Corona und die Infodemie Welche Lehren muss der Journalismus aus Corona ziehen?

Ein Jahr Pandemie, das ist auch ein Jahr Infodemie. Also eine Flut von auf falschen Daten, Halbwissen oder Propaganda gründender Berichterstattung. Wissenschaftsjournalist Holger Wormer über journalistische Standards, Starkult um Virologen und mögliche Lehren aus der Infodemie.

Von: Knut Cordsen

Stand: 28.01.2021 | Archiv

Coronavirus im Smartphon dargestellt | Bild: picture alliance / Zoonar | rafapress

Schon im Februar 2020 warnte die Weltgesundheitsorganisation WHO im Zuge von Corona vor den Gefahren einer massiven Infodemie, also vor jenem Gemisch aus Viertel- und Halbwissen, Gerüchten, Hörensagen, Falschmeldungen und Propaganda über Covid 19. Leider hat das Thema bis heute nichts an Relevanz verloren. Knut Cordsen hat darüber mit dem Wissenschaftsjournalisten, Naturwissenschaftler und Journalismus-Professor Holger Wormer gesprochen.

Knut Cordsen: Korrekterweise müsste man vermutlich von einer Desinfodemie sprechen, denn es geht ja um die Verbreitung von Falschinformationen. Bringen Naturkatastrophen wie eine solche weltweite Seuche eigentlich immer solche Parallelseuchen mit sich?

Holger Wormer: Jedenfalls verstärken sie das Potential, das vielleicht vorher schon da ist. Wir haben erst sehr vorläufige Zahlen, die wir auch nicht selber erhoben haben. Es gibt ja verschiedene Studien zum Medienvertrauen. Da liegen die ganz aktuellen Zahlen für 2020 noch nicht vor. Aber man muss sagen, wir haben auch vorher schon ein erhebliches Potenzial von Menschen gehabt, die sich von den klassischen journalistischen Medien abgewandt haben. Und natürlich wird das in solchen Situationen immer noch verstärkt. Die Frage ist dann, ob das bleibt oder ob das hinterher wieder abnimmt.

Welche Rolle spielen denn – ich sage jetzt mal – "wir Medien" in diesem Zusammenhang? Welchen Anteil haben Journalistinnen und Journalisten an der Streuung von Fake News Corona betreffend?

Holger Wormer

Der Begriff Fake News setzt ja voraus, dass es tatsächlich eine bewusste Fehlinformation ist. So wird er jedenfalls landläufig benutzt. Ich mag den Begriff nicht sonderlich. Denn es gibt ja viele Formen von "falscher" Berichterstattung, also Berichterstattung, die irgendwie in die Irre führt. Ich nehme mal ein Beispiel: Wenn in der Tagesschau fünf, sechs Mal eine Spritze zu sehen ist, die jemandem in den Oberarm gegeben wird, und hinterher kommt die platte Aussage, es hat gar nicht wehgetan, dann ist das natürlich keine Fake News. Aber es ist eine relativ sinnlose Berichterstattung, weil das, was z.B. Impfgegner äußern, ja nichts damit zu tun hat, ob eine Spritze in den Oberarm wehtut. Sondern da stehen ganz andere Ideen dahinter. Das ist natürlich keine falsche Berichterstattung, aber stumpfer kann man über eine Spritze gar nicht berichten. Das ist das Problem: dass wir in den klassischen Medien zum Teil nicht immer die richtigen Themen adressieren.

Das aktuelle Beispiel ist für mich der Umgang mit Meldungen, die die Wirksamkeit des vom Pharmakonzern AstraZeneca entwickelten Impfstoffs thematisierten und diese Wirksamkeit gerade bei Senioren in Frage stellten. Da reichte ja schon die Vermutung eines auflagenstarken Mediums, nämlich der Bild-Zeitung, und schon wurde daraus ein Lauffeuer an Folgemeldungen. Ist die Schnelligkeit, mit der solche Mutmaßungen, die dann auch noch auf einen fahrlässigen Umgang mit Zahlen schließen lassen und dann verbreitet werden, ein Teil des Problems?

Ja, das ist auf jeden Fall ein Teil des Problems. Das auch größer wird, weil man früher solche Dinge vielleicht noch ein bisschen einfangen konnte. Jetzt wird das Ganze auch in den Social Media rasant verbreitet und dort gerne und dankend von Menschen aufgenommen, die vielleicht eher das Ziel haben, Desinformation zu verbreiten als seriöse Information. Das bekommen Sie eben nicht mehr zurück, das holen Sie nicht mehr ein.

