Interview mit Nahid Shahalimi Was der Truppenabzug in Afghanistan für Folgen haben könnte

Frauenfußball, Bildungshunger, eine junge Zivilgesellschaft: Afghanistan hat sich verändert. Was nun auf dem Spiel steht und warum westliche Medien oft ein falsches Bild zeigen, erklärt Autorin und Filmemacherin Nahid Shahalimi.

Von: Christoph Leibold

Stand: 21.04.2021

Autorin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin Nahid Shahalimi blickt, mit geneigtem Kopf in einem Treppenhaus stehend, lächelnd in die Kamera | Bild: Isa Foltin

Am 11. September 2021, dem 20. Jahrestag der Terroranschläge von 9/11, wollen die USA ihre Truppen aus Afghanistan abgezogen haben, und mit den Vereinigten Staaten zieht sich die gesamte NATO aus dem Land zurück. So wurde es in der vergangenen Woche beschlossen. Was bedeutet das für das Land, für die Menschen in Afghanistan? Christoph Leibold hat mit der in München lebenden kanadisch-afghanischen Künstlerin, Filmemacherin und Menschenrechtsaktivistin Nahid Shahalimi über die Lage im Land gesprochen.

Christoph Leibold: Es gibt noch immer keinen stabilen Waffenstillstand zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung. Das legt den Schluss nahe, dass es nach dem vollständigen Abzug der USA und der NATO zu einer Eskalation der Gewalt kommen könnte, vielleicht sogar zu einem Bürgerkrieg in Afghanistan. Ist es das, worauf wir tatsächlich gefasst sein müssen?

Nahid Shahalimi: Es ist genau so, wie Sie es beschrieben haben. Und es geht nicht nur um diese Angst, dass ein Blutbad beginnen könnte oder noch einmal ein Bürgerkrieg. Man muss dazu sagen, dass dieser Krieg nie zu Ende gegangen ist, seit 40 Jahren sind wir im Krieg dort. Aber in den letzten 20 Jahren haben wir auch sehr viele positive Dinge erreicht, die nicht sehr oft gezeigt werden außerhalb von Afghanistan oder in den internationalen Medien. All das kann man nun wieder verlieren. Vor 20 Jahren haben wir nur mit den Taliban zu kämpfen gehabt, heute haben wir 22 terroristische Gruppen mit al-Qaida, ISIS und anderen. Es ist eine komplett andere Welt – mit den Strategien, die man vor 20 Jahren hatte, kann man heute keinen Frieden schaffen.

Das heißt, die Lage ist immer noch nicht gut, und sie droht jetzt wieder schlimmer zu werden. Und trotzdem: Welche positiven Entwicklungen in diesem Land hat es denn gegeben in den 20 Jahren, die Sie gerade angesprochen haben?

Viele wissen nicht, dass ungefähr 64 Prozent der Afghanen unter 25 Jahre alt sind. Das ist eine sehr junge Gesellschaft, und diese junge Gesellschaft wurde nach den Taliban geboren. Zwar gab es Krieg, aber die Freiheiten, die internationale Organisationen ins Land gebracht haben – die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, die Deutschen, die NATO, die Amerikaner –, auch die muss man zeigen. Es gab überall ganz tolle Programme, statistisch gesehen haben zum Beispiel viel mehr Mädchen und viel mehr Jungs eine Ausbildung, die viel höher ist als vor 20 Jahren. Diese junge Gesellschaft ist sehr aktiv, es gibt zivilgesellschaftliche Aktivisten, junge Leute machen alles Mögliche von Musik, Kultur, Kunst bis zur Doktorarbeit. Innerhalb, aber auch außerhalb von Afghanistan. Und dann gehen die wieder zurück und arbeiten dort. Solche Geschichten werden selten gezeigt, wenn man von Afghanistan redet, speziell von afghanischen Frauen, dann denkt man an Unterdrückung oder Gewalt gegen sie. Ja, diese Gewalt gibt es. Aber warum sehen wir nicht auch die andere Seite dieser Welt? Es gibt eine Parallelwelt in Afghanistan, die fast nie gezeigt wird.

Sie haben diese andere Seite gezeigt, in Ihrem Buch "Wo Mut die Seele trägt", erschienen 2017. Darin ging es um Frauen in Afghanistan. Sie haben Frauen besucht, sind durch das Land gereist, haben Interviews geführt. Welches Bild hat sich da für Sie ergeben?

