Nachnutzung von Architektur Die Nachkriegsmoderne ist wandlungsfähig

Viele Nachkriegsbauten stehen auf der Abrissliste – oder sind schon abgerissen, wie der Münchner Hauptbahnhof. Besser wäre es, den Bestand umzubauen für eine neue Nutzung. Wir zeigen Beispiele, wo es funktioniert.

Von: Astrid Mayerle

Stand: 05.10.2021

Das ehemalige Quelle Versandhaus in Nürnberg
Maxburg in MÜnchen | Bild: BR

Schwindelerregend elegante Treppenhäuser. Wendeltreppen, die großzügige Ellipsen zeichnen. Begehbare Arabesken. Aber es gibt auch ein funktionales Motiv für die raumgreifenden Eingänge in den Gebäuden der Nachkriegsmoderne, der 50er und 60er Jahre. Hier bekommt der Übergang zwischen Draußen und Drinnen einen eigenen Raum oder anders: einen gebauten Rhythmus. Ankommen, durchatmen, staunen. "In den 50er Jahren hat man natürlich anders gebaut. Man wollte sich bewusst von der Zeit des Nationalsozialismus mit seinem Monumentalismus absetzen, hat sehr fein, sehr reduziert vor allem und sehr offen gebaut, sagt Mathias Pfeil. Der Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege führt auch gleich "eines der schönsten Beispiele" für diese Bauweise an: die Neue Maxburg, in der jetzt das Münchner Amtsgericht ist. "Wenn Sie da durch die Treppenhäuser gehen, durch die öffentlichen Räume, außen mit den Höfen, aber auch die Verkehrsflächen. Die sind gestaltet als Aufenthaltsräume. Niemand würde heute mehr ein Amtsgericht bauen, das so grandiose Treppenhäuser hat - weil man sichs nicht leisten kann."

Im Hintergrund rechts, die Maxburg

Die Neue Maxburg am Münchner Lenbachplatz gehört wie andere Bauten von Sep Ruf zu den jenen Gebäuden, die Maßstäbe gesetzt haben. Unantastbar, auf Augenhöhe mit den internationalen Bau-Ikonen der damaligen Zeit. Doch viele Gebäude, die nicht in dieser ganz oberen Liga spielen, werden in Deutschland oft erstaunlich schnell entsorgt. Bekannte Münchner Beispiele: in den letzten Monaten wurde der Hauptbahnhof platt gemacht, vor wenigen Jahren der Verwaltungsbau des Lichtherstellers Osram. Nur mehr fünf Jahre Zwischennutzung hat man dem Gesundheitshaus bis zu dessen Abbruch gewährt und das Arabella-Hochhaus soll spätestens 2030 in die Knie gehen. Nur wenige Beispiele aus einer langen Liste. Von all den scheinbar unscheinbaren Eigenheimen, die bereits in den letzten Jahrzehnten schnell mal durch Neubauten ersetzt wurden, ganz zu schweigen.

Münchner Hauptbahnhof - vor dem Abriss

Der Architekt Muck Petzet, ausgewiesener Experte für das Bauen im Bestand, also für Konzepte, die vorhandene Architektur klug mit den Anforderungen der Gegenwart erweitern, denkt über die Gründe für die Entwicklung nach. Das ist ein Prozess, der damit zu tun hat, dass sich die letzten zwei Generationen gar nicht damit identifizieren können mit einer Zeit, die sehr mit Not, Ärmlichkeit, sehr einfachen Lösungen verbunden wird. "Wo wir ein wunderschönes Treppenhaus sehen mit Betonsteinstufen und wunderbar gefügten Rundstellen, sehen andere ein armseliges Arme-Leute-Treppenhaus. Und das ist eine Frage der Wahrnehmung", sagt Petzet.

Heute sind größere Dimensionen gewollt

Viele Diskussionen über das Bauen im Bestand beginnen für Muck Petzet als ein Prozess mit offenem Ausgang - manchmal kann das Resultat eine Wahrnehmungsveränderung bei seinen Bauherren sein. "Ich hab grad wieder so ein Objekt angeschaut, die Besitzer sind Künstler, eigentlich ästhetisch gebildet, selbst die zweifeln, sagen, oh das ist ganz schön in die Jahre gekommen, hat das wirklich Qualität? Und das ist ein Gebäude mit wunderschönen räumlichen Zusammenhängen, tollen Materialien, wunderbaren Details, Durchdachtheit."

Allerdings: nur 130 Quadratmeter. Die Besitzer hätten gerne mehr, ein größeres Wohnzimmer, ein größeres Schlafzimmer, eine größere Küche. Kurz: neue Dimensionen. Was einer klar ablesbaren Entwicklung entspricht: in den 60er Jahren standen einer Person durchschnittlich gut 20 Quadratmeter Wohnraum zur Verfügung – heute sind es etwa 48 Quadratmeter in den alten, 44 Quadratmeter in den neuen Bundesländern. Die Energieeinsparungen durch bessere Baumaterialien gehen sofort wieder durch höheren Flächenverbrauch pro Person verloren.

