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Ein großer Anteil der globalen Landfläche hat sich durch einen Wechsel in der Landnutzung verändert. Unter anderem durch globalisierte Märkte.

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Weltweite Landnutzung ändert sich viel stärker als gedacht

Wälder werden abgeholzt, um Sojabohnen oder Kaffee anzubauen, Ackerflächen wachsen immer weiter an. Aber nicht nur, sagt eine neue Studie: Auf der Nordhalbkugel wachsen die Wälder, weil der Norden das Problem in den Süden exportiert.

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Von
  • Heike Westram

Flächennutzung und ihre Veränderung ist ein Thema von globaler Bedeutung für viele aktuell brennende Themen wie Klimaschutz, Kohlendioxid-Emissionen, Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung oder Lebensraum-Verlust bedrohter Arten. Etwa wenn tropische Regenwälder in Rauch aufgehen, um zu Ackerfläche zu werden. Solche Veränderungen der Flächennutzung werden auch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) erforscht.

Enorme Veränderungen in der Nutzung von Landflächen

Auf einer Fläche, die fast einem Drittel der weltweiten Landfläche entspricht, hat sich in den vergangenen 60 Jahren die Landnutzung geändert, lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie des KIT. Die Veränderung der Flächennutzung sei damit viermal häufiger als bislang vermutet, so die Forscher um Karina Winkler. Pro Jahr ändere sich die Landnutzung auf einer Fläche von durchschnittlich 720.000 Quadratkilometern - etwa doppelt so viel wie die Fläche Deutschlands. Das ist allerdings ein kleines Rechenspiel der Studienautoren: Flächen, deren Nutzung sich in den sechs Jahrzehnten mehrfach änderte, wurden auch mehrfach gerechnet. Veröffentlicht wurde die Studie jetzt in dem Fachmagazin Nature Communications.

Gesucht: Ursachen der Nutzungsänderungen

Dabei ist aber nicht so sehr die schiere Größe der Landfläche mit geänderter Nutzung im Fokus der Forscher, sondern das Wie und vor allem Warum der Veränderung. Denn die Veränderungen der Landnutzung laufen in viele Richtungen zugleich: Ackerbauflächen wachsen an, werden aber auch wieder stillgelegt, Wälder werden abgeholzt, aber auch aufgeforstet.

Der Norden exportiert die problematische Landnutzung

Doch bei allem Hin und Her zeigte die Studie den Forschern einige klare Trends. Etwa, dass auf der Nordhalbkugel die Wälder wieder wachsen, weil Ackerbau und Weideflächen in den Süden exportiert werden - wir forsten auf, weil unsere Lebensmittel anderswo produziert werden. So wachsen Weideflächen vor allem in China und Brasilien, während in Europa und den USA landwirtschaftliche Flächen eher stillgelegt werden. In Nigeria schlägt vor allem der Kakao-Anbau in der Flächennutzung zu Buche, in Südostasien fallen vor allem Veränderungen der Flächennutzung zugunsten von Palmölplantagen auf. Insgesamt sei auf der Südhalbkugel die Flächennutzung für den Export gewachsen, so die Forscher.

Globale Marktwirtschaft treibt die Veränderungen an

Die Wissenschaftler haben dabei einige überraschende Treiber des Geschehens ausfindig gemacht: Die Globalisierung der Märkte sorgte beispielsweise seit den 1990er-Jahren dafür, dass die landwirtschaftlichen Flächen auf der Südhalbkugel immer weiter anwuchsen. Dieser Trend wurde durch den steigenden Ölpreis weiter angetrieben, da Bio-Kraftstoff aus Mais oder anderen nachwachsenden Rohstoffen plötzlich heiß begehrt war. Daraus resultierende Preissteigerungen für Nahrungsmittel und eine stetig wachsende Weltbevölkerung ließen die Sorge um Nahrungsmittelsicherheit wachsen, so die Forscher. Und das führte wiederum zu massivem Landankauf und Investitionen des Nordens auf der Südhalbkugel. Bis etwa ins Jahr 2005 beschleunigte sich aufgrund dieser und anderer Faktoren die Veränderung in der Landnutzung, so ein Ergebnis der Studie.

Weltweite Finanzkrise kehrte den Trend um

Danach brach die Entwicklung ein - die Veränderungen der Landnutzung verlangsamten sich in den folgenden 15 Jahren. Hauptgrund nach Ansicht der Autoren der Studie: die weltweite Finanzkrise 2007 bis 2009. Die sorgte für eine weltweit sinkende Nachfrage nach Produkten - unter anderem auch beim Nahrungsmittel-Import. Die Folge: das Wachstum der landwirtschaftlich genutzten Flächen auf der Südhalbkugel nahm ab. Zunehmende Sorge um Nachhaltigkeit in der Landnutzung könnte ebenfalls dazu beigetragen haben, heißt es in der Studie.

Unterm Strich: Viel Wald verloren für noch mehr Äcker und Weiden

Über den gesamten Zeitraum von 60 Jahren betrachtet, beträgt der weltweite Verlust an Wäldern fast eine Million Quadratkilometer, während Acker- und Weideflächen um je fast eine Million Quadratkilometer angewachsen sind. Die größten Veränderungen in der Landnutzung finden sich vor allem im Bereich der Landwirtschaft - und das vor allem auf der Südhalbkugel.

Detaillierter Blick auf einzelne Landnutzungs-Geschehen weltweit

Das ist, grob vereinfacht, der Fokus der Studie. Sie zeigt im Detail noch weitaus mehr Einflüsse auf Landnutzungs-Änderungen auf. Beispielsweise führt die zunehmende Industrialisierung auch zur Intensivierung der Landwirtschaft - und damit werden für den Ackerbau genutzte Flächen plötzlich wieder frei oder gar zu neuen Wäldern aufgeforstet. Auch der Klimawandel ist immer wieder Ursache für eine veränderte Landnutzung: In Sibirien haben sich die Vegetationszonen verschoben, in Äthiopien macht anhaltende Dürre Ackerflächen unbrauchbar. Und auch Verwüstung - die Ausbreitung von Wüstengebieten - zählt zur Änderung der Flächennutzung.

Winkler und ihre Kollegen werfen in ihrer Einschätzung historischer Landnutzungsänderungen im Projekt HiLDA+ einen sehr detaillierten Blick auf das Geschehen: Sie untersuchten die Nutzung von Landflächen auf bis zu einem Kilometer genau und in ihrer jährlichen Veränderung. Dazu kombinierten sie Big Data der Satelliten-Vermessungen mit staatlichen Statistiken wie Exportentwicklungen und anderen verfügbaren Daten, etwa über Extremwetterereignisse, und versuchten so, ein komplexes Bild erkennbar zu machen.

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Die Fläche Bayerns ist zu über 80 Prozent bedeckt von Feldern und Wald. Doch eben nicht nur. In einem Jahr kommt dabei rein rechnerisch eine Fläche zusammen, die halb so groß ist wie der Chiemsee.

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