Pandemie in Serie So wirkt sich Corona auf Serien aus

Die Corona-Pandemie ist in den Medien allgegenwärtig – in Nachrichten, Sondersendungen und Talkshows. In den meisten deutschen Serien herrscht aber weiter eine heile prä-pandemische Realität – zumindest oberflächlich betrachtet.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 11.04.2021 00:01 Uhr | Archiv

Eine Szene aus der Serie "Greys Anatomy" in der 17. Staffel, während der Corona-Pandemie | Bild: © ABC Network

In Hollywood wie in Deutschland: Im Frühling 2020 legten Filmschaffende auf der ganzen Welt eine Zwangspause ein. Serien- und Filmproduktionen wurden abgebrochen oder auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

Nach der Drehpause im Sommer war in den USA schnell klar, dass die Pandemie zumindest eine Komparsenrolle in großen Prime-Time-Serien, wie "The Good Doctor", "Law & Order" oder "Grey's Anatomy" erhält. Sehr viel größere Produktionsbudgets ermöglichen diese spontane Planänderungen in der deutlich vielfältigeren Serienlandschaft der USA. Die Pandemie-Realität und die Serienfiktion zusammenzubringen, gelingt mal mehr, mal weniger gut. Die Ermittelnden in der Krimiserie "Law & Order" tragen zwar auf der Straße Masken, legen diese aber ausgerechnet in der Verhörsituation ab – damit das Publikum die Gesichter der Darsteller in emotionalen Momenten sehen kann. Die Krankenhausserie "The Good Doctor" wagt einen Sprung in die Zeit nach der Pandemie, von der niemand weiß, wie sie aussehen wird. Wie aber sollten Drehbuchautoren und Autorinnen viele Monate vor Ausstrahlung abschätzen, wie die Welt unter Corona in einem Jahr aussieht – wenn es Forschende und Regierende nicht wissen?

Die Regeln der Pandemie

Noch ist Nähe möglich: die aktuell ausgestrahlten Folgen der ZDF-Krankenhausserie "Betty Diagnose" wurden vor der Pandemie gedreht.

Das macht die Pandemie auch aus dramaturgischer Sicht zu einem kaum fassbaren Thema. Die Spielregeln dieser Krise sind noch nicht bekannt, weil wir das Ende der aktuellen Situation noch nicht kennen, eine zeitgleiche Bewertung - unmöglich. Und das ist auch historisch gesehen einzigartig, so der Drehbuchautor und Dramaturg Joachim Friedmann: "Geschichten schreiben das Wie und Warum von Veränderungen. Und die Veränderung ist noch nicht eingetreten. Wir sind noch mitten in der Geschichte von Corona. Ich glaube, wir können Corona erst erzählen, wenn wir wissen, wie es geendet hat. Dann können wir es auch künstlerisch und kreativ neu interpretieren. Als Professor der internationalen Filmschule Köln lehrt Friedmann serielles Erzählen. Aus einer Unsicherheit eine Geschichte zu erzählen, sei immer schwierig. So können Serienfolgen und Erzählstränge, die kurzfristig mitten in der Krisensituation entstehen, schon nach kurzer Zeit überholt und unpassend wirken.

Erzählen braucht eine gewisse Distanz, was auch vor 20 Jahren schon deutlich wurde: Nur drei Wochen nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden diese in der Politserie "The West Wing" thematisiert. Die Folge über einen fiktiven, islamistisch-motivierten Terror-Anschlag gilt heute als einer der Tiefpunkte der Serie: zu didaktisch und reaktionär, eine Momentaufnahme aus einer turbulenten Zeit. Das Risiko durch das Involviertsein im Geschehen besteht auch jetzt – gerade für Krankenhausserien wie "The Good Doctor" und "Grey's Anatomy". In ihnen steht – anders als in den deutschen Krankenhausserien – nicht nur das zwischenmenschliche, sondern auch das medizinische Drama im Mittelpunkt der Handlung – in einer Zeit in der täglich Neues über das Virus und die Covid-Erkrankung bekannt wird. Krista Vernoff, die Showrunnerin der weltweit erfolgreichsten Krankenhausserie "Grey's Anatomy" war zunächst dagegen, die Pandemie zu thematisieren. Sie wollte Eskapismus bieten, erzählt sie in einem Behind The Scenes Video. Das Autorenteam überzeugte sie vom Gegenteil. Die Argumente der Autor*innen: "Es ist die größte medizinische Geschichte unseres Lebens und 'Grey's Anatomy' ist die größte Krankenhausserie. Es wäre eine Schande, es nicht zu tun. Wir schulden es den medizinischen Fachkräften und Ersthelfern diese Geschichten zu erzählen." Vernoff stimmte zu. Die Hauptfigur, die leitende Chirurgin Meredith Grey, erkrankt selbst; das Klinikpersonal ist physisch und emotional überlastet und Patientenleben stehen auf dem Spiel.

