Geschichten vom Reisen in Deutschland Der Mayonnaisesalat und die Erfindung des Seebads

Wenn ein Buch "Wunderkammer des Reisens in Deutschland" heißt, was soll man sich da erwarten? Nun, genau das: Wundersame Fundstücke aus der Reise-Geschichte, mal sprechend und mal skurril. Ganghofers Lobeslied an das Fahrrad zum Beispiel, eine DDR-Speisekarte - oder das Plädoyer eines berühmten Dichters von 1793, man möge doch endlich mal Badeanstalten bauen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 26.07.2021

Badende in Ostende. Farblithographie nach Zeichnung von Mars, d.i.Maurice Bonvoisin (1849-1912). Aus: Aux Bains de Mer d'Ostende / Par Mars, Paris (E.Plon, Nourrit et Cie.) o.J. (um 1895). Berlin, Slg.Archiv f.Kunst & Geschichte. | Bild: picture-alliance / akg-images | akg-images

Ferienzeit, Reisezeit. Und wohin?

Die Pandemie hat da zu einer Art Rückbesinnung auf sogenannte Nahziele geführt. Warum auch in die Ferne schweifen? "Sieh, das Gute liegt so nah" – dieser Goethe-Satz könnte auch über dem neuen Buch von Thomas Böhm stehen, einer "Wunderkammer des Reisens in Deutschland". Titel: "Da war ich eigentlich noch nie". Geschichten vom Reisen also, hier präsentiert vom Herausgeber daselbst.

Knut Cordsen: Der Berliner Kurt Tucholsky hat mal gedichtet, das liest man gleich zu Anfang Ihres Buches: "Hast du dieses Buch in deiner Hand: / Hurra! dann geht’s in Ferienland!" Dieses Ferienland heißt für viele in diesem Sommer: Deutschland. Geht’s Ihnen da ähnlich, sind Sie auch jemand, der heuer den Urlaub in Deutschland verbringt?

Thomas Böhm: Nicht nur heuer. Wir fahren seit 20 Jahren in die Eifel und genau in dieses von den Überflutungen betroffene Gebiet zwischen Erftstadt, Stolberg und Gemünd. Wir haben mit unseren Gastgebern gesprochen. Die haben gesagt, sie könnten zwar verstehen, wenn wir nicht kommen. Aber sie würden sich sehr freuen, wenn wir kommen. Also fahren wir hin. Denn sonst würde das für die das zweite Jahr hintereinander bedeuten: keine Gäste.

Sie haben 2019 schon mal ein Wunderkammer-Buch herausgegeben und gestaltet: "Die Wunderkammer der deutschen Sprache", jetzt folgt dem ein weiteres Kuriositätenkabinettstück: Die Wunderkammer des Reisens. Was macht das Prinzip der Wunderkammer für Sie so attraktiv?

Als Reisende noch Mayonnaisesalat bekamen: Auszug aus einer Mitropa-Speisenkarte der Deutschen Reichsbahn

Ich könnte diese Themen natürlich systematisch darstellen. Die Geschichte des Reisens dazu gibt's viel wissenschaftliche Literatur. Aber das Wunderkammer-Prinzip beruht ja auf dem sprechenden Einzelstück. Ein Beispiel: Ich könnte sehr viel über das Essen auf Reisen schreiben. Indem ich aber, wie ich es gemacht habe, eine Speisekarte aus dem Mitropa-Restaurant Eisenach aus dem Jahre 1957 1:1 im Buch abbilde, zeige ich zum einen, was man damals essen konnte. Und gleichzeitig lade ich quasi zu einer Gedanken-Zeitreise ein, weil jeder, der diese Seiten sieht, sofort überlegt: Was hätte ich mir wohl zu essen bestellt?

Deutschland verfügt ja über einige Wunderkammern. Die Gottorfer Kunst- und Raritätenkammer in Schleswig-Holstein etwa mit Preziosen aus Elfenbein, Bergkristall oder rubinrotem Kunckelglas. Es gibt natürlich auch in Nürnberg das Praunsche Kabinett, eine Privatsammlung des 17. Jahrhunderts, die allerdings mittlerweile über die ganze Welt verstreut ist. Was präsentieren Sie denn so in Ihrer Wunderkammer des Reisens?

Es sind zum einen Texte aus der Geschichte des Reisens. Das fängt an im Jahr 1555. Da habe ich Auszüge aus einem der ersten deutschen Bestseller, "Das Rollwagen-Büchlein". Manches Kuriose ist dabei, z.B. Ludwig Ganghofers flammendes Plädoyer für das Fahrradfahren von 1897. Dann haben wir aus der gleichen Zeit den Text einer der Pionierinnen des Radfahrens in Deutschland, Amalie Rother, die beschreibt, welchen Reiz das Fernradfahren für Frauen hat. Zum anderen möchte ich, dass das Buch auch schlichtweg als Reiseführer benutzt werden kann. Es sind 20 Karten im Buch mit insgesamt 500 Vorschlägen, wo man hinfahren kann. Es gibt Karten zu den schönsten Nationalparks in Deutschland, zu den interessantesten Freilichtmuseen, aber dann eben auch sowas wie Sommerrodelbahnen oder die schnellsten Achterbahnen.

