Marius Hellwig über Schnittmengen auf Corona-Demos Wenn Esoteriker*innen und Rechte miteinander gehen

Corona, Maskenpflicht, "Hygiene-Demos" und die große Frage: Wer versammelt sich da eigentlich mit wem? Denn auf diesen Demos protestieren richtungsgleich Interessensgruppen, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammen passen. Eine Täuschung?

Von: Katja Engelhardt

Stand: 09.09.2020 | Archiv

Berlin, Impression von der Anti-Corona Großdemo, die erneut von der Bewegung "Querdenken 711" aus Stuttgart angemeldet wurde. Nachdem der Berliner Senat die Demonstration verboten hatte, haben das Berliner Verwaltungsgericht und in weiterer Instanz das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg diese Demo genehmigt. Zur Kundgebung wurde unter dem Motto "Sturm auf Berlin" und mit dem Hashtag #Berlin2908 aufgerufen. Gekommen sind erneut Demonstranten aus den unterschiedlichsten Lagern, die meisten ohne Mund- / Nasenschutz unterwegs waren. Dabei auch wieder Rechte, Reichsbürger, Impfgegner und andere Interessengruppen. | Bild: picture alliance/SULUPRESS.DE

Allgemein herrscht einige Überraschung darüber, dass auf den Demonstrationen Reichsflaggen aber auch Pluderhosen zu sehen sind. Denn normalerweise würde man diese als Insignien völlig unterschiedlicher Interessensgruppen verstehen. Marius Hellwig arbeitet für die Amadeu Antonio Stiftung und beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit den Themen völkischer Rechtsextremismus und völkische Esoterik.

Herr Hellwig, hat es Sie überrascht, dass auf den Demonstrationen so verschiedene Symbole zu sehen waren?

Marius Hellwig: Aus meiner Perspektive muss ich sagen, mich hat nicht überrascht, dass bei den Demos sowohl Menschen, die esoterisch auftreten als auch Rechtsextreme unterwegs waren. Weil ich diese Überschneidung zum einem historisch kenne und zum anderen auch weiß, dass es gerade in den letzten Jahren in der esoterischen Szene zu einem Anstieg von rassistischen Gedanken, antisemitischen Gedanken und von rechtsextremen Einflüssen gekommen ist und sich das in den letzten Monaten während der Corona-Krise noch einmal zugespitzt hat.

In gewisser Weise fußt diese Überraschung auf einem Kategorienfehler. Wenn wir uns die rechtsextreme Szene anschauen, geht es natürlich um eine politische Sicht auf die Welt. Und Esoterik ist in dem Sinne ja keine politische Einstellung, deswegen schließt sich das auch nicht gegenseitig aus. Esoterik ist eigentlich eher eine spirituelle Suche nach dem Sinn im Leben. Und rechte Esoteriker und esoterische Rechtsextreme hat es schon immer gegeben.

Könnten Sie ein Beispiel aus der Vergangenheit nennen?

Esoterik ist ein nicht so ganz eindeutig bestimmter Begriff. Aber wenn wir uns die Geschichte der modernen Esoterik im Westen anschauen, dann taucht der Name Helena Blavatsky auf. Das ist eine Russin gewesen, die den Ursprung der Theosophie gelegt hat, woraus später Rudolf Steiner die Anthroposophie entwickelt hat.

In dieser Theosophie - also auch in der Anthroposophie - sind schon Gedanken erkennbar, dass gewisse Völker auf einer anderen Entwicklungsstufe stehen als andere, und dass die Arier diese höchste Stufe der Erkenntnis erlangt hätten und deshalb anderen Völkern in spiritueller Hinsicht überlegen gewesen sein sollen. Was auf ein rassenideologisches Denken hinweist, das in der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg im Deutschen Reich und in der Weimarer Republik große Bedeutung hatte. Das sind esoterische Gedanken. Und da geht es darum, die sogenannte Rasse rein zu halten. Was bedeutet, keine Juden dürften Teil des Volkes sein.

Von dieser völkischen Esoterik wurden viele Nationalsozialisten beeinflusst. Wenn wir uns Heinrich Himmler anschauen oder auch Alfred Rosenberg, die im Nationalsozialismus wichtige Positionen eingenahmen, sehen wir, dass sie eine sehr esoterische Weltsicht hatten.

Man kann sagen, dass es im Nationalsozialismus eine völkische Strömung gegeben hat, die sehr nahe an esoterischen Gedanken war und die allerdings im Nationalsozialismus auf Dauer eher an Bedeutung verloren hat. Daraus resultiert, dass wir heute esoterische Gedanken nicht mit dem rechten Spektrum in Verbindung bringen, weil sie zu dem quasi harten Bild des faschistischen Nationalsozialismus nicht passen. Aber man kann sagen, dass der Nationalsozialismus in seiner Historizität schon unterschiedlich war und es da so einen sehr starken völkischen und naturspirituellen Teil gegeben hat.

Für mich haben solche Zusammenschlüsse auf Demonstrationen eine gewisse Brisanz. Sind sie gefährlich oder machen wir sie nur gefährlich, weil wir uns verwundert fragen: Was ist da los?

Der Kerngedanke dieser Bewegung und diese Anziehungskraft, all das sind schon Probleme, die wir ernst nehmen müssen.

