Solidarität in Coronazeiten Keine Krankenhausbehandlung für Ungeimpfte?

Der Unternehmer Stefan Dräger fordert, Impfunwilligen das Recht auf eine Krankenhausbehandlung abzusprechen. Ein fataler Vorschlag, findet unser Autor.

Von: Martin Zeyn

Stand: 10.02.2022 | Archiv

ARCHIV - 29.12.2021, Berlin: Eine Intensivfachpflegerin betreut auf der Intensivstation des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe einen Covid-19-Patienten. (zu dpa:_ Kliniken schaffen wegen Omikron-Welle zusätzliche Kapazitäten) Foto: Christoph Soeder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Christoph Soeder

Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Zwei Jahre voller Einschränkungen, Angst, Sorge und enttäuschter Hoffnung, es bald geschafft zu haben. Irgendwer muss schuld daran sein. Irgendwer muss dafür bezahlen. Jetzt fordert Stefan Dräger, Chef der Beatmungsgerätefirma Drägerwerk, in einem Interview mit der Zeitung Welt: "Wer die Impfung ablehnt, muss auf eine Behandlung im Krankenhaus verzichten." Eine unverhohlene Drohung, die, statt an die Solidarität zu plädieren, auf Spaltung setzt.  

Wer krank ist, ist selber schuld?

In unserer Gesellschaft wenden wir oft das Verursacherprinzip an: Wer schuld an einem Schaden trägt, muss ihn begleichen. Das gilt etwa bei Verkehrsunfällen. Drägers Argumentation betont die Vorsorge, also sich mittels Impfung besser vor einer schweren Erkrankung zu schützen. Wer diesen Schritt nicht unternimmt, der habe selbst die Folgen zu tragen, sei quasi selbst schuld: "Meiner Meinung nach sollte jeder Bürger ein Impfangebot bekommen. Wenn er das ablehnt, gilt dies automatisch als eine Patientenverfügung darüber, bei einer Erkrankung durch das Virus auf eine Behandlung im Krankenhaus zu Lasten der Allgemeinheit zu verzichten. Das vermeidet Überlastung der Krankenhäuser und des Personals." Das klingt logisch. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen Impfquote und Krankenhausbelegung die zentrale Frage, die über das Pro und Contra bei der Impfpflicht entscheidet. Nach allem, was wir wissen, nützt es der Gesamtgesellschaft, wenn viele sich vor Corona schützen lassen. Das Problem bei der Aussage Drägers: Er kündigt die Solidarität mit den Erkrankten auf – wenn diese ungeimpft sind.  

Aufkündigung des Solidarprinzips 

Gerade die Krankenkassen fußen auf dem Solidarprinzip: Motorradfahrer, Extremsportlerinnnen oder Raucher bekommen bei Verletzungen oder Krebs die beste aller möglichen Behandlungen - auch wenn sie sich nachweislich mehr gefährden als die Gesamtbevölkerung. Ja, das kostet Geld. Aber es rettet Leben. Und an diesem Punkt muss die Debatte um Vernunft oder Unvernunft aufhören. Es ist richtig, zum Infektionsschutz die Freiheiten von Ungeimpften einzuschränken – mehr als die von Geimpften, die sich und andere schützen. Aber es ist falsch, Impfverweigerern damit zu drohen, vor dem Krankenhaus abgewiesen zu werden, weil sie "zu Lasten der Allgemeinheit" gehandelt hätten. Warum? Weil es falsch ist, mit ihrem Leben zu spielen. Dabei geht es nicht um eine Verhältnismäßigkeit der Mittel. Sondern darum, welchen Wert wir dem Leben beimessen: einen absoluten oder einen relativen? Ein relativer Wert würde jeden Menschen in letzter Konsequenz einer Kosten-Nutzen-Analyse unterwerfen. Wie brutal das aussähe, macht ein Gedankenspiel deutlich: Wer Drägers Forderung weiterdenkt, muss auch Eltern die Kosten in Rechnung stellen, die die Behandlung eines Kindes verursacht, das mit einem vor der Geburt entdeckten Gen-Defekt aufwächst.  

Angesichts einer tödlichen Pandemie müssen wir über die richtigen Methoden streiten, wie wir aus ihr am besten herauskommen. Was dabei aber nie vergessen werden darf: Die Unversehrtheit der Menschen muss im Zentrum stehen. Und zwar sowohl für Ungeimpfte als auch Geimpfte. Beide haben die andere Gruppe zu schützen. Dafür müssen wir bestimmte Rechte für eine festgelegte Zeit aufgeben. Was wir aber niemals aufgeben dürfen, ist das Ziel im Auge zu behalten: so viele Leben zu retten wie möglich.