Insofern ist es für die klassischen Medien heute vielleicht sogar noch wichtiger geworden, gleich richtig zu berichten. Also wirklich ganz im Sinne der alten Nachrichten-Agentur-Weisheit "Get it first, but first get it right". Es ist zwar schön, wenn man es als Erster hat, aber es muss vor allem richtig sein. Da ist es schon ein Nachteil, wenn man hier auf der Jagd nach Neuigkeiten in Sachen Corona oder Impfungen ist und nicht abwartet, bis die Informationen etwas besser gesichert und verifiziert worden sind.

Christian Drosten hat gerade dem Spiegel ein Interview gegeben und darin die schönen Worte formuliert: "Ich habe sowieso den Fehler gemacht, zu viel auf Twitter herum zu lesen. Das macht einen nur verrückt." Twitter ist nur eines von vielen sozialen Medien, und sicherlich hat er mit seiner Kritik an diesen sozialen Medien Recht, aber er spielt ja selbst auf dieser Klaviatur, hat mehr als eine halbe Million Follower, und das Meiste von dem, was er sagt, geht dann ja auch viral und wird aufgegriffen – und er wird von nicht wenigen klassischen Medien, von den sogenannten Holzmedien, den Zeitungen, aber auch Rundfunksendern zum Star idealisiert. Unvergessen die Schlagzeile der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", die am 18. März 2020 mit Blick auf Drosten ernsthaft fragte: "Ist das unser neuer Kanzler?"

Christian Drosten bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises 2020

Ich muss sagen diese Art von Idealisierung und diese Art von Polarisierung – Sie haben das Spiegel-Interview von vor ein paar Tagen angesprochen – hat für mich das Niveau von People-Journalismus. Unbenommen der Tatsache, dass Drosten – da führt kein Weg dran vorbei – genau für das Thema Corona-Viren ein ausgewiesener Experte ist. Trotzdem gehört es eben dazu, dass man die journalistische Distanz wahrt, dass man auch dem "Starvirologen" – wie das die Bild-Zeitung nennt, über den Begriff kann man jetzt streiten – dass man trotzdem kritische Fragen stellt. Und umgekehrt auch nicht polarisiert und sagt, das ist jetzt unser Retter, das ist jetzt der gute Experte und die anderen durchaus auch ausgewiesenen Experten sollen mal lieber die Klappe halten. Das muss man nämlich auch sagen, da gibt's auch unter Journalisten eine Polarisierung. Einerseits die Drosten-Jünger, andererseits die generellen Drosten-Kritiker. Das bereitet mir zum Teil wirklich Sorge.

Man muss sich auch klarmachen, welchen Umfang das hat. Ich habe einmal in die Presse Datenbanken geschaut. In diesem einen Jahr, über das wir heute sprechen, finden Sie in einschlägigen Pressedatenbanken 3,7 Millionen Treffer. Ich habe das mit dem Schlagwort "Fußball" verglichen, da sind es eine Million. Das heißt, es wurde drei bis viermal so viel über Corona berichtet wie über Fußball. Das zeigt ja, was für ein Einfluss die Medien haben. Und das setzt eben auch weiterhin eine sorgfältige Berichterstattung voraus.

Eine gewisse Resistenz gegen Selbstkritik ist ja durchaus eine Krankheit des Journalismus schon immer gewesen. Man zeigt als Journalist im Zweifelsfall lieber auf andere als auf sich selbst. Was kann denn der Journalismus aus dieser Pandemie lernen?

Ich glaube der Journalismus kann lernen, dass es sich lohnt, auch in der aktuellen Berichterstattung mehr im Team zu arbeiten und zum Beispiel auch die Fachkollegen aus den Wissenschaftsredaktionen mehr zu Wort kommen zu lassen. Das betrifft dann einen Meinungsbeitrag oder einen Kommentar in der Tagesschau. Das betrifft aber auch den Umgang mit Zahlen. Man wundert sich beispielsweise, dass sich in diesem einen Jahr die Darstellung der Zahlen des Robert-Koch-Instituts – auch bei den öffentlich-rechtlichen Medien – kaum geändert hat. Dass man sie nicht weiterentwickelt hat, dass man da nicht in Kontakt geht mit Statistikern, vielleicht auch mit Datenjournalisten und stärker in Austausch tritt, wie man denn diese Zahlen besser darstellen und auch besser hinterfragen kann.

Denn es gibt ja durchaus seriöse Wissenschaftler, die bemängeln, dass wir bis heute keine wirklich guten Zahlen haben. Woran wahrscheinlich auch was dran ist. Man darf dieses Argument nur nicht dazu benutzen, die ganze Gefahr herunterzuspielen. Denn das ist nicht die Botschaft. Aber die Kritik daran, wie diese Zahlen seit über einem Jahr dargestellt werden, ist schon berechtigt. Hier könnte es sich lohnen, mehr mit anderen Ressorts im Team zusammenzuarbeiten.