Gespräch mit Yishai Sarid Psychologie des Tötens

Die Kampf- und Tötungsmoral von Soldaten zu verbessern, das ist der Job der Psychologin Abigail. In seinem Roman "Siegerin" erzählt der israelische Autor Yishai Sarid vom Funktionieren, Siegen und Überleben.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 19.02.2021

Sperrmauer mit Graffito von Banksy, palästinensische Seite, zwischen Bethlehem, Westjordanland und Jerusalem, Israel | Bild: picture alliance / imageBROKER | Hartmut Pöstges

"It's your good fortune - ihr in Europa habt Glück", sagt Yishai Sarid, "nach Jahrhunderten voller schrecklicher Kriege lebt ihr in friedlicheren Zeiten - hier im Nahen Osten aber ist Krieg immer präsent, auf gewisse Weise wie im Mittelalter. Es ist die gleiche moderne Welt, aber junge Leute in Israel werden irgendwann zum Militär eingezogen, man erwartet grauenhafte Dinge von ihnen und sie werden andere Menschen töten." Und genau da setzt der der Job der Ich-Erzählerin in Sarids neuem Roman an, "Siegerin": Solche Erwartungen zu klären, und so die Kampffähigkeit von Soldaten und Soldatinnen zu stärken.

"'Die Menschen sind weichliche Wesen', begann ich meinen zweiten Vortrag im Batallionführerkurs. 'Die meisten schrecken vorm Töten zurück, außer den wenigen, die dazu geboren sind, für die Töten eine natürliche Verhaltensweise ist. Das Militär hat die Aufgabe, die weichliche Mehrheit zum Töten auszubilden.'"

Zitat aus: Die Siegerin

So hart, so deutlich. Und nein, wir sehen im weiteren Verlauf nicht einer Zynikerin dabei zu, wie sie doch noch so etwas wie ein Gewissen entwickelt. "Abigail ist Expertin für die Psychologie des Tötens, doch dann wird ihr Sohn eingezogen", so beschreibt der Verlag das Buch, und schon entsteht eine Vorstellung, wie es weitergehen könnte: Abigail könnte sich, einmal selbst so unmittelbar bedroht, vom Saulus zum Paulus wandeln und ihre Haltung zum Krieg und zum Töten ändern.

Israel zahlt einen Preis für seine Stärke

Doch diese Geschichte wäre für diesen Autor wohl zu simpel, zu wohlfeil und zu weit weg von der Wirklichkeit. Yishai Sarid, Schriftsteller und Rechtsanwalt in Tel Aviv, untersucht in seinen Romanen die extremen Spannungen in israleischen Biographien. Ein Land, in dem sich die unschönen Fragen nach Siegen oder Verlieren sehr praktisch stellen, oder, wie er sagt, das für seine Stärke einen hohen Preis zahlt. Aber eben zahlt - Sarid selbst hat sich seinerzeit für einen Militärdienst über die Wehrpflicht hinaus entschieden.

"Wir müssen stark sein", ist die einfachste und direkteste Schlussfolgerung aus der - auch nur mit monsterhaften Energien und Verfahren aufrechtzuerhaltenden –Erinnerung an den Holocaust, das stand im Mittelpunkt seines letzten Buchs "Monster". Um Gewalt, Selbstverteidigung und den Zwang zum Sieg kreist auch der neue Roman. Während der Gedenkstätten-Guide in "Monster" inmitten unlösbarer Dilemmata langsam durchdreht, untersucht "Siegerin" eine andere Haltung. Hier ist die Hauptfigur pragmatisch und weitgehend empathiefrei. Für sie ist Krieg keine Moralfrage, erklärt Sarid, sondern schlicht eine gegebene Wirklichkeit: "Das ist Teil des Horrors -  sie stellt keine Fragen, sie schaut nicht auf die andere Seite, sie erhascht höchstens mal einen winzigen Blick."

Immunisierung junger Rekruten

Die andere Seite, das ist einfach die, die als erste abdrücken, zünden, bombardieren, feuern, zuschlagen wird, wenn sie noch die Gelegenheit dazu hat. Abigail ist Expertin für die Psychologie des Tötens, eine erfolgreiche und bekannte Beraterin des israelischen Militärs. Vor den Einsätzen ist ihr Ziel die Immunisierung junger Rekruten gegen Kriegstraumata, nach den Einsätzen therapiert sie die, bei denen das nicht geklappt hat. Sie entwirft Testreihen mit "kontrollierten Albträumen", lässt Soldatinnen entführen und glauben machen, sie seien dem Feind in die Hände gefallen. "Die abschließende Aufarbeitung mit den Soldaten ergab, dass sie das erwartete Verhalten tief verinnerlicht hatten", lautet ihr nüchterner Bericht.

Der Vater, Analytiker alter Schule, berühmt, aber schwach, wirft seiner Tochter Karrierismus und Skrupellosigkeit vor. Es entspannt sich gleich ein ganzes Netz von Verstrickungen wie aus dem Psychoanalyse-Lehrbuch: Vaterkomplex, Flirt mit einer Patientin, Faszination an der militärischen Macht über Leben und Tod. An Selbsterkenntnis mangelt es nicht. Wegen deren Mordlust fühle sie sich ja zu diesen Monstern hingezogen, sagt die Hautfigur. "Siegerin" schlüsselt den Loyalitätskonflikt zwischen dem Ziel der Heilung von Patienten und ihrer Manipulation zugunsten der Stärke der Armee auf. Abigail will diesen Konflikt nicht sehen - sie will die Regeln brechen. Vielleicht nur, weil sie so gegen ihren Vater rebelliert, auch diese Deutung lässt der Roman zu - was letztlich dem väterlichen Deutungsansatz entsprechen würde. Abigail aber interessiert sich nicht für Analyse, Abigail steht für Training. "Im Laufe der Geschichte nimmt ihre Geduld mit den Schwachen immer weiter ab", sagt Sarid: "Das Wichtigste ist Siegen."

Krieg heißt: Sieg oder Tod

Warm wird man beim Lesen mit dieser machthungrigen, scheinbar rationalen Figur nicht, und Sohn Schauli, der brav alle Erwartungen erfüllt und selbst einen ordentlichen Vaterkomplex mitbekommen hat, würde man gern ein wenig an den uniformierten Schultern packen und wachrütteln. Nur, zu welcher Erkenntnis? Wer in schöner individual-ethischer Tradition in dieser Mutter-Sohn-Geschichte doch eine besondere Wendung erwartet, wird enttäuscht. Yishai Sarid lockt uns ins Labyrinth seiner verwinkelten Figurenkonstellation, um uns am Ende gegen die Wände einer nihilistischen Realität laufen zu lassen. Leicht zu lesen, schwer zu verdauen. Krieg heißt: Sieg oder Tod, weiter nichts. Gewissen ist dann nicht mehr funktional, Mutterliebe auch nicht. Kriege gewinnt man mit denen, die keine Fragen stellen. Ein Buch also, das leider keinen Ausweg offenlässt. Die erfolgreichsten Sieger - und Siegerinnen - sind die monsterhaften.