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Super-immun gegen Corona? Was passiert bei Hybrid-Immunität

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Super-Immunität gegen Corona: Wenn B-Zellen reifen

Menschen, die gegen Corona geimpft und von einer Covid-19-Erkrankung genesen sind, zeigen eine Super- oder Hybrid-Immunität. Was in diesem Fall die Immunität so stärkt, könnte den Kampf gegen das Coronavirus und die Pandemie voranbringen.

Von
Heike WestramHeike Westram
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In jüngster Zeit zeigen einige Studien, dass es gegen das Sars-CoV-2-Virus eine Form der Immunität gibt, die offenbar eine stärkere oder länger anhaltende Immunantwort auf das Coronavirus mit sich bringt: die Hybrid-Immunität. Den alternativen Begriff der Super-Immunität vermeiden Wissenschaftler, aus gutem Grund.

Was ist Hybrid-Immunität?

Nicht nur eine Corona-Impfung aktiviert das Immunsystem, Antikörper gegen das Coronavirus zu produzieren, auch eine Infektion mit Corona bringt zunächst Immunität mit sich. Von Hybrid-Immunität spricht man bei Personen, die sowohl geimpft als auch genesen sind.

Wie lange überleben Antikörper nach der Impfung oder Corona-Infektion?

Bei der Immunität geht es um zwei Aspekte: Wie stark fällt die Immunantwort des Körpers aus? Wie viele Antikörper gegen Corona bilden sich? Und: Wie lange bleiben die Antikörper?

Mittlerweile hat sich gezeigt, dass der Antikörper-Spiegel im Blut sowohl bei Geimpften als auch bei Genesenen innerhalb weniger Monate stark abnimmt.

Denn die akut entstehenden Antikörper sind kurzlebig und sterben mit der Zeit ab. Der Antikörper-Spiegel im Blut sinkt. Doch wie schnell? Dafür interessieren sich derzeit mehrere Studien. Sie deuten darauf hin, dass etwa Kreuzimpfungen der beiden mRNA-Impfstoffe Biontech und Moderna längeren Impfschutz bieten als Mehrfach-Impfungen mit einem Impfstoff.

Deutlich länger hielt die Immunität in diesen Studien an, wenn die Geimpften vor oder nach der Impfung mit Corona infiziert waren und damit sowohl geimpft als auch genesen waren. Das zeigten Studien in Israel, die allerdings noch nicht begutachtet sind.

Entscheidender sind die Gedächtniszellen

Das hat offenbar nichts mit den Antikörperspiegeln zu tun, sondern bringt einen anderen starken Player des Immunsystems ins Spiel: die Gedächtniszellen.

Diese sorgen dafür, dass bei erneutem Kontakt mit einem Coronavirus sofort, innerhalb weniger Stunden, neue Antikörper gebildet werden. Dieser Teil der Immunantwort schützt zwar nicht vor einer Infektion, verhindert aber zumeist einen schweren Verlauf von Covid-19.

Jedes Mal, wenn die Gedächtniszellen erneut mit dem Coronavirus in Kontakt kommen, lernen sie offenbar dazu. Deshalb wird auch für Genesene eine Impfung und für Geimpfte die Booster-Impfung dringend empfohlen.

B-Zellen bilden Antikörper von unterschiedlicher Qualität

Dabei scheinen insbesondere die B-Zellen für die Flexibilität und Stärke der Immunantwort ausschlaggebend zu sein. Wie T-Gedächtniszellen sind auch die B-Zellen weiße Blutkörperchen (Leukozyten). Sie bilden sich bei einer Infektion oder Impfung in den Lymphknoten oder der Leber und bleiben auch nach der akuten Reaktion des Immunsystems. Es sind die Zellen, die bei erneutem Kontakt mit Corona Antikörper bilden.

Doch offenbar ist die Qualität der gebildeten Antikörper unterschiedlich gut. Studien deuten darauf hin, dass die B-Zellen im Falle der Hybrid-Immunisierung nicht nur in größerer Zahl auftreten, sondern auch "bessere" Antikörper produzieren, die auf verschiedene Varianten des Sars-CoV-2 reagieren, teilweise sogar auf andere Coronaviren oder auch die Erreger anderer Erkältungskrankheiten.

Bessere Immunantwort gegen Omikron?

