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Rückblick: Als das Coronavirus nach Bayern kam | BR24

© dpa / Sven Hoppe

Die erste Infektion erreichte Bayern Ende Januar. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Hamsterkäufe, Schulschließung, Ausgangsbeschränkung.

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Rückblick: Als das Coronavirus nach Bayern kam

Am 27. Januar informiert das Gesundheitsamt die Öffentlichkeit über den ersten Coronavirus-Fall in Deutschland: Ein Mitarbeiter der oberbayerischen Firma Webasto ist positiv getestet worden und somit "Patient 1". Eine Chronologie der ersten Wochen.

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Ende Januar werden einige Menschen aus Oberbayern positiv auf das Coronavirus getestet - die ersten bestätigten Infektionen in Deutschland. Dennoch scheint in den darauffolgenden zwei Wochen alles unter Kontrolle zu bleiben: Die Anzahl weiterer Corona-Fälle ist überschaubar, die Infektionsketten können gut nachvollzogen werden. Kontaktpersonen gehen in Quarantäne.

Erst ab Fasching 2020 überschlagen sich die Ereignisse: Sprunghaft ansteigende Infektionszahlen, Hamsterkäufe, Schulschließungen, Ausgangsbeschränkungen, Maskenpflicht.

Eine Chronologie, wie das Coronavirus vor einem halben Jahr nach Bayern kam.

23. Januar: Chinesische Kollegin hält Schulung bei Webasto

Vom 19. bis 23. Januar hält sich eine Chinesin am Hauptsitz ihrer Firma Webasto im Gautinger Ortsteil Stockdorf (Landkreis Starnberg) auf und leitet eine Mitarbeiter-Schulung, bei der auch ein 33-jähriger Kollege aus dem Landkreis Landsberg am Lech sitzt. Auf ihrem Rückflug bemerkt die Frau erste Symptome, nach ihrer Rückkehr nach China wird sie positiv getestet.

27. Januar 2020: Erster Coronavirus-Fall in Deutschland

Am 25. und 26. Januar bemerkt der 33-jährige Webasto-Mitarbeiter ebenfalls Krankheitssymptome. Er meldet sich krank, weil er sich "grippig" fühlt. Einen Tag später, am 27. Januar 2020, fühlt er sich allerdings schon wieder fit und geht zur Arbeit. Doch am selben Tag bekommt die Firma die Nachricht von der Coronavirus-Infektion der Mitarbeiterin aus China.

Der Mann lässt sich daraufhin im Münchner Tropeninstitut testen. Ergebnis: positiv. Der Ernstfall ist eingetreten - das "neuartige Coronavirus" - wie es damals noch überall heißt, ist nun auch in Bayern angekommen. Noch in der selben Nacht, kurz vor Mitternacht, informiert das Gesundheitsamt die Öffentlichkeit über den ersten Coronavirus-Fall in Deutschland.

28. Januar: Pressekonferenz zum Coronavirus, vier Fälle in Bayern

Die bayerische Taskforce für Infektiologie, das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und das Bayerische Gesundheitsministerium erklären in einer ersten Pressekonferenz die Hintergründe: Die Frau, die das Coronavirus nach Bayern brachte, stammt aus Shanghai, hatte aber wenige Tage vor ihrer Reise nach Bayern Besuch von ihren Eltern, die aus der Region Wuhan stammen. Zum Zeitpunkt ihres Besuchs in Bayern hatte die Frau selbst noch keine Symptome.

In Berlin tritt am selben Tag Gesundheitsminister Jens Spahn vor die Kamera. Er betont, dass das Virus ernst genommen werde. Kliniken sollten künftig auch schon begründete Verdachtsfälle auf das Coronavirus an das Robert Koch-Institut melden - nicht nur bestätigte Fälle. "Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Deutschland bleibt nach unserer Einschätzung weiterhin gering", bekräftigt Spahn. Und: "Für übertriebene Sorge gibt es keinen Grund."

