' und auch in der Arbeit auf der Bühne festgestellt, dass ich ja mal Filme gemacht habe. Und diese Filme waren nicht unbedingt Mainstream-Filme. Die haben immer mit Bildern und mit Zwischenräumen operiert. Da gab es ein Missverstehen in den Bildern. Es war vielleicht auch eben nicht zu Ende erzählt. Und dann kommt die Frage, warum das beim Medium Video so schnell auszubügeln ist.

Also mein Vater leidet unter einer Erblindung. Ich habe gesehen, wie jemand langsam wirklich in eine große Depression kam, weil er wieder klar sehen wollte. Und diese Klarheit ist ein Reinheitsgebot. Das beziehe ich auch immer auf gesellschaftliche Dinge. Die Wagnerianer zum Beispiel haben immer einen gewissen Reinheitsanspruch. Das ist dann wagnerianisch. Ich weiß nicht genau, was es sein soll, aber sie wissen es dann immer genau. Und das sind alles solche Dinge, die ich mit Film verbinde, wo ich herkomme, diese Momente. Dunkelphase im Moment, wo ich gefordert bin, die Bilder zu verbinden. Ich und kein anderer."

Und hier gibt es das ganze Interview zum Nachhören.