Der Satz "unter vielen friedlichen Demonstranten gab es auch einzelne Rechtsextreme" verdeutlicht, dass wir versuchen, gewisse politische Ideologien auszugrenzen. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass diese Leute tatsächlich auf die Straße gegangen sind, weil sie eine Corona-Diktatur befürchten. Dass sie es für ihre Freiheit halten, keine Masken zu tragen. Das ist so unvorstellbar, dass wir versuchen, eine Erklärung zu finden und da konzentrieren wir uns auf die rechtsextremen Personen, die dabei anwesend sind.

Aber natürlich ist es gefährlich. Es ist immer gefährlich, wenn eindeutig rechtsextreme Ideologien in Kontexten anderer Bewegungen Einzug halten. Rechtsextreme in der Ökobewegung beispielsweise ist ein ähnliches Phänomen. Das überrascht erstmal. Das versteht man gar nicht. Und das ist genau das Problem, dass natürlich über solche Zusammenschlüsse dann rechtsextremes Gedankengut in gewisser Weise normalisiert wird.

Was ist denn die moderne Esoterik?

Die moderne Esoterik ist tatsächlich wahnsinnig vielfältig und wird vor allem dadurch geprägt, dass sie für jede Person etwas anzubieten hat. Also eigentlich ist die moderne Esoterik, so wie sie sich jetzt darstellt, ein sehr reichhaltiges Angebot aus Versatzstücken von verschiedenen spirituellen Bewegungen. Sei es Kabbala, seien es buddhistische Gedanken, auch naturreligiöse Gedanken - all das sehr leicht konsumierbar, wie irgendwelche Arten von Heilsteinen oder auch das Horoskop. Quasi: "Ich hab ein Problem oder ich habe eine Frage, und eigentlich möchte ich möglichst schnell eine Antwort darauf haben." Genau das liefert mir eine esoterische Welterklärung.

Darüber hinaus frage ich mich aber manchmal, ob auf diesen Demos wirklich alle von derselben Freiheit sprechen.

Das machen sie ganz eindeutig nicht, würde ich sagen. Und das ist aber genau die Stärke eigentlich von diesen Demonstrationen. Dort werden Begriffe benutzt, die möglichst groß sind. Die zum einen mit unglaublich vielen Narrativen oder auch mit Gefühlen aufgeladen sind. Und gleichzeitig könnten sich alle eigentlich gar nicht auf konkrete Punkte einigen, die sie mit diesen Begriffen verbinden. Das ist eine Masse, die man so hin und her schieben kann.

Und deshalb funktioniert das eben so gut, dass sich so viele Leute einfach hinter einem Begriff wie "Freiheit" versammeln und da zusammenfinden. Man muss gar nicht ausbuchstabieren: Was bedeutet denn jetzt eigentlich für dich Freiheit? Sondern man marschiert da nebeneinander und hat das Gefühl, im Großen und Ganzen sind wir uns ja einig. Aber genau dazu kommt es eben eigentlich gar nicht, zu dieser konkreten Idee: Worum geht es eigentlich gerade?

Ist das auch so ein bisschen Medienproblem? Als ich meine Fragen vorbereitet habe, ist mir aufgefallen: So eine Frage würde ich bei ganz vielen anderen Demos gar nicht stellen. Man kann auf Demonstrationen sehr oft ein Ziel haben, bei dem man sich über die Ausführung gar nicht einig ist. Das wird aber sonst eher nicht hinterfragt.

Ja, tatsächlich empfinde ich das auch als einen wichtigen Punkt: diese Betonung - "das ist eine sehr heterogene Masse" -, als könnten wir uns nicht eingestehen, dass so viele Leute für diese Themen auf die Straße gehen. Und ich habe auch so ein bisschen an die Pegida-Demonstrationen gedacht. Wo auch in erster Linie gesagt wird: "Das sind besorgte Bürger, und darunter sind einzelne Rechtsextreme". Ich finde es eigentlich noch viel schlimmer, je größer die Menge der Leute ist, die nicht eindeutig rechtsextrem sind und überhaupt kein Problem damit zu haben scheinen, dass da jetzt Reichsflaggen mit auf der Demonstration auftauchen und da augenscheinlich eben keine größeren Interventionen kommen.

Es wird aktuell auch öfter auf Stuttgart21 hingewiesen, als Nährboden für wehrhafte Demonstrationen. Folgen Sie dem Gedanken?

Ich habe das mitbekommen, dass es so ein Narrativ gibt. Ich würde sagen, diese Wahrnehmung, dass es eine Bewegung ist, die eine starke Verankerung in Baden-Württemberg hat, hängt vor allem damit zusammen, dass die ersten Demonstrationen in Stuttgart stattgefunden haben und sich dort diese Bewegung in gewisser Weise formiert hat. Man war da schon einige Schritte weiter gewesen und konnte deshalb eben auch gut für Berlin mobilisieren.

Zu den Verbindungen zu Stuttgart21 habe ich noch keine wirklichen Argumente gehört, die mich nachhaltig überzeugen. Natürlich war das auch eine Protestbewegung, aber die Hochphase dieser dieser Demonstration In Stuttgart liegt jetzt auch schon einige Jahre zurück. Mit meinem jetzigen Kenntnisstand würde ich da auf die Vorgeschichte von Stuttgart21 nicht allzu viel Wert legen. Ich glaube, da war aus einer deutschlandweiten Perspektive so etwas wie Pegida ein wichtigeres Phänomen. Eben diese Möglichkeit zu einer Thematik deutschlandweit zu mobilisieren und auch mehr oder weniger über politische Lager hinweg - beziehungsweise mit der Akzeptanz von rechten Kräften - zu mobilisieren.