MusikStreaming 2.0 Erfahrungen eines Musikers nach einem Jahr Lockdown

"Ausgesaugt" fühlt sich Pianist Lukas Maier oft nach einem Streamingevent ohne Livepublikum. Warum der Musiker dennoch glücklich darüber ist, wie sich nach einem Jahr Pandemie das Livestreaming kleiner Clubs entwickelt hat.

Von: Markus Mayer

Stand: 18.03.2021

Lukas Maier im Heppel und Ettlich | Bild: Heppel und Ettlich

"Paper Waltz", "Papierwalzer" nennt der Münchner Pianist und Filmmusikstudent Lukas Maier eines seiner Projekte. Maier ist einer von vielen jungen Künstlern der Münchner Szene, die sich umgetan haben, seitdem Clubs schließen mussten und wegen der Pandemie Auftrittsmöglichkeiten weggebrochen sind. Er findet es spannend, wie sich in der Pandemie alles weiterentwickelt hat und sagt: "Wir Musiker, aber auch die Techniker, wir waren vor einem Jahr nicht wirklich digitalisiert. Zumindest, wenn ich so auf mich blicke: Ich kannte nicht einmal Zoom als Videokonferenztool. Ich merke, dass es viele Leute gibt, viele Theater, viele Kolleginnen, die wirklich bemüht sind und sich einiges einfallen lassen. Und die kreativ sind, wie man Livestreaming zu etwas Besonderem, etwas Tollem machen kann."

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Paper Waltz - "The Closest" | Bild: welovemelodies (via YouTube)

Paper Waltz - "The Closest"

Bühnen werden zu Livestreaming-Studios

Lukas Maier spielt oft im Heppel & Ettlich. Das Kleinkunsttheater an der Münchner Freiheit sei mittlerweile  ein Livestreaming-Studio mit sieben Kameras und verschiedenen Möglichkeiten, das Bühnebild zu gestalten, sagt Maier: Mit ganz tollem Licht und Spielereien, so dass man als Musiker in Konkurrenz treten könne mit Netflix und den anderen großen Streaminganbietern.

Musik entsteht im Zwischenraum – im Inter-esse – aus großer Nähe zwischen Hörern und ausführenden Musikern. Das ist das Geheimnisvolle an dieser Kunst, die so vergänglich ist und nur im Moment erklingt. Bei Streamingkonzerten fehlt trotz aller avancierten Inszenierungsideen, die engagierte kleine Münchner Clubs wie das Heppel & Ettlich oder das Milla mittlerweile einbringen, ein wesentliches Element, weiß Lukas Maier: "Ich hab manchmal den Eindruck, als wäre das Publikum draußen lauter kleine Vampire. Ich fühl mich nach Livestreamings ausgesaugt. Ich hab alles gegeben, aber nichts zurückbekommen. Das ist der Technik geschuldet, nicht dem Publikum, aber das ist eine Wahrnehmung, die ich jetzt schon öfters hatte."

Sichtbarkeit ist das eine, das andere Wertschätzung

Ein Jahr ist jetzt vergangen, ohne Konzerte und ohne Livemusik, wie man sie gewohnt ist. Streamings und im Internet übertragene Auftritte sind trotz aller Einschränkungen fast Normalität geworden. Sie werden es auch noch einige Zeit bleiben, denn die Pandemie wird sich noch länger hinziehen. Die jungen Musiker haben in der Zwischenzeit ein neues Selbstwertgefühl entwickelt. Es geht ihnen nun nicht mehr nur um Sichtbarkeit, sagt Lukas Maier, sondern auch um Wertschätzung.                                            

Er finde es toll, wie man darum kämpft, dass man trotzdem ein attraktives Angebot sowohl für die Künstlerinnen als auch fürs Publikum habe und frohen Mutes nach vorne gehe und sage: Nein, wir finden uns nicht damit ab, dass nichts geht, sondern wir überlegen uns was und wir machen’s einfach toll. "Was ich anfangs sehr kritisch fand, war auch, dass man sehr ungefiltert – ich hab’s auf Facebook oder Instagram verfolgt – seine Kunst rausgeblasen hat. Einfach, weil man nicht damit umzugehen wusste, wie man als Künstler eine Daseinsberechtigung hat, wenn alles zuhat. Wichtig war, dass man wieder zu dieser Wertigkeit zurückgefunden hat und gesagt hat: Wenn ihr meine Musik hören wollt, dann müsst ihr in irgendeiner Form was bezahlen, dann müsst ihr ein Onlineticket kaufen. Denn ich kann nicht meine Kunst kostenlos zur Verfügung stellen, bloß weil das grad jeder tut."

Neue Streamingangebote

Das Streamingangebot differenziert sich also aus. Anfangs gab es nur einen einzigen Club, der Streamingkonzerte anbot: Die Unterfahrt, der Münchner Jazzclub, der sich über einen Verein finanziert. Dann folgten das Heppel & Ettlich, das seine Livestreamingreihe nun als Heppel und Ettflix anbietet, und die Milla, der kuschlige Kellerclub im Glockenbachviertel.

Es kommen aber laufend weitere Anbieter hinzu. Im Bosco Gauting findet am Freitag 26. März ein erstes Streamingkonzert des exzellenten Münchner Worldmusic-Trios Orientacion statt – da trifft Tango auf arabische Laute. Und auch die Stadt lässt die Musikerinnen und Musiker nicht hängen. Neben den Konzerten, die im Sommer hoffentlich wieder im Olympiastadion stattfinden können, unterstützt das Kulturreferat beispielsweise die Comecerts, eine bemerkenswerte, vom Import Export kuratierte Reihe, in der Münchner Musikerinnen auf asiatische Kolleginnen treffen.