Passioniert reisen in Zeiten der Flugscham "Man reist, um sich selbst auf die Schliche zu kommen"

Reisen ist Selbsterkenntnis und Weltkenntnis und für Philosoph Christian Schüle geradezu eine "Menschenpflicht", weil Fremdheitserfahrung aus erster Hand. "Vom Glück, unterwegs zu sein" im kulturWelt-Gespräch.

Von: Christoph Leibold

Stand: 09.06.2022

Einfach Fremden folgen und sich vertraut machen: Passanten in Porto / Portugal vor der  Kapelle der Seelen (Capela das Almas) | Bild: picture alliance / pressefoto Mika Volkmann | MIKA VOLKMANN

Warum in die Ferne schweifen? Das Gute liegt so nah! Mit dieser Binsenweisheit haben sich viele die Zeit während des Corona-Lockdown schöngeredet, als die Ferne in schier unerreichbare Ferne gerückt war. Christian Schüle gehört zu denjenigen, denen man mit solchen Sprüchen nicht zu kommen braucht. Er ist Publizist und Philosoph und hat jetzt – mitten in unserer Zeit der Flugscham - ein Buch geschrieben. "Vom Glück, unterwegs zu sein. Warum wir das Reisen lieben und brauchen". 

Christoph Leibold: Goethe, dem Italienreisenden, hätte die Abwandlung seines Spruches, der im Original gar nicht aufs Reisen gemünzt ist, vermutlich auch nicht gefallen. Bei seinen Reisen ging es ja um etwas, was man mit der Formel „Selbsterkenntnis durch Weltkenntnis“ auf den Punkt bringen könnte. Inwiefern ist das auch Ihr Ansatz?

Christian Schüle: Das ist genau mein Ansatz. Erstmal unterscheide ich zwischen Reisen und Urlauben. Reisen ist immer Unterwegssein. Urlaub dagegen bedeutet immer schon angekommen zu sein. Wobei ich beides wirklich gleichermaßen berechtigt finde. Ich will in keiner Weise den Urlaub irgendwie abwerten. Aber bei dem, was ich unter Reisen verstehe, geht es in erster Linie darum, dass man reist, um sich selbst auf die Schliche zu kommen, also Dinge zu erfahren über sich selbst, die man zu Hause vermutlich niemals erfahren würde.

Und das geht interessanterweise vor allem in Begegnung mit dem Fremden.

Philosoph und Publizist Christian Schüle

Für mich ist es eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich auf meinen Reisen hatte: Dass man in der Begegnung mit dem Fremden seine eigene Fremdheit spürt. Man ist ja in allen Ländern außer dem eigenen Zuhause selber fremd. Und diese Fremdheit zu spüren, was es bedeutet, nicht weiterzukommen, die Sprache nicht zu kennen, sich auf das Unbekannte einlassen zu müssen, vielleicht auch abgelehnt zu werden, all diese Erfahrungen zu machen – das ist meines Erachtens enorm wichtig. Und wenn es gut läuft, entwickelt man dadurch auch ein ethisches Sensorium dafür, wie sich Fremdheit anfühlen muss für diejenigen, die zu uns kommen. Insofern ist es für mich geradezu eine Menschenpflicht, wenn man so will, auf Reisen zu gehen, um zu erfahren, was draußen in der Welt los ist, und die Welt nicht zu beurteilen, bevor man sie kennt.

Aber sind solche Fremdheitserfahrungen überhaupt noch möglich? War nicht immer schon ein Lonely Planet-Reiseführerautor vor einem da, der dafür sorgt, dass es eben nicht mehr „lonely“, also einsam, dort ist und kein Ort mehr fremd bleibt?

Ja, ich vermute das schon auch. Mittlerweile ist ja jeder Quadratzentimeter Welt erforscht, entdeckt und von Google Earth irgendwie aufgezeichnet. Aber trotzdem: Das Aneignen von Fremdheit ist ja etwas, was subjektiv passiert. Also jeder und jede Reisende, die wo hinfahren, sind selber ja noch nicht dagewesen und haben deswegen das Gefühl von Fremdheit auch noch nicht so erlebt, wie ich an vielen Beispielen in diesem Buch beschreibe und auch tatsächlich erlebt habe. Es ist so, dass das Reisen aus meiner Sicht die Fähigkeit schult, das Fremde erst mal als Fremdes wahrzunehmen und es sich dann vertraut zu machen. Aus einer Gastfreundschaft wird ganz oft auch eine Freundschaft. Auch das ist ja ganz oft der Fall, dass aus der ersten Begegnungen, die man überhaupt nicht einschätzen konnte, ganz schnell etwas gewachsen ist, was man Vertrautheit nennen könnte. Und daraus entsteht auch Vertrauen. Ich saß viele Male Menschen gegenüber, die ich zwei Tage vorher noch überhaupt nicht kannte, hatte schnell aber das Gefühl, man kennt sich seit Jahren. Das sind so Fremdheitserfahrungen, die man subjektiverweise natürlich macht, obwohl der Lonely Planet -Autor schon zig Mal vor einem da war.

