Freudentränen in Klagenfurt Nava Ebrahimi gewinnt den Ingeborg Bachmann Preis 2021

Es ist vollbracht, der Bachmann-Preis 2021 geht an Nava Ebrahimi. Die gebürtige Iranerin, die in Deutschland aufgewachsen ist und heute in Graz lebt, war so gerührt, dass sie bei ihrer Dankesrede kaum etwas herausbrachte. Sie wurde von Juror Klaus Kastberger eingeladen, der in seiner kurzen Laudatio die enorme Komplexität des Textes hervorhob. Wie lässt sich Leid, wie lässt sich Schmerz darstellen? Wie lebt es sich als Geflüchteter in einer Luxus-Gesellschaft? Diesen Fragen stellt sich der Sieger-Text "Der Cousin".

Stand: 18.06.2021

Nava Ebrahimi, Bachmann-Preisträgerin 2021 | Bild: ORF / Clara Wildberger

Und so beginnt der Sieger-Text von Nava Ebrahimi:

"Das Foto seines Körpers bedeckt meterhoch die Fassade des Lincoln Center.
„Wie findest du es?“, fragt er mich.
„Wow“, sage ich. Ohne den Blick abzuwenden, steige ich aus dem Taxi. Der Wind hebt meinen Schal. „Nackt siehst du ja noch besser aus!“
Das Foto ist in Schwarz-Weiß, und er trägt nichts außer sehr kurzen, engen Shorts. Vor dem grauen Hintergrund hebt sich sein Körper ab wie eine Figur aus Silber, jeder einzelne Muskel klar und mühevoll herausgearbeitet. Ein Bein hat er angewinkelt, das andere ausgestreckt, gespitzt bis in den Fuß. Der Fuß berührt den Boden nicht. Mein Cousin scheint zu schweben und blickt besorgt zu uns herunter. Ganz leicht zeichnet sich eine Zornesfalte ab. Ein fehlbarer Engel am Tag des Jüngsten Gerichts."

Preisträgerin Nava Ebrahimi bei ihrer Lesung am 19.6.

Der fehlbare Engel ist "Der Cousin" im gleichnamigen Sieger-Text von Nava Ebrahimi. Ein Startänzer mit schwerem seelischen Gepäck, seit er bei der Flucht aus dem Iran als Zwölf-jähriger in einem Gefängnis landete. Jahre später will er seine Erfahrung, die in der Familie verschwiegen wurde, der Cousine erzählen, aber die diese Geschichte längst für ihren Roman benutzt hat. Nava Ebrahimi ist eine kluge Autorin. Für sie steht nicht der eigentliche Schrecken im Zentrum, sondern die Frage: Wie läßt sich Schmerz erzählen? Was läßt sich erzählen, ohne Menschen und ihr Leid auszubeuten? Die Frage mündet in einer atemraubend irrealen Szene, in der Wort und Tanz, Leid und Inszenierung verschwimme.

Nava Ebrahimi: Ich hab fast zwanghaft das Bedürfnis, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Ich gestalte oder forme die Wirklichkeit einfach gerne um. Ich erzähle wahnsinnig gern, ich gestalte gerne Sprache und Figuren und Situationen.

Wie lässt sich Leid erzählen, ohne den Schmerz auszubeuten?

Im Gespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt Nava Ebrahimi, wie schwer es ist, über Leid und Schmerz zu schreiben:

Wie kommt man klar in einer westlichen Gesellschaft, wenn man geflohen ist und dabei ganz schlimme Dinge erlebt hat oder auch vor der Flucht schon im Ursprungsland oder im Herkunftsland schlimme Dinge erlebt hat? Und dann kommt man in eine solche Gesellschaft, wie wir sie haben, und ist umgeben von Menschen mit „Luxusproblemen“, wie kann man sich da mitteilen, wie kann man sein Leid schildern? Wenn man erzählt, was man Schlimmes erlebt hat, dann sind die Leute natürlich betreten und wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Und wenn man es nicht erzählt, dann bleibt man so ein wandelnder Leichnam, das habe ich letztens, glaube ich, bei Hannah Arendt gelesen. Entweder man erzählt, und ist dann überfordernd. Oder man erzählt es nicht und bleibt sich immer ein Stück weit fremd und hat überhaupt keine Chance, anzukommen.

Schon in ihrem zweiten Roman behandelte Nava Ebrahimi, dieses schwierige Thema. Geboren in Teheran, aufgewachsen in Köln, jetzt Zuhause in Graz, gewann sie unter Österreichs Fahne mit "Der Cousin" den mit 20.000 Euro dotierten Bachmann-Preis. "Der Cousin", der als Zwölfjähriger mit der Mutter aus dem Iran floh, geriet damals in Haft. Die Familie beschwieg sein Trauma, das die Cousine aber für ihren erfolgreichen Roman nutzte. Und er selbst, inzwischen ein Startänzer in New York, erzählt davon im Tanz, einer wortlosen Kunst, zusammen mit einer Lesung der Cousine. Tanz und Text, eine Episode im Römischen Restaurant und das Bühnengeschehen verschwimmen auf der Bühne, die zum Gefängnis wird in diesem Strudel der Worte, Bilder, Sätze. Wie läßt sich Leid erzählen - ohne den Schmerz auszubeuten? Das ist die Frage. Der Cousin wagt die große Inszenierung, während sich die Cousine allein wähnt auf der Bühne.

Dana Vowinckel gewinnt den Deutschlandfunk-Preis

Auch bei Dana Vowinckel, die zwar in der Stichwahl um den Bachmann-Preis unterlag, aber beim zweiten Preis in Klagenfurt punktete, flossen die Freudentränen. In einem Vorabgespräch mit Cornelia Zetzsche erzählt sie:

Schriftstellerin Dana Vowinckel

Es geht mir beim Schreiben darum, die schöne Sprache zu finden dafür die unschönen Dinge zu sagen. Und es geht mir darum, Leute kennenzulernen, die sich irgendwie scheinbar immer schon bei mir oder in mir gefunden haben. Und ich empfinde das eigentlich einfach als Aufgabe, jemandem wie Margarita ein Leben schreiben zu dürfen. Und das ist sehr intuitiv für mich und wenig geplant.

Vowinckels "Gewässer im Ziplock", das ist so ein hermetisch verschlossener Beutel, erzählt aus zwei Perspektiven vom jüdischen Leben in der Diaspora. Margarita, kurz Rita, um die 14, 15, muss die Ferien bei den Großeltern in New York verbringen, zwischen Liebeskummer, Erwachsenwerden, getrennten Eltern, Ich-Suche und anderen Nöten, zwischen der Mutter mit akademischer Karriere und dem israelischen Vater, einem Kantor in Berlin.