Geringere Pro-Kopf-Flächen energiesparend

Daher, so Petzet, wären diese Häuser eigentlich das, was man bauen müsste. "Prinzipiell stellen wir immer wieder fest, dass die Grundrisse aus dieser Zeit 50er, frühe 60er Jahre oft hervorragend waren". Und zwar gerade unter einem Aspekt, der in den letzten Jahren immer stärker zum Tragen kommt: das Leben auf freiwillig beschränktem Raum. Petzet fragt: "Kann man nicht doch mit nem Schlafzimmer leben, das 12 Quadratmeter ist, weil es macht auch Sinn, denn ich bin ganz selten in diesem Zimmer. Und kann mir das schön einrichten, weil diese Grundrisse hervorragend sind, gute Proportionen, hervorragende Belichtung. Das hat ne andere Qualität. Ich würde erst mal versuchen zu überzeugen, dass man nicht automatisch mehr Quadratmeter braucht um mehr Qualität zu erreichen."

Das Ex-Versandhaus, eine Stadt in der Stadt

Wahrnehmungsveränderungen sind möglich. Sogar auf breiter gesellschaftlicher und politscher Ebene. Das beweist ein ganz anderes Beispiel: das ehemalige Quelle-Versandgebäude in Nürnberg, die nach dem Berliner Flughafen Tempelhof zweitgrößte leerstehende Immobilie in Deutschland. Entworfen von Ernst Neufert, gebaut zwischen 1953 und 1969. Zunächst galt das Quelle-Gebäude als toter, in der Stadt gestrandeter Konzernwal, den man schnellstmöglich entsorgen wollte. Dann erhob das Landesdenkmalamt Einspruch und schließlich fanden sich sogar ein Investor und ein Architektenteam, die die ehemalige Quelle-Versandmaschine fit machen werden für die Gegenwart.

Ein erratischer geschlossener rechteckiger Block. 250 000 Quadratmeter Gesamtfläche. Das Architekturbüro kister scheithauer gross erkennt in der vorhandenen Struktur eine Stadt in der Stadt. Sein Entwurf sieht vor, den ehemals abgeriegelten Block zu öffnen, Wege einzuziehen, und Aufenthaltsflächen zu schaffen. Es werden Wohnungen mit flexibler Nutzung geplant, für Studenten ebenso wie für Familien. Natürlich Büroräume und alles, was eine kleine Stadt in der Stadt benötigt. Eine Besonderheit des Baus erkennt der Architekt Johannes Kister in der hohen Brüstung: "Dass man durch die Fenster die Waren sah, die an Schienen durch das Gebäude gewandert sind. Das war auch das Besondere dieses Versandhauskonzeptes, das neu war, dass man nicht mit Kartons durch die Firma lief, sondern dass die einzelnen Kartons auf Schienen sortiert durch das Gebäude liefen. Das zeigt die Architektur".

Bei Verwandlung die Gebäudegeschichte erhalten

Es geht um einen Balanceakt. Einerseits stehen verschiedene Elemente unter Denkmalschutz: die Fassade, ein ehemaliger Versammlungsraum und die Treppenhäuser. Der Charakter der Industriearchitektur soll unbedingt erhalten werden. Andererseits sind völlig neue Raumaufteilungen nötig und vor allem auch völlig neue Anforderungen an Isolierung, Schallschutz und jede Menge neuer Baunormen. Die heutigen Normen, vor allem für Isolierung und Schallschutz, bedeuten für viele Bauten der 50er und 60er Jahre das Aus - den Abriss. Manche Bauten werden in einer Weise zukunftstauglich gemacht, dass wenig von ihrer ursprünglichen Substanz erkennbar ist. Beim Quelle-Gebäude in Nürnberg soll es immerhin möglich sein, den Charakter der Fassade weitgehend zu erhalten.

Für den Denkmalschutz ist, so Mathias Pfeil, die Wiedererkennbarkeit ganz wichtig bei der Transformierung eines Gebäudes "Das hat dann geklappt, wenn man in der Lage war, für die neue Nutzung neue Räume zu finden und dann noch zu erkennen, was es gewesen ist". Denn darum geht es bei einem Objekt dieser Art, ihm trotz aller Verwandlung seine Geschichte zu lassen. Das ist die große Chance gegenüber den oftmals monotonen ja geradezu faden Neubauten: den Bewohnern ein besonderes Lebensgefühl zu ermöglichen.

Nachkriegsbauten Energeischleudern?

