Neuer Film von Dietrich Brüggemann "Nö": Die komischen Ängste moderner Eltern

Der Regisseur Dietrich Brüggemann ist ein streitbarer Charakter. So initiierte er die plumpe Aktion #allesdichtmachen gegen Coronamaßnahmen. Jetzt gibt es einen neuen Film: eine Tragikomödie über ein Paar, das zu Eltern wird.

Von: Lili Ruge

Stand: 03.10.2021

Alexander Khuon und Anna Brüggemann spielen das Paar Michael und Dina. | Bild: Filmwelt

Dieser Tage wird wieder über Schauspieler und ihre Gedanken zur Pandemiebekämpfung gesprochen. So viel sei vorweggesagt: Bei #allesaufdentisch ist Regisseur Dietrich Brüggemann allem Anschein nach nicht dabei. Sein neuer Film 'Nö" ist auch bereits lange vor der Pandemie abgedreht gewesen. Die Premiere hatte allerdings wegen Corona auf sich warten lassen. Jetzt ist der Film in den Kinos.

Hochzeit oder Trennung?

Zwei Menschen liegen im Bett. Sie flüstern sich Liebesschwüre zu. Es ist ein inniger Moment, bis der Mann einen völlig unromantischen Vorschlag macht: "Wir sollten uns trennen."
Ihre Antwort darauf: "Nö!"

Dina, gespielt von Anna Brüggemann, der Schwester des Regisseurs, die auch am Drehbuch beteiligt war, und Michael, gespielt von Alexander Khuon sind Anfang 30 und seit fünf Jahren ein Paar. Er ist Arzt, sie Schauspielerin. Und sie trennen sich nicht, sondern sie erwarten schon bald ein Kind. Für die beiden bedeutet das, sich vom alten, freien Leben zu verabschieden und ein neues zu beginnen. Ein Leben, in dem es plötzlich darum geht, ob die Strahlung des Smartphones dem ungeborenen Kind schadet. Und in dem Frauenärzte eine echte Autorität darstellen, egal wie selbstherrlich sie sind.

Mal brillant, mal oberflächlich

In fünfzehn Sequenzen zeigt "Nö", wie so ein Leben verlaufen kann: Es kriselt im Beruf, der Vater von Michael verstirbt und nach dem ersten kommt das zweite Kind. Der Film findet dafür eine besondere Form: Statische Tableau-Einstellungen, die ganz ohne Schnitte auskommen. Das macht stellenweise richtig Spaß, denn dadurch werden Details sichtbar, die sonst beim Zuschauen untergehen würden. Wenn Dina und Michael zum Beispiel auf einer Hochzeit eingeladen sind und eine schräge Rede gehalten wird, fühlt es sich fast so an, als sei man Teil der Gesellschaft.

In anderen Szenen holen surreale Elemente das Innenleben der Figuren in beeindruckender Weise auf die Leinwand. Etwa, wenn die junge Mutter mit dem Neugeborenen im Arm zum ersten Mal das Krankenhaus verlässt und plötzlich durch ein Kriegsgebiet läuft. Leider hält der Film diese Intensität nicht über die gesamte Länge. Im Gegenteil: Die Charaktere in "Nö" bleiben erstaunlich oberflächlich – und dem Zuschauer bis ans Ende seltsam fremd.

Das ewige Kreisen um sich selbst

Wie schon Brüggemanns Beziehungskomödie "3 Zimmer/Küche/Bad" will auch "Nö" eine Art Porträt der Generation "Millennial" sein. Also der Kohorte, der zwischen den 80ern und Ende der 90er Geborenen. Außer den üblichen Klischees, diese Generation sei beziehungsunfähig und strebe hedonistisch nach Selbstverwirklichung, erfährt man aber nichts Neues. Nach knapp 120 Minuten Film und neun Jahren erzählter Zeit finden sich Dina und Michael beinahe genau dort wieder, wo sie am Anfang standen. Sie haben zwar zwei Kinder, überlegen aber immer noch, sich zu trennen.

Sind junge Eltern von heute wirklich so? Wenn man die aktuellen Debatten um Elternschaft betrachtet, kreisen diese Millennials gar nicht mehr so sehr um sich selbst, wie der Film suggeriert. Sie haben ganz andere Probleme: Wie lassen sich feste  Rollenerwartungen an Mütter und Väter aufbrechen? Was ist wirklich gute Erziehung? Soll das Kind in eine möglicherweise kaputtgesparte Kita gehen – und wenn ja, kriegt es dann einen Platz? Sicherlich steckt auch in diesen Fragen komödiantisches Potenzial. "Nö" ist leider nicht der Film, der es schafft, das auszuschöpfen.

Die Filmbesprechung zu "Nö" von Lili Ruge ist in der kulturWelt gelaufen, die Sie hier nachhören und abonnieren können.