10 Debatten Hier hätten wir uns eine offenere Diskussion gewünscht

Neulich haben 150 Autor*innen das Ende von Debattenzensur und "Cancel Culture" gefordert. Wir fragen: Worüber hätten wir in den letzten Monaten wirklich gerne offener diskutiert? Vielleicht setzen wir ja alle gemeinsam nochmal an.

Stand: 14.07.2020 | Archiv

BYE BYE BIRDIE - mit Dick Van Dyke, Maureen Stapleton, Paul Lynde, Bryan Russell, von 1963. Vier Menschen streiten sich in einer Küche, ein Paar streitet am meisten und hält zwei Nebenstehenden den Mund zu | Bild: picture alliance/Everett Collection

(1) Die taz, Hengameh Yaghoobifarah und die Polizei

Wäre es nicht besser gewesen, wenn wir darüber diskutiert hätten, wer genau hier wen kritisiert. Ohne wie der Innenminister gleich mit einer Klage zu drohen – dafür mit einem respektvollerem Umgang miteinander. Damit das Lagerdenken aufhört und wir uns nicht mehr in die Lager von "Polizei ist Gewalt" oder "Was darf Satire?" aufteilen.  

(2) "Frauenwelten" von Joko und Klaas

Während einige laut jubelten, weil zur Prime Time darauf aufmerksam gemacht wurde, mit was für erschreckenden Kommentaren Frauen konfrontiert werden, waren andere direkt erbost: Zu weiß, zu cis-weiblich – und obendrauf braucht es auch noch zwei Männer, um medienwirksam auf die Probleme von Frauen hinzuweisen. 

(3) J.K. Rowling und ihre Definition von "Frau"

In der wichtigen Diskussion mit cis, trans, identifizieren als und nonbinär wurde vor allem vergessen, alle mitzunehmen, d.h. auch jene Menschen, für die die Frage nach geschlechtlicher Identität nicht zentral ist. Diese Begriffe und Abkürzungen sind für einige von uns Alltag, für andere nicht - und es wäre sehr wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben und uns nicht gegenseitig vorwerfen würden, uns durch Begriffe auszusperren. 

(4) Trennung von Werk und Schöpfer*in

Wie muss man zwischen Werk und Autor*in trennen? Darf man noch Michael Jackson hören, House of Cards kucken, Bilder von Gauguin bewundern? 

(5) Der Anschlag in Hanau

Gab es hier überhaupt eine aufarbeitende Diskussion neben Karneval und Corona, war sie zu schwierig, um sie überhaupt zu führen? 

(6) Kulturelle Aneignung

Chinesenfasching, Shirin David ein Paradebeispiel kultureller Aneignung? Können wir selbst auf das Indianerkostüm verzichten, weil wir es genauso scheiße finden, wenn die bayerische Tracht bei der Wiesn zur kommerzialisierten Massenverkleidung verkommt?  

(7) Und wenn (6) doch als Kompliment gemeint ist?

Können wir gleichzeitig Willy Michl den Isarindianer sein lassen, als der er sich für ein Leben in Frieden, Freiheit, Harmonie und Respekt gegenüber der Erde und allen Wesen einsetzt? Wo fängt die kulturelle Aneignung an und wo hören Inspiration, Zitat, Vorbild und Fantum auf?

(8) Die Gäste bei Maischberger zu ihrem Themenabend über rassistische Gewalt

Nicht, weil die Zusammensetzung divers genug gewesen wäre. Sondern weil nicht daraus gelernt wurde. Offen diskutieren heißt auch weiterhin im Dialog zu bleiben. 

 (9) Die Frauenquote

Die Diskussion ist so alt, dass sie deshalb vielleicht nicht mehr wirklich geführt wird.  

(10) Denkmäler

Sind oft harmlos, manchmal aber pure, ja brutale Herrschaftsgeschichte. Und da sitzt einer oben und alle anderen haben zu spuren. Und ja, wir alle haben in der Schule gelernt, dass Europa der Nabel der Welt ist und die Weißen das Erdenrund jahrhuntertelang beherrscht haben. Aber war das die Wahrheit? Oder ein Narrativ, das uns weismachen sollte, wir sind die Größten? Und vielleicht würden wir anderen Menschen, anderen Völkern mit mehr Respekt begegnen, wenn wir das ein oder andere Denkmal einfach abreißen würden. Und dafür andere aufstellen: zum Beispiel eines für Anton Wilhelm Amo, der als erster Afrikaner 1729 seinen Doktor in Philosophie machte.