Eine erste, kleine Studie aus Österreich, die allerdings noch nicht begutachtet und von anderen Wissenschaftlern überprüft ist, hat bei zehn Geimpft-Genesenen oder Genesen-Geimpften auch eine stärkere Antwort auf die Variante Omikron gefunden als jede Impfung. Bei diesen niedrigen Zahlen ist jedoch die Aussagekraft der Studie gering.

Was lässt die B-Zellen reifen?

Jetzt rätseln Forschende, warum die B-Zellen bei Hybrid-Immunisierung wirksamer sind. Ein Grund könnte sein, dass bei einer Infektion der Körper vom Coronavirus mehr kennenlernt als nur das Spike-Protein (das für die Vektor- und mRNA-Impfstoffe maßgeblich ist) und daher andere Stellen am Virus kennenlernt, die die Antikörper attackieren können. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass bei einer Infektion - anders als bei einer Impfung - massenhaft Viren in verschiedenen Körperregionen auftauchen - und damit auch häufiger in der Nähe der Lymphknoten, wo die B-Zellen vor allem gebildet werden.

Mit jedem Mal, bei dem der Körper mit Corona oder Bestandteilen des Virus in Kontakt kommt, nimmt die Zahl der B-Zellen zu. Und damit steigt auch die Zahl der von ihnen produzierten Antikörper. "Sie explodieren förmlich", formulierte es der Immunologe Rishi Goel der Universität Pennsylvania, der Hybrid-Immunität erforscht.

Noch wichtiger als die reine Zahl aber ist, dass die Antikörper immer "stärker" werden: Mit jedem Corona-Kontakt reifen die B-Zellen offenbar und liefern Antikörper von immer höherer Qualität, die mit Mutationen am Virus immer besser zurechtkommen.

Super-Immunität könnte eine Frage der Zeit sein

Ob diese Reifung der B-Zellen wirklich davon abhängt, dass es neben der Impfung auch eine Infektion mit Corona gab, ist aber noch offen. Der Faktor Zeit könnte entscheidender sein, meint Ali Ellebedy, Immunologe an der Washington University in St. Louis, Missouri. Es wundere ihn gar nicht, dass die B-Zellen bei Personen, die sowohl genesen als auch geimpft sind, so viel besser abschneiden. Darunter seien viel mehr Menschen, deren erster Kontakt mit Corona schon viel früher stattgefunden habe als in den Vergleichsgruppen.

Super-Immunität könnte also auch eine Frage der Zeit sein. Dafür sprechen auch Studien, die zeigen, dass die Immunantwort länger anhält, wenn zwischen einzelnen Impfungen mehr Zeit liegt.

Was bedeutet das für jeden Einzelnen?

Zunächst ganz klar: Lassen Sie sich impfen, auch wenn Sie schon von einer Coronainfektion genesen sind.

Sind Sie bereits geimpft, doppelt geimpft oder auch schon geboostert: Vermeiden Sie dennoch jede Ansteckung. Denn auch wer geimpft ist, riskiert bei einer Corona-Infektion eine schwere Erkrankung.

"Es gibt ja sehr häufig die Diskussion, dass eine Infektion das Immunsystem besser trainiere als eine Impfung. Das ist aus medizinischer Sicht nicht nachvollziehbar. Im Gegenteil: Die Infektion verläuft ja mit vielen bekannten Komplikationen von Blutgerinnseln über fortbestehende Symptome: Post und Long Covid. Also aus meiner Sicht gibt es wirklich gar keinen Grund, eine Sars-Coronavirus-2- Infektionen wissentlich in Kauf zu nehmen. Im Gegenteil. Wir wissen, dass diese Erkrankung mit ausgesprochen vielen Komplikationen einhergeht und für Erwachsene alles andere als eine harmlose Infektionskrankheit ist." Dr. Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum Rechts der Isar, München

Der Effekt der Hybrid-Immunisierung kann jedoch pandemologisch interessant sein: Sollte sich eine Variante wie Omikron rasant ausbreiten und auch Geimpfte infizieren, gibt es die Hoffnung, dass im Anschluss viele Menschen von Hybrid-Immunität profitieren. Auch wenn zunächst mehr Impfdurchbrüche auch zu mehr Erkrankungen und einer starken Belastung des Gesundheitssystems führen werden.

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Bildrechte: picture alliance/dpa | Angelika Warmuth

Gibt es eine Super-Immunität bei Corona? Dr. Christoph Spinner vom Münchner Klinikum Rechts der Isar antwortet im Podcast vom 30.12.2021 auf diese und viele andere Fragen.

Quellen und Links:

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