Bei Webasto sind inzwischen weitere Angestellte getestet worden: Drei weitere Mitarbeiter sind mit dem Coronavirus infiziert, sie werden auf der Isolierstation im Schwabinger Krankenhaus medizinisch betreut. Bei den nun insgesamt vier Infizierten handelt es sich um drei Männer im Alter von 27, 33 und 40 Jahren und eine 33-jährige Frau. Der Zulieferer schließt daraufhin für rund zwei Wochen seinen Stammsitz in Stockdorf. Mitarbeiter werden ins Homeoffice geschickt, Angehörige müssen in Quarantäne.

In Bayern zeigen sich zu diesem Zeitpunkt die meisten Menschen noch unbesorgt, wie mehrere BR-Interviews zeigen. Alle kennen die Bilder aus Wuhan - die inzwischen abgeriegelte 11-Millionen-Stadt. Doch China scheint weit weg. Laut WHO gibt es am 28. Januar 2020 weltweit 4.385 bestätigte Infektionen mit dem Coronavirus, in Deutschland vier.

© BR / Vera Cornette

Rückblick: Erster Coronavirus-Fall in Deutschland - Rundschau-Beitrag vom 28. Januar 2020.

29. Januar: Erste Warnhinweise am Münchner Flughafen

Ende Januar landen die letzten Passagiermaschinen aus China. Dort sind bereits mehrere Städte abgeriegelt und Millionen Menschen in Quarantäne.

Am Münchner Flughafen warnen nun auch Plakate vor dem "neuartigen Coronavirus": Man solle bei bestimmten Symptomen einen Arzt aufsuchen. Einreisekontrollen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch nicht - die Lufthansa und andere Airlines, wie British Airways, streichen jedoch ihre Flüge nach China.

Am 29. Januar beginnt in Nürnberg die Internationale Spielwarenmesse, mehr als 70.000 Menschen aus der ganzen Welt werden erwartet. Die ersten wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus sind jedoch durch die ausbleibenden chinesischen Reisegruppen schon zu spüren.

Seit den ersten Fällen bei Webasto werden Hygieneprodukte verstärkt nachgefragt. Ende Januar 2020 sind Mundschutzmasken und Desinfektionsmittel fast überall ausverkauft. Die Zahl der weltweiten Corona-Toten ist auf 132 gestiegen.

Webasto lässt an diesem Tag 80 weitere Mitarbeiter auf das Coronavirus testen. Am 29. Januar gibt es weiterhin vier bestätigte Coronavirus-Infektionen in Bayern - alle vier Fälle sind Webasto-Mitarbeiter.

Aus der Sicht von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gibt es keinen Grund zur Sorge. "Ich glaube schon, dass es Anlass gibt zu höchster Sorgfalt, aber noch keinen zu Panik", sagte er am Rande seiner Russlandreise in Moskau.

30. Januar: Erste Infektion eines Familienmitglieds

Zwei Coronavirus-Patienten aus dem Landkreis Traunstein werden am 30. Januar ins Krankenhaus gebracht: Ein Mann, auch er arbeitet bei Webasto, und seine Tochter. Zum ersten Mal wird in Deutschland eine Infektion auf ein Familienmitglied übertragen.

Einen Tag später, am 31. Januar, gibt es in Bayern einen siebten bestätigten Coronavirus-Fall: Ein Webasto-Mitarbeiter aus dem Landkreis Fürstenfeldbruck. Alle sieben bayerischen Coronavirus-Patienten befinden sich im Klinikum Schwabing. Sie zeigen fast keine bis leichte Symptome.

1. Februar: 8 Fälle - Zahl der Infizierten in Bayern überschaubar

Das bayerische Gesundheitsministerium teilt mit, dass es einen achten Coronavirus-Fall gibt. Angesteckt hat sich ein 33-jähriger Münchner. Auch er arbeitet bei Webasto.

