Angriff auf ukrainisches Atomkraftwerk Stehen wir vor einem zweiten Tschernobyl?

Das ukrainische AKW "Saporischschja" wurde zum wiederholten Male beschossen. Diesmal werfen sich die Kriegsparteien gegenseitig vor, damit eine Atomkatastrophe auszulösen.

Author: Martin Zeyn

Published at: 4-3-2022

04.03.2022, Ukraine, Enerhodar: Dieses Bild aus einem vom Kernkraftwerk Saporischschja veröffentlichten Video zeigt ein helles, aufflackerndes Objekt, das am Freitag, den 4. März 2022, auf dem Gelände des Kernkraftwerks in Enerhodar in der Ukraine landet. Russische Streitkräfte beschossen am frühen Freitag Europas größtes Kernkraftwerk und entfachten ein Feuer, als sie ihren Angriff auf eine wichtige energieerzeugende ukrainische Stadt fortsetzten und bei ihrem Versuch, das Land vom Meer abzuschneiden, an Boden gewannen. | Bild: Uncredited/Kernkraftwerk Saporischschja via AP/dpa

Ein Flashback: Als ich im Radio die Nachricht hörte, ein ukrainisches Atomkraftwerk würde unter Beschuss liegen, da stand mir urplötzlich eine Diskussion aus den 80ern vor Augen. Mit zwei Ingenieuren aus meinem Dorf, beide Befürworter der Technik, diskutierte ich hart über die Sicherheit von Kernkraftwerken. Eines meiner Argumente war: Was, wenn ein Flugzeug auf sie stürzt, was ist, wenn es einen Krieg gibt? 

Damals versicherten mir die beiden, der Betonmantel würde alles abhalten. Die Diskussion fand vor Tschernobyl statt. Seither wissen wir, sowjetische Atomkraftwerke haben keine solche Ummantelung. In der Serie "Tschernobyl" wird der einfache Grund genannt: um Geld zu sparen. Das AKW "Saporischschja" (ukranisch "Запорізька АЕС", Saporiska AKW) wurde 1985 eingeweiht. Im März brannte es nach einem Beschuss, russische Medien behaupteten, dies sei das Werk von ukrainischen Saboteuren. Die ukrainische Seite wiederum berichtete, die Russen hätten keine Feuerwehrleute durchgelassen. Sehr wahrscheinlich klingt es allerdings nicht, dass Ukrainer ihr Land, 35 Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, absichtlich zu verstrahlen versuchen. Jetzt liegt es wieder unter Beschuss, wofür keine Kriegspartei verantwortlich sein will. Wie kam es zum Beschuss? Wer hat ihn angeordnet? Wurde hier sehenden Auges die Gefahr eines zweiten Tschernobyls eingegangen?  

Nur ungenaue Karten in der Sowjetunion 

Oder wussten/wissen die Truppen gar nicht, was vor ihnen stand? In der Sowjetunion gab es kein genaues Kartenmaterial zu kaufen. Der Grund? Die Rote Armee hatte festgestellt, dass die Wehrmacht sich mit den erbeuteten Karten orientiert hatte. Das sollte nie wieder passieren. Vielleicht war es aber auch ein Nachklapp stalinistischer Paranoia. Jede Information könnte dem Feind nutzen. Also auch den eigenen Leuten keine zur Verfügung stellen, damit sie nichts verraten können? Agieren die russischen Machthaber auch heute noch so? Haben sie, um zu verhindern, dass ihr Plan bekannt würde, die Truppen ohne Karten in die Ukraine geschickt? 

 Eskalation des Krieges

Oder erleben wir gerade nur etwas Erwartbares? Die Brutalisierung des Kriegs, je länger er andauert. Auf zwei Ebenen findet die statt. 1) Truppen, die tagelang in Gefechte verwickelt sind und nicht mit frischen ausgetauscht werden, sind übermüdet, ausgemergelt und aggressiv. Sie machen deswegen Fehler. Beziehungsweise sie vergessen, was Rücksichtnahme, was Umsicht bedeutet. Sie sehen überall nur den Feind. Und jeder Schuss, jede Granate trifft folglich den Feind, egal welches Ziel er trifft, ob Wohnhäuser, Supermärkte oder Atomkraftwerke. 2) Putin führt den Krieg immer erbitterter, weil sein Lügengebäude zusammenbricht. Gestern musste er selbst eigene Verluste einräumen. Der Traum, als Befreier aller Russen gefeiert zu werden, ist zerplatzt. Jetzt geht es für ihn nur noch darum, möglichst schnell Siegesmeldungen liefern zu kommen.  

Die Wolke von Tschernobyl zog damals über Belarus nach Skandinavien bis nach Bayern. Wird sich das wiederholen? Wir haben nicht nur einen Krieg im Osten Europas. Wir haben auch einen Angreifer, dem die Verstrahlung der Welt gleichgültig zu sein scheint. Dieser Krieg wird nicht erst schmutzig, er ist es schon.