Als der Münchner Architekt Muck Petzet 2012 den deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale Venedig kuratierte, stellte er ihn unter das Motto #reuse reduce recycle. Anhand von völlig unterschiedlichen Bauten – vom Studentenwohnheim bis zur Kirche –, stellte er etwa ein Dutzend Konzepte vor, wie vorhandene Architektur modernisiert und weiterentwickelt werden können. Muck Petzet ist ein ausgesprochener Befürworter der Idee, die Stärken vorhandener Bauten zu erkennen und diese mit den Anforderungen der Gegenwart zu verbinden. Auch lässt er das Argument, viele der Nachkriegsbauten seien Energieschleudern und allein deswegen dem Abbruch geweiht, nicht gelten. "Weil es generell ein falscher Ansatz ist: Ein Gebäude aus energetischen Gründen abzubrechen, bedeutet nämlich, dass man, dass man einen Ersatzneubau macht. Ersatzneubauten sind energetisch völliger Irrsinn, weil wenn ich mich einfach entscheide zu einem bestimmten Zeitpunkt, ich zerstöre dieses Gebäude, ist das so, wie wenn man einen Urwaldriesen im Amazonas, der vielleicht 300 Jahre alt ist, umsägt und den verbrennt. Man kann sagen, der Baum ist vielleicht ein bisschen krank und müsste gesünder sein und so ist das mit den Gebäuden."

Ein solcher Urwaldriese steht in der Münchner Maxvorstadt: das ehemalige Gesundheitshaus, erbaut 1964. 14.000 Quadratmeter Fläche. Für die nächsten fünf Jahre zur Zwischennutzung  Künstlerinnen und Künstlern überlassen. Dann soll es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Ein unterschätzter Bau: Er schenkt seinen Besuchern genau das, was vielen neuen öffentlichen Gebäuden und Behörden fehlt: eine ganz klare, intuitive Orientierungsmöglichkeit. Muck Petzt kämpft seit über 10 Jahren für den Erhalt des Gesundheitshauses. "Um unsere Berechnung wederzugeben. Wir können zeigen, wenn man nur 25 Jahre betrachtet, man wesentlich weniger CO2 in die Atmosphäre setzt, wenn man das Gebäude moderat modernisiert, mit ganz einfachen Mitteln. Auch die Energie, die es bedarf, das zu modernisieren, haben wir einkalkuliert - auch dafür gibt es Werte in dieser Norm. Man kann genau zeigen, dass es sich lohnt, es zu modernisieren und es gesamt - auf den CO2 Ausstoß betrachtet, es erheblich besser ist, als es neu zu bauen."

Energetisch nachrüsten und die vorhandenen Räume für eine neue Studentengeneration attraktiv machen: Das war die doppelte Herausforderung bei der Modernisierung der Atriumhäuser aus den frühen 60er-Jahren in der Studentenstadt Freimann. Ein Experiment mit besonderen Komponenten: "Die Atriumhäuser in der Studentenstadt von Ernst Maria Lang, das sind sehr schöne Beispiele einer Architektur, eben auch typisch der Nachkriegsmoderne, sehr stark beeinflusst von Mies van der Rohe, sehr horizontal von den Proportionen, in eine Parklandschaft integriert, grenzt ja unmittelbar an den Englischen Garten, wie Pavillons, die in einem Park stehen", sagt Petzet. "Eine grandiose, fast luxuriöse Situation für Studenten, die wie in einem Pavillon in einem Park wohnen, in einem grandiosen Park".

Studentenstadt Freimann

Die Besonderheit der Häuser: ihre Innenhöfe. Allerdings hatten die Studenten diese im Lauf der Zeit zu Fahrradparkplätzen und Abstellflächen umfunktioniert. Muck Petzet erkannte genau in diesen verwilderten Flächen eine Chance, den Häusern einen völlig neuen Kern zu verleihen. "Das sind zweigeschossige Atrien gewesen. Wir haben das übersteigert, indem wir eine Art Laterne aufgesetzt haben, so dass die Räume jetzt dreigeschossig sind. Jetzt nicht mehr Freiräume sind, aber Gemeinschaftsräume, wo sich alle 20 Bewohner auch in einer Küche treffen können. Das hat dazu geführt, dass hier jetzt die tollsten Parties stattfinden, weil diese Anlagen haben jetzt einen Mittelpunkt."

Für viele Bauten der Nachkriegszeit gilt: Was auf den ersten Blick in die Jahre gekommen, schäbig oder nutzlos erscheint, offenbart auf den zweiten Blick oft völlig neue Möglichkeiten: Experimente mit Raum, neuen Strukturen und Materialien.

Der Beitrag über die Nachkriegsmoderne von Astrid Meyerle läuft im Kulturjournal, das Sie hier hören und abonieren können.