Glosse von Knut Cordsen Die Heilige Corona – und ihr passendes Merchandise

Wir sollen sammeln. Denn für einige Museen sind Objekte aus der Corona-Zeit schon jetzt begehrte Ware. Wie könnte so eine Ausstellung aussehen?

Von: Knut Cordsen

Stand: 13.05.2020

Hygiene Demo Corona - eine Zeitschrift mit Geld daraif liegend | Bild: picture alliance/ZUMA Press

Der 14. Mai ist der Tag der Heiligen Corona: die Patronin des Geldes, der Fleischer und Schatzgräber. Heute heißt so eine Pandemie. Schon rufen Museen dazu auf, Objekte aus der Corona-Zeit zu sammeln. Wie könnte so eine Ausstellung aussehen?

Dada-Wettlauf des Sammelns

Das Motto dieser in Rekord-Zeit zusammengestellten Ausstellung im Deutschen Hygiene Museum könnte besser nicht gewählt sein: "Letzte Lockerung" - das vor genau 100 Jahren publizierte Dada-Manifest von Walter Serner liefert den Titel der Dresdner Schau. Mithin jenes zart konfuse Büchlein, in dem schon 1920 von "Überwut" und "Seifendreck" die Rede ist, davon, dass man "inkurabel wahnsinnig" geworden sei und "auch das idiotischeste [sic] Geplärr eine Möglichkeit" sei. "Weltanschauungen sind Vokalbelmischungen", wussten schon die Dadaisten, und also prangert man heute im "de facto diktatorischen Hygiene-Regime" nicht nur die Nasführung durch Regierung und Pharmakonzerne an, sondern die "Coronasführung".

Im seit Wochen laufenden bundesweiten Wettbewerb darum, wer sich als erstes die Seuche ins Ausstellungshaus holt, wollten die Sachsen zwar nicht vorpreschen, wie sie beteuern, weisen aber zu Recht daraufhin, dass ihr Hygiene-Museum der ideale Ort für die Beschäftigung mit "Hygiene-Spaziergängen", "Hygiene-Demos" und einer sogenannten "Hygiene-Zeitung" ist. Letztere dürfte ihre hohe Auflage von angeblich 500.000 Exemplaren aber einem Missverständnis verdanken: die Hygieneartikel, die viele Konsumenten darin erwarten, finden sich dann doch eher im Drogeriemarkt.

Corona-T-Shirts

Nicht nur die von den Protesten in München, Stuttgart, Berlin und andernorts bekannten Transparente - "Covid1984", "Merkelst du was? Spahnsinnig lustig. Mir Gates zu weit" - und die beliebten "Kill Bill" bzw. "Gib Gates keine Chance"-T-Shirts sind nun im Dresdner Hygiene-Museum in Vitrinen zu bewundern. "Attila, der Lenz ist da" frohlockt in einer exklusiven Lied-Produktion Box der Sänger Xavier Naidoo in Anspielung auf die beiden Coronaskeptiker Anselm Lenz und Attila Hildmann. Der vegane Star-Koch hat den Dresdnern sowohl seine Original-Alu-Haube überlassen als auch eine Gerüchteshowküche bauen lassen. Koche die Konspirationstheorie! 

Hatte nicht schon Walter Serner vor 100 Jahren in seinem "Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen" verschwörerisch geschrieben, die beste Vorbereitung auf die Lektüre der "Letzten Lockerung" sei die Einnahme eines guten Essens, eines opulenten Mahls? So fügt sich also eins zum andern in dieser sehenswerten Ausstellung, die natürlich auch Unikate wie Bodo Schiffmanns selbstentworfenen "Querdenkerbommel" zeigt.

Auch an die Kleinen ist gedacht. Im Spiel "Meinungs-Quarantäne", benannt nach einer Wortschöpfung von Alice Weidel, können Kinder im Escape-Room "Corona-Kabinett" nachempfinden, wie sich ihre Eltern fühlen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dennoch sei’s erwähnt: Die dringend gebotenen Desinformationshinweise für die Besucher - Stichwort geistige Hygiene bzw. "Gehirnwäsche durch ARD und ZDF": Auch sie passen perfekt in das Hygiene-Konzept der Ausstellung im Hygiene-Museum.

Selbst darauf war man vorbereitet: Sollten sich vor der Dresdner Ausstellung wie zuletzt am Rheinufer in Köln Menschenketten gegen die propagierte "Unterbrechung der Infektionsketten" bilden, können diese einfach Massentickets zum beschleunigten und schwarmintelligenten Erreichen der Herdenimmunität buchen. "Anders würde übrigens ein epidemisches Krepieren anheben", so die Kuratoren über diese ungewöhnliche Corona-Maßnahme. Auch das, wie schön, ein Satz aus Walter Serners "Letzter Lockerung".