Serien-Erzählungen prägen den gesellschaftlichen Diskurs

Die Pandemie schon jetzt in einen fiktionalen Rahmen zu setzen birgt bei allen Risiken auch Chancen: Gerade angesichts von Covid- und Impf-Skepsis, von Falschinformationen in den sozialen Medien, können fiktionale Erzählungen über die Pandemie einen gesellschaftlich relevant haben: Sie schaffen Empathie mit Erstversorgenden und Betroffenen, können dem Publikum geliebte Serienfiguren tröstend zur Seite stellen, die ähnliches durchstehen oder Opfer für die Gesellschaft bringen, die sonst nicht gesehen oder gebührend anerkannt werden. Und sie können mit exemplarischen Handlungen Ängste abbauen und aufklären – wie es in Soaps jetzt schon regelmäßig bei anderen Themen wie häuslicher Gewalt, Einwanderung und Klimaschutz passiert. Auch wissenschaftlich sei belegt, dass gerade Fernsehserien einen extremen Einfluss auf den sozialen und gesellschaftlichen Diskurs haben, so Joachim Friedmann: "Viel mehr als zum Beispiel Nachrichtensendungen oder journalistische Beiträge. Insofern die Verantwortung ist immer da. Die Frage ist wie wird die wahrgenommen?"

Dieser Vorbildfunktion sind sich Serienschaffende in Deutschland zunehmend bewusst – die Realität bahnt sich dann auch durch die Hintertür einen Weg in die Serienwelt: in den sozialen Medien. Dort erfahren Fans, wie die Drehbedingungen unter Corona-Auflagen aussehen, mit welchen Tricks intime Szenen ermöglicht werden und welche Schutzmaßnahmen getroffenen werden.

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Dahoam is Dahoam

Drehen trotz CoronaMaskenpflicht und Abstandsgebot. So drehen wir trotz Corona!Gepostet von Dahoam is Dahoam am Dienstag, 12. Mai 2020

Hinter den Kulissen hat sich auch bei deutschen Serienproduktionen viel verändert. Abgesehen von den blitzschnell produzierten, Instant-Serien "Drinnen" (ZDF), "Liebe. Jetzt" (ZDF) oder "Ausgebremst" (TNT) ist in den meisten Serien von der Krise selbst zwar bisher erstaunlich wenig zu sehen. Das liegt einerseits daran, dass die Drehbücher für aufwändige Serienproduktionen lange vor der Pandemie geschrieben wurden. Aber auch in Vorabendserien, die schneller produziert werden, hat die Pandemie bisher kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Spürbar ist sie trotzdem für Fans, die sich in den sozialen Medien wundern, wenn sich eine Familie zur Begrüßung oder zum Trösten nicht in den Arm nimmt, und sich Liebespaare selten nahe kommen.

In der Daily Soap "Alles was zählt" bei TVNow müssen die Drehfamilien auf Abstand gehen - das erfordern die Hygienemaßnahmen.

So spielt das Virus zwar keine Rolle In der Serienparallelwelt, aber in der Dreh-Realität: Es verhindert die gewohnte Intimität zwischen den Charakteren, die zwar auf dem Bildschirm einem Haushalt angehören – in der Realität aber nicht.  "Familienmitglieder dürften sich in der realen Welt unter 1,50m nähern," erklärt Damian Lott, Producer der RTL-Daily Soap "Alles was zählt": "Sie dürften sich in Arm nehmen, sie dürften sich auch küssen. Unsere Paare vor der Kamera sind keine Familienmitglieder, die haben eigene Familien zuhause." Auf viele wirken diese Szenen unglaubwürdig oder sie vermuten in der mangelnden Intimität Konflikte, die dort gar nicht angelegt sind.

Die Fantasie des Publikums anregen

Die Serienschaffenden sind gezwungen kreativ zu werden, um die Illusion von Harmonie und Innigkeit aufrecht zu erhalten. Um die Corona-Auflagen einzuhalten sind die ältesten Darsteller und Darstellerinnen bei "Dahoam is Dahoam" einfach auf eine metaphorische Reise geschickt und per Video-Call in die Handlung eingebunden worden. Eine Situation, die vielen in der selbstgewählten Isolation bekannt vorkommen wird. Nahe Kameraeinstellungen auf Gesichter, Blicke und Gesten suggerieren Intimität, anderes wird der Fantasie der Betrachtenden überlassen, berichtet Nina Güde, Producerin der ZDF-Krankenhaus-Serie "Bettys Diagnose". Dort wurden die Drehbücher so angepasst, dass Szenen mit viel Körperkontakt wie Begrüßungen oder Untersuchungen nicht mehr gezeigt werden müssen. Die Erzählung steigt einfach nach diesen Szenen in die Handlung ein.

Nach der Drehpause am Set von "Dahoam is Dahoam" im Frühjahr 2021.

Wie in der Realität kann sich dank der strengen Hygieneauflagen auch in der Fiktion niemand mehr in vollen Wirtschafthäusern und Cafés treffen. Diese dramaturgisch wichtigen Knotenpunkte, an denen sich verschiedene Handlungsfäden kreuzen, wurden ersetzt. In "Dahoam is Dahoam" zum Beispiel mit einem Wintergrillen oder zufälligen Begegnungen im Freien, so Head-Autor Joachim Friedmann. Not macht eben erfinderisch.

Ein gekürzter Beitrag aus dem Bayern 2 kulturJournal. Ín voller Länge können Sie ihn im Podcast der Sendung hören.