Jetzt haben Sie Ganghofer und dessen Eloge auf das Radfahren aus dem Jahr 1897 angesprochen. Für mich auch deshalb interessant, weil schon die Überschrift dieses Textes lautet: "All Heil!" Das war seinerzeit ein Radfahrergruß, analog zu "Petri Heil" bei den Anglern – nur anders als bei "Petri Heil" sagt das heute kein Mensch mehr. Wäre aber eigentlich mal wieder an der Zeit, bei der Gefährdung der Radfahrer heute im Straßenverkehr...

So ist es. Dieser Text zeigt aber noch etwas anderes: Ganghofer feiert quasi das Fahrrad als Fortbewegungsmittel der Zukunft, es kam ja erst im späten 19. Jahrhundert auf. Das Buch möchte eben auch zeigen, wie quasi ein Verkehrsmittel zum anderen führt, wie sie einander teilweise ablösen. Da gibt's einen Text, der feiert die Romantik des Postkutschen-Fahrens – aber just zu einem Zeitpunkt, zu dem das Postkutschen-Fahren überhaupt nicht mehr angesagt war, weil die Eisenbahn aufgekommen war und niemand mehr in der unbequemen Postkutsche reisen wollte. Sie sehen so die Verbindungslinien von einem Verkehrsmittel zum anderen, vom Rollwagen des Mittelalters bis hin zum Flugzeug heute.

Wo wir schon beim Thema Verkehr sind: Die Verkehrs-Durchsage ist ja auch ein deutsches Kulturgut, "Stau und stockender Verkehr", deshalb darf sie bei Ihnen nicht fehlen. Und zwar haben Sie da etwas besonders Schönes zusammengestellt eine Liste der Orte, die durch den Verkehrsfunk erst so richtig berühmt geworden sind.

Der Verkehrsfunk hat für mich große sentimentale Bedeutung. Ich komme aus einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet. Und wenn wir früher in den Urlaub gefahren sind, z.B. in den Spessart, dann sind wir spät abends losgefahren. Mein Vater dachte, dann gibt es keine Staus auf der Autobahn. Ich war da als Kind natürlich schläfrig, bin eingeschlafen und oft wurde ich dann durch diesen Triller und die darauf folgenden Verkehrsnachrichten geweckt. Heutzutage, wenn ich die Verkehrsnachrichten höre, überlege ich: Ach, diese Ausfahrt habe ich doch auch schon mal benutzt. Es gab in dieser Geschichte des Verkehrsfunks auch viele Aspekte, die ich gar nicht kannte, die Ihnen in Bayern aber sicherlich präsent sind. Thomas Gottschalks Karriere hat dadurch begonnen, dass er die Verkehrs-Nachrichten auf Bayern 3 besonders witzig präsentiert hat. Für mich war die Recherche an diesem Buch auch eine permanente Entdeckungsreise.

Ich hatte immer mal vor, eine Liste kurioser Namen von Autobahnausfahrten zu veröffentlichen, der Arbeitstitel war "Letzte Ausfahrt Lederhose", weil mir die Autobahnausfahrt "Lederhose" so gut gefällt, die liegt irgendwo in Thüringen. Sehr gut gefallen hat mir auch ein Fundstück aus der Feder Georg Christoph Lichtenbergs in Ihrer Wunderkammer: Es war nämlich niemand anderes als dieser Göttinger Physiker und Aphoristiker Lichtenberg, der 1793 dafür plädierte, große öffentliche Seebäder einzurichten. Seebaden war zumindest in Deutschland zu seiner Zeit im 18. Jahrhundert seltsamerweise verpönt...

Man muss sich vorstellen, dass früher überhaupt niemand an den Strand gegangen ist. Warum sollte man auch? Da war die bewohnte Welt zu Ende. Erst im Laufe des 18. Jahrhunderts kam die Erkenntnis auf, dass das Küstenklima eine wohltuende, heilende Wirkung hat wie dann auch das Baden im Meer selbst. Lichtenberg hatte in Großbritannien, in Margate so eine Bäderkur gemacht und am eigenen Leib die erholsame Wirkung erlebt. Daher sein Vorschlag, Seebäder auch in Deutschland einzurichten. Dieser Text, den ich da abgedruckt habe, ist das erste Plädoyer für ein Heilbad.

Was mich daran darüberhinaus besonders interessiert, so wie auch bei dem Text von Ludwig Ganghofer: Es ist oft so, dass es einzelne Stimmen sind, die etwas besonders hervorheben und damit auch etwas bewirken und zeigen: Wir können etwas verändern. Letztlich ist das für mich auch eine Motivation gewesen. Ich möchte mit dem Buch auch dafür plädieren, dass man gerade im Zeichen des Klimawandels immer wieder mal erwägt, in Deutschland Urlaub zu machen statt eine Fernreise zu unternehmen.

Thomas Böhm (Hrsg.): "Da war ich eigentlich noch nie. Die Wunderkammer des Reisens in Deutschland". Erschienen im Verlag Das kulturelle Gedächtnis, zu haben für 28 Euro. Die Hörfunk-Fassung dieses Gesprächs gibt es hier - im Podcast der "kulturWelt" auf Bayern 2.