Die Zahl der Infizierten in Bayern bleibt überschaubar und beschränkt sich auf Webasto-Mitarbeiter und ihre Familienmitglieder. Kontaktpersonen können Anfang Februar noch genau zurückverfolgt werden. Das Virus scheint in Bayern unter Kontrolle zu sein.

Die mit dem Virus infizierten Menschen, die sich weiterhin im Schwabinger Krankenhaus befinden, zeigen weiterhin sehr milde Symptome, sie sind nach Auskunft eines Kliniksprechers kaum von einer gewöhnlichen Erkältung zu unterscheiden.

Doch die Bilder aus China verunsichern die Menschen: Bei der neu eingerichteten Coronavirus-Hotline beim Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) gehen rund 500 Anrufe täglich ein. Wegen der hohen Nachfrage wird das Personal aufgestockt.

2. Februar: Erste Corona-Fälle ohne Webasto-Bezug

In Deutschland gibt es nun zehn Menschen mit einer bestätigten Coronavirus-Infektion. Neben den sieben Webasto-Mitarbeitern und der fünfjährigen Tochter eines Beschäftigten wird das Virus bei zwei aus Wuhan ausgeflogenen Deutschen nachgewiesen. Allen acht bayerischen Infizierten geht es gut.

Am Abend werden ein elfter und zwölfter Corona-Fall in Deutschland bekannt gegeben: Ein zweites Kind des Webasto-Mitarbeiters aus Trostberg und ein weiterer Webasto-Mitarbeiter.

12. Februar: Trügerische Sicherheit

Der Zulieferer Webasto hat einen Tag zuvor seine Unternehmenszentrale in Stockdorf wieder geöffnet. Eine Spezialfirma hat das komplette Gebäude desinfiziert.

Laut WHO gibt es am 12. Februar 45.200 bestätigte Coronavirus-Infektionen. In Bayern laut LGL 17.

Die Behörden gehen davon aus, dass sie die Ausbreitung des Virus kontrollieren können. Ein Irrtum, wie sich spätestens im März 2020 zeigen wird.

22. Februar: Erster Todesfall in Europa

Der erste Mensch aus Europa stirbt am Coronavirus: Ein 78-jähriger Mann aus Padua. Er war mit einem Verdacht auf Grippe ins Krankenhaus gebracht worden. Während in Italien der Karneval in Venedig abgesagt wird, finden in Bayern noch Faschingsveranstaltungen statt. Viele Menschen nutzen die Schulferien auch, um nach Österreich zum Skifahren zu fahren.

Am Faschingsdienstag (25. Februar) tritt der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz vor die Presse: Er informiert die Öffentlichkeit über die ersten beiden bestätigten Coronavirus-Infektionen in Österreich. Ab diesem Zeitpunkt steigt die Zahl der Infizierten in Österreich und Italien sprunghaft an, das Coronavirus verbreitet sich rasend schnell.

26. Februar: Spahn spricht erstmals von "Corona-Epidemie"

Beim Politischen Aschermittwoch in Bayern sind die Hallen aller Parteien bis auf den letzten Platz besetzt. Am selben Tag werden weitere Coronafälle in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg bekannt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn räumt zum ersten Mal ein, dass die bisherige Strategie der Bundesregierung, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, nicht mehr funktioniert: "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland. Die Infektionsketten sind teilweise - und das ist die neue Qualität - nicht nachzuvollziehen", gibt der Minister bekannt.

Damit ist - vier Wochen nach der ersten bestätigten Infektion in Oberbayern - nach Einschätzung der Bundesregierung an diesem Aschermittwoch eine neue Situation in Deutschland eingetreten.

  • Klicktipp: Im Tiroler Skiort Ischgl haben sich Anfang März wohl hunderte Touristen mit dem Coronavirus infiziert. Unsere BR-Datenauswertung zeigt, wie sich das Virus nach Deutschland und Europa verbreitet haben könnte.

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