Ich kannte diese Frauen aus den sozialen Medien, dann bin ich 19-mal nach Afghanistan gereist für dieses Buch und den Dokumentarfilm und habe jeden Tag fünf von ihnen getroffen. In jeder Ecke von Afghanistan. Es ging nicht nur um Kabul, überall im Land gab es diese inspirierenden Frauen. Afghanistan hat auch Nationalmannschaften für Fußball, Volleyball, die spielen in Tadschikistan oder Indien wie alle anderen Mannschaften. Die haben absolut kein Geld, aber die machen es trotzdem, zum Beispiel mit Sponsoren. Es gibt Taxifahrerinnen, es gibt viele Ministerinnen, und die Geschäftsfrauen haben eine große Macht in Afghanistan, besonders in großen Städten. Aber es gibt auch einen Krieg, vor dem sie sich jeden Tag schützen müssen. Ein normaler Tag für eine Frau in Afghanistan ist nicht so, wie ich das hier in München erlebe: Wenn man in Afghanistan das Haus verlässt, ist man wirklich nicht sicher, ob man zurückkommt. Die Probleme für Frauen sind also groß, aber dennoch schaffen sie es. 

Die Fülle der Beispiele, die Sie nennen, spricht dafür, dass Sie auf eine Art Welt der Hoffnung gestoßen sind. Ich nehme an, Sie haben weiterhin Kontakt zu Frauen in Afghanistan: Ist jetzt, da die Truppen aus dem Westen abziehen, aus diesem Hoffen ein Bangen geworden? Oder verbinden sich vielleicht sogar neue, andere Hoffnungen mit dem Abzug?

Die Afghanen wollen die Truppen raus haben, aber es gibt eine strukturierte Art, das zu machen. Ich meine, wir wussten, dass die Truppen der NATO und der USA irgendwann rausgehen würden, aber es war schockierend, zu hören, dass Biden auf einmal sagte, das solle auf "bedingungslose" Art geschehen. Das bedeutet: Egal was passiert, wir gehen raus. So was kann man für ein Land wie Afghanistan nicht sagen, denn wenn die Taliban zurückkommen, mit oder ohne eine Friedens-Abmachung, dann hat die afghanische Regierung nicht genug Macht, dagegen anzugehen. Ohne die Logistik der NATO und der US-Truppen ist die afghanische Armee nicht stark genug gegen 22 terroristische Gruppen.

Afghanistan ist, Sie haben es gesagt, eine sehr junge Gesellschaft. Seit dem Sturz der Taliban 2001 hat das Land vier Präsidentschaftswahlen erlebt. 20 Jahre Demokratie sind für viele also ein großer Teil ihres Lebens. Kann man daraus etwas Zuversicht schöpfen, dass die Demokratie in vielen Köpfen ein Stück weit verankert ist?

Ich glaube, dass dieses Wort "Demokratie" in Afghanistan eine andere Bedeutung hat. Aus meiner Sicht war das ein großes Problem und eine falsche Strategie, mit der die internationale Gemeinschaft ins Land gegangen ist: Man kann nicht in ein Land, das immer extrem konservativ war, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, die Flagge der Demokratie bringen. Das ist immer falsch gewesen. Demokratie hat für mich und für Sie eine andere Bedeutung als für die Menschen in Afghanistan. Die wollen ihre Traditionen behalten, aber sie wollen auch ganz normale Menschenrechte haben. Demokratie kann man dort nicht in der gleichen Form etablieren, das ist einfach so.

Am Wochenende soll eine Friedenskonferenz zu Afghanistan in Istanbul beginnen. Die Taliban boykottieren die Konferenz und haben schon erklärt, sie nehmen erst nach dem vollständigen Truppenabzug an solchen Konferenzen teil. Da könnte man jetzt denken, vielleicht ist der Abzug nicht das Problem, sondern sogar die Lösung, weil dann ja endlich alle zum Verhandeln an einem Tisch sitzen. Oder wäre es naiv, das zu glauben, weil nicht anzunehmen ist, dass die Taliban an Frieden interessiert sein könnten?

Die Taliban interessieren sich schon für den Frieden, aber die Bedeutung von "Frieden" ist für sie nicht die Gleiche wie für uns. Die haben nicht vor, nach Istanbul zu kommen. Die Konferenz dort ist nicht nur einmal, sondern bereits zweimal verschoben worden. Und jetzt hängt wirklich alles in der Luft, alle haben große Angst. Ich selbst hatte vor, in zwei Monaten nach Afghanistan zu reisen. Aber ich glaube nicht, dass ich das tun werde, denn es ist dort jetzt gerade nichts sicher. Es könnte jeden Moment passieren, dass ein Bürgerkrieg hochgeht oder die Taliban losmarschieren oder sonst etwas – man hat absolut keine Ahnung, was in den nächsten zwei Monaten passiert. Es sind sehr wichtige zwei Monate für diese Region und die Politik dort, falls Afghanistan wieder in die Hände von Extremisten gerät. Denn jetzt haben wir nicht nur Taliban in dieser Gegend, wir haben wirklich eine andere Welt des Extremismus als vor 20 Jahren.

"Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan" von Nahid Shahalimi ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Das Gespräch aus der kulturWelt können Sie hier nachhören.