Wichtig fürs Reisen, wie Sie es verstehen, ist es auch, den Zufall regieren zu lassen. Nun lassen sich Zufälle aber nicht erzwingen. Dennoch kann man sich vielleicht so verhalten, dass der Zufall wahrscheinlicher eintritt. Wie macht man es richtig?

Ich lasse mich tatsächlich ganz oft vom Zufall leiten. Ich kenne mich nicht aus, ich lasse mich auf das Unbekannte ein, ich weiß nicht, was passiert, und dann auf einmal hefte ich mich an die Fersen eines Menschen, der mir interessant vorkommt. Ich gehe dem einfach hinterher und lasse mich irgendwo hinführen, wo ich ohne ihn nie hingekommen wäre. Und ehrlich gesagt hat sich jedes Mal aus dieser Annäherung auch eine Begegnung ergeben mit Menschen, und ich bin in Viertel, zu Familien gekommen, wo ich vorher nie hingekommen wäre. Da hält der Zufall eine enorm wichtige Lehre bereit, nämlich die Frage, ob man Zeit verlieren kann, oder wie man mit Zeit umgeht? Der Verlust von Zeit ist für mich ein enorm wichtiger Faktor, den man lernt auf einer Reise. Der eigentliche Luxus im Leben ist ja nicht die Verschwendung von Geld, sondern es ist tatsächlich die Verschwendung von Zeit. Dass man Zeit verschwenden kann, ist wahnsinnig wichtig und toll. Und das haben wir ja schon so ein bisschen verlernt. Eins muss ich dazusagen: Natürlich können sich viele das nicht leisten, viele Wochen auf Reisen zu gehen und haben auch nicht das Geld, weil sie natürlich arbeiten müssen. Das weiß ich alles. Aber trotzdem würde ich sagen, man muss nicht zehn Wochen auf Reisen gehen, um das zu erfahren, was ich versuche zu beschreiben, sondern es reichen auch zwei. Es kommt auf die Haltung und die Einstellung an.

Da haben Sie meine Frage vorweggenommen: Ob das nicht nur was für Privilegierte ist, die sich diese Zeitverschwendung leisten können, und die auch das Geld dazu haben? Man muss ja auch oft erst Mal fliegen. Selbst wenn man nicht in Luxushotels absteigt: Reisen kostet.

Das ist absolut richtig. Es gibt natürlich auch eine problematische Seite beim Reisen, die ich durchaus auch reflektiere, das ist vollkommen klar. Und es lässt sich auch nicht einfach wegreden, dass Fliegen enorm klimabelastend ist. Das ist die Kehrseite des Reisens. Aber ich reise in erster Linie mit der Bahn und mit Bussen. Man kann auch zu Fuß gehen, man kann mit dem Fahrrad fahren. All das ist möglich.

Also dieser Zielkonflikt, dass einerseits das Reisen ein Wert an sich ist, weil es, wie Sie sagen, zur Vertrauensbildung unter Fremden beiträgt, und andererseits aber eben eine Klimaschädlichkeit Angelegenheit – dieser Konflikt lässt sich, wenn ich Sie recht verstanden habe, zwar minimieren. Aber es ist kein restlos auflösbares Dilemma?

Nein, es ist kein restlos auflösbares Dilemma, und das ist auch ein Dilemma, das mich natürlich beschäftigt. Wenn ich jetzt sage, ich möchte unglaublich gern mal nach Feuerland, dann ist das natürlich eine enorme Belastung des Klimas, die auch ich dann verursache, das ist klar. Also steht man vor dem moralischen Konflikt, was macht man jetzt eigentlich? Und das muss jeder für sich selber beantworten. Ich würde nur sagen, bei allem Bewusstsein dafür, dass das enorm klimaschädlich ist und nicht wirklich ökologisch nachhaltig, stehen doch einige Punkte – und das ist mir eben sehr wichtig – dafür, es trotzdem zu tun. Und die haben damit zu tun, dass wir in einer Zeit leben, in der wir durch enorme Manipulationsmöglichkeiten in der Realität, durch Deepfakes zum Beispiel, gar nicht mehr wirklich unterscheiden können, was ist wahr und was ist nicht wahr. Reisen, so wie ich es verstehe, ist in erster Linie auch eine Erfahrung von Realität: Dass wir selber wieder erfahren, was real ist; dass wir selber denken, dass wir selber spüren, dass wir selber entscheiden. Dass wir uns das auch nicht abnehmen lassen von technischen Gerätschaften, sondern wirklich uns hineinbegeben – mit Hingabe sozusagen und dem Prinzip des Zufalls – in etwas, was wir vorher überhaupt nicht wissen konnten. Sich dem selber auszusetzen, das finde ich eine enorm wichtige Erfahrung.

Christian Schüle. "Vom Glück unterwegs zu sein, warum wir das Reisen lieben und brauchen" ist im Siedler Verlag erschienen.

Das Gespräch lief in der kulturWelt auf Bayern 2 am 09. Juni 2022. Den Podcast können